Gesundheit
3 Millionen Schweizer leiden an Allergien – ihnen hat der Bauernhof-Effekt nicht geholfen

Immer mehr Schweizer leiden an Allergien und Intoleranzen. Diverse Studien kommen zum selben Fazit: Eine übertriebene Hygiene trägt zum rasanten Anstieg bei.

Lea Schwer
Merken
Drucken
Teilen
Einmal Naseputzen: Allergien wie Heuschnupfen haben die Schweiz fest im Griff. Wer auf dem Bauernhof aufwächst, ist von Allergien weniger betroffen.

Einmal Naseputzen: Allergien wie Heuschnupfen haben die Schweiz fest im Griff. Wer auf dem Bauernhof aufwächst, ist von Allergien weniger betroffen.

Keystone

«In der Schweiz sind gegen drei Millionen Menschen von Allergien und Intoleranzen betroffen, besonders häufig Kinder und Jugendliche», so die Stiftung aha! Allergiezentrum Schweiz. Rund 20 Prozent der Bevölkerung hätten eine Pollenallergie, bis zu 15 Prozent Asthma und gegen 20 Prozent der Kleinkinder würden an Neurodermitis leiden – Tendenz steigend.

Bauernhof schützt vor Asthma

Wie mehrere Studien unabhängig voneinander nachweisen, lösen insbesondere zu hygienische Lebensumstände Allergien aus. «Eine englische Studie kommt zum Ergebnis, dass jüngere Geschwister seltener von Allergien oder Intoleranzen betroffen sind als die Erstgeborenen», so Prof. Dr. Philippe Eigenmann von der Unité d’Allergologie Pédiatrique am Universitätsspital Genf (HUG). Dies, weil sie bedingt durch ihre Geschwister von Geburt weg mit mehr Erregern in Kontakt kommen. Noch bekannter ist der sogenannte Bauernhof-Effekt. Einer Studie von vier Kliniken in München, Salzburg, Basel und Marburg mit über 3500 vier- bis achtjährigen Kindern zufolge haben Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, ein nur halb so grosses Risiko für Heuschnupfen und Asthma. Der Verzehr von Rohmilch und der Kontakt mit Tieren im Stall, bereits auch als Baby im Bauch der Mutter, würde die Kinder schützen.

Ein Leben wie vor 300 Jahren

Diesem Bauernhof-Effekt wollte eine Forschergruppe um Philippe Eigenmann auf den Grund gehen. «Wir haben Mäuse in einem Stall grossgezogen und unter normal-hygienischen Laborbedingungen.» Anschliessend wurden die Mäuse mit einem künstlichen Allergen konfrontiert. Sowohl das Immunsystem der auf dem Bauernhof geborenen Mäuse wie auch jenes der Labor-Mäuse veränderte sich. «Doch die auf dem Bauernhof geborenen Mäuse reagierten weniger allergisch als ihre Artgenossen im Labor», so Philippe Eigenmann. Dies massen die Forschenden anhand der Dicke einer Schwellung am Ohr. Der Grund: Das Immunsystem der Bauernhof-Versuchstiere war ständig aktiviert, aber auch stark reguliert. «Das Immunsystem lernt offenbar, seine Antwort zu moderieren», so der Genfer Forscher. Auch die Darmflora der im Stalldreck lebenden Mäuse war vielfältiger: Bei ihnen fanden sich mehr verschiedene Bakterien und Viren.

Will heissen, das dreiwöchige Fernseh-Experiment «Leben wie zu Gotthelfs Zeiten» – spartanisch Wohnen, Arbeiten auf dem Feld verrichten, Kühe melken und Käse herstellen – soll fortan als Lebensentwurf für eine allergieärmere Bevölkerung dienen? «Tatsächlich weisen US-amerikanische Studien nach, dass Amish-People, die noch wie vor 300 Jahren leben, weniger Allergien haben.» Doch: Eine Rückkehr zu alten Zeiten sei zum einen illusorisch, zum andern nicht das Fazit der Studie. «Vielmehr lassen die Forschungsergebnisse erkennen, dass vielschichtige Gründe für ein erhöhtes Allergierisiko verantwortlich sind.»

Probiotischer Joghurt kein Ersatz

«Das Zusichnehmen von Laktobakterien, beispielsweise durch probiotischer Joghurt, reicht für eine Allergie-Prävention nicht aus», sagt Prof. Dr. Philippe Eigenmann. Auch die Verabreichung einer Allergie-Impfung mit Bakterien, die das Immunsystem beeinflussen, wie es die Forscher des Bauernhof-Effekts vorsahen, sei seiner Meinung nach nicht genug wirksam. Eine Stuhltransplantation, bei der Ärzte Kranken die Fäkalien von Gesunden servieren, greife ebenfalls zu kurz. So auch die neuste Entdeckung: dass Nasenbohren und der anschliessende Verzehr des Nasensteins das Immunsystem stärke, und der Verzehr eines synthetischen Nasenschleims, in Kaugummi oder Zahnpasta enthalten, als eine Art Medizin funktionieren solle.

Multifaktorieller Ansatz

«Aktuell verstehen wir noch nicht alle Zusammenhänge, die den Anstieg von Allergien und Intoleranzen begünstigen.» Für eine bessere Prävention müsse noch viel geforscht werden. Prof. Dr. Philippe Eigenmann: «Ich schätze, es wird noch Jahre dauern, bis wir die Komplexität vertieft verstanden haben.» Bis dahin rät der Forscher, den gesunden Menschenverstand walten zu lassen und so gut es geht einer natürlichen Lebensweise nachzugehen. Dies beginne bereits in den ersten Lebensmonaten. Bei einer natürlichen Geburt kommt das Baby im Geburtskanal mit verschiedenen Mikroorganismen in Kontakt, was das kindliche Immunsystem trainiert. Auch dem Stillen wird die Schwächung für eine Allergiebereitschaft zugesprochen. «Haben Sie zudem keine Angst vor Bakterien», empfiehlt der Genfer Allergologe. Kinder sollten ruhig im Sandkasten spielen dürfen, ohne gleich danach die Hände waschen zu müssen. Und fügt an: «Ein übertriebenes Hygienebedürfnis gilt es zu überdenken.»