Drogen
Drogensüchtige werden immer älter: Braucht es Altersheime für Junkies?

Dank moderner Medizin und der Viersäulenpolitik des Bundes werden Drogenabhängige immer älter. Oft sind sie mindestens zum Teil pflegebedürftig. Das stellt die etablierten Institutionen vor neue Aufgaben. Braucht es Altersheime für Langzeitsüchtige?

Remo Hess
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Auch Drogensüchtige werden immer älter. (Symbolbild)

Auch Drogensüchtige werden immer älter. (Symbolbild)

Keystone

Die Menschen werden immer älter – man weiss es. Aber: Auch Drogensüchtige werden immer älter. Im Jahr 1994, auf dem Höhepunkt der Heroin-Welle, waren noch mehr als drei Viertel aller Patienten der heroingestützten Therapie unter 35 Jahre. Heute sind es noch 16 Prozent. Im Gegensatz dazu sind 44 Prozent aller Abhängigen, welche ihre Drogen vom Staat beziehen, 45 Jahre und älter. Das geht aus dem Jahresbericht 2013 der heroingestützten Therapie hervor.

Diese demographische Tatsache stellt die Menschen, welche mit Abhängigen zu tun haben, vor Herausforderungen.

«Wir werden zum Pflegeheim»

So auch Jürg Voneschen, Leiter des Wohnheims Erzenberg in Liestal, einer Einrichtung, die Suchtkranken Strukturen für betreutes Wohnen bietet.

Voneschen: «Wir werden immer mehr zu einem Pflegeheim, dabei können wir diese Leistungen gar nicht erbringen.»

Zum Beispiel Dani*. Er ist 45 Jahre alt, davon hat er 26 Jahre auf Heroin verbracht. Sein körperlicher Zustand macht es notwendig, dass man ihm bei diversen alltäglichen Tätigkeiten wie Duschen und Ankleiden hilft.

Die Viersäulenpolitik des Bundes

Die Drogenpolitik des Bundes gründet auf vier Säulen

Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression.

In den letzten Jahren konnte ein erheblicher Rückgang der Drogentoten und der Beschaffungskriminalität erreicht werden. Die Gesundheit der Abhängigen wurde verbessert und die offenen Drogenszenen sind verschwunden.

Zudem gehört zur Viersäulenpolitik die kontrollierte Abgabe von Heroin und Opiate-Substituten wie Methadon und Subutex. (rhe)

«Er ist zwar erst 45, sein körperlicher Zustand ähnelt aber mehr dem eines 80-Jährigen.», so Voneschen. Trotzdem: Ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik wäre aufgrund seiner Sucht nicht zielführend – und vor allem zu teuer.

Für Voneschen und sein Team stellt sich die Frage:«Welche Leistungen sollen wir und vor allem, welche Leistungen können wir noch anbieten?»,

Das Personal des Wohnheim Erzenberg ist in der Pflege nicht geschult. Eine Anpassung im Jobprofil hätte umgehend eine massive Kostensteigerung zur Folge.

Ähnlich tönt es auch von Franziska Eckmann, der Leiterin von Infodrog, der Schweizerischen Koordinations- und Fachstelle Sucht: «Von der Generation Blattspitz sind viele bereits 50 Jahre und älter. Das stellt die Sozialarbeiter im Bereich Sucht vor neue Herausforderungen.»

«Altersheime» für Suchtkranke

In den Kantonen scheint man das sich ankündigende Problem zum Teil erkannt zu haben: Zwar wird versucht, alternde Drogensüchtige in den vorhandenen Pflege- und Altersheimen unterzubringen. Das funktioniert wegen dem häufig auffälligen Sozialverhalten von Süchtigen aber nur begrenzt.

Eine Alternative könnte das Konzept des Sternenhofs in Basel sein. Zurzeit wohnen in den vier Wohngemeinschaften an der Laufenstrasse insgesamt 24 Personen.

«Die Klienten befinden sich am Ende einer langen Drogen- und Suchtkarriere», sagt Gesamtleiter André Bischofberger. Und: «Oftmals plagen die Personen verschiedene chronische Nebenkrankheiten, welche Pflegedienstleistungen notwendig machen.» Dafür hat der Sternenhof hochqualifiziertes Personal engagiert. Bischofberger hält fest: «Die Nachfrage nach unserem Angebot ist gross. Wir könnten durchaus mehr Leute unterbringen.»

Lebenslange Begleitung

Mit zunehmendem Alter von Drogensüchtigen und dem Bedarf an Pflegeleistungen scheint sich die ursprüngliche Drogentherapie mehr und mehr zur lebenslangen Begleitung im Sinne von palliativer Medizin zu wandeln.

Es besteht die Gefahr, dass diese Aufgaben entweder an Institutionen hängenbleiben, die dafür kaum geschaffen wurden, oder dann auf die Pflege- und Altenheime abgeschoben werden.

Dass die Heime therapieresistene Langzeitsüchtige in Zukunft wirklich in ausreichendem Masse aufnehmen können, bleibt angesichts der demographischen Entwicklung zu bezweifeln. Ob die dafür geeigneten Strukturen geschaffen werden, ist nicht zuletzt ein politischer Entscheid.

* Name geändert

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