Geschenkte Jahre

Karin Fagetti und Peter Gross haben ein Buch geschrieben mit dem Titel «Glücksfall Alter». Die Menschen werden immer älter, das sei wie ein neuer Akt im Lebenstheater – aber das Skript dazu müsse erst geschrieben werden, sagen die Journalistin und der Soziologe.

Beda Hanimann
Drucken
Teilen
Autorenduo Peter Gross und Karin Fagetti. (Bild: Ennio Leanza)

Autorenduo Peter Gross und Karin Fagetti. (Bild: Ennio Leanza)

Es gibt eine Vielzahl von Büchern über das Alter und das Altern, wie Sie selbst schreiben. Nun steuern Sie noch eines bei. Kann man altern lehren?

Karin Fagetti: Eigentlich nicht. Aber man kann und muss sich damit auseinandersetzen. Vieles, was man übers Altern liest, macht Angst vor dem Alter.

Peter Gross: Der Titel unseres Buches heisst «Glücksfall Alter». Nun kann man Glück nicht erzwingen, es braucht auch Glück zum Glückhaben. Was man aber kann: Einige Bedingungen formulieren, um das Altern glücklicher zu gestalten, mit ihm lebensklug umzugehen. Stehen wir doch vor einer völlig neuen Situation heute. In einem Jahrhundert haben wir zwei Jahrzehnte an Lebenszeit dazugewonnen.

Versteht sich Ihr Buch als Ratgeber für alte Menschen oder als Denkanstoss für angehende Alte?

Fagetti: Beides. Egal, wo auf dem Lebensbogen man gerade steht, in Gesprächen mit Menschen spüre ich immer wieder, dass die Fragen des Alterns alle beschäftigen.

Gross: Für mich war die eigene Pensionierung der Ausgangspunkt. Das Alter stellt Fragen an mich. Ich bin interessiert, was es so mit mir anstellt. Einigen Antworten habe ich nicht getraut. Deshalb habe ich Karin Fagetti zum Mitschreiben überredet, die sich auch als Journalistin mit der Thematik auseinandersetzt. Sie hat meine Antworten aus ihrer Sicht betrachtet.

Was haben Sie dabei gelernt voneinander bezüglich des Alters?

Fagetti: Den unterschiedlichen Blickwinkel. Was einem mit 40 wichtig ist, kann mit 60 unwichtig sein. Aber das Schönste, Peter Gross ist zwar älter als ich, aber kein «Besserwisser» oder «Alles-schon-gesehen»-Mensch. Seine grosse Neugier und Offenheit sind überaus ansteckend. So kann altern aussehen.

Was verliert mit zunehmendem Alter an Bedeutung?

Fagetti: Ich habe gemäss Statistik nochmals ungefähr so viele Jahre vor mir, wie ich bereits hinter mir habe. Das ist ein ganz schöner Brocken. Wenn ich dann sehe, dass altern nicht abstottern bedeutet, dass man eigentlich älter und dabei auch noch glücklicher wird, fasse ich Mut für die zweiten 40 Jahre.

Sie sprachen von der neuen Situation, dass der Mensch zwei Jahrzehnte an Lebenszeit dazugewonnen hat.

Gross: Die Situation ist neu, eine Weltpremiere. Dass heute vier Generationen nebeneinander leben, ist keine Ausnahme mehr. Die Werbung einer Versicherung ist bezeichnend für diesen Wandel: «Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal die Pensionierung meines Sohnes erlebe», so ein älterer Herr. Nun bekommen wir ein Eintrittsbillett zu dieser Premiere. Die Bühne ist noch leer, es ist keiner da, der sagt, was gespielt wird. So müssen wir alle am Skript mitarbeiten.

Fagetti: Es braucht Zeit, sich an diese Situation zu gewöhnen und in dieser Übergangszeit den «horror vacui» ohne Angst auszuhalten.

Gross: Leere macht Angst . Es gibt haufenweise Bücher, die diese Angst schüren und apokalyptische Fahrpläne entwerfen. Dem widersprechen wir in allen Kapiteln. Wir widmen das Buch allen, die Angst vor der Zukunft haben.

Fagetti: In der Phase der Unsicherheit dehnen viele Menschen einfach das aus, was sie kennen, was schon immer da war. Wir haben das Gefühl, dass das nicht gut geht.

Warum sind Sie der Meinung, dass es für die zusätzlichen Jahre ein neues Drehbuch braucht?

Fagetti: Letztlich wird das Drehbuch für alle Jahre neu geschrieben. Wenn wir in einem Jahrhundert 20 Jahre dazugewinnen, verändert das alles. Die Kindheit wird länger, Erwachsensein mit Elternschaft und Beruf auch, und das Hochbetagtenalter kommt später auf einen zu. Das junge Alter muss seinen Platz noch finden.

Gross: Es stellen sich ja auch neue Fragen. Etwa Sexualität im Alter. Das war für unsere Eltern noch kein Thema. Oder die Demenz-Problematik, die mit der steigenden Lebenserwartung immer mehr Menschen beschäftigt. Fragen brauchen neue Antworten. Wir versuchen, sie zu geben. Von Alzheimer bis Dignitas.

In Ihrem Buch formulieren Sie provokative Thesen zu Demenz. Sie schreiben etwa, dass Alzheimer auch positiv gesehen werden könne, weil es alte Menschen von Verantwortung befreit.

Gross: Uns geht es nicht um imperative Ideale, die sagen, wie etwas zu sein hat. Sondern um neue Lesarten. Es gibt etwa die gängige Einschätzung, Alzheimer sei ein Todfeind der Gesellschaft. Wir fragen uns: Kann man das auch anders sehen?

Fagetti: Alzheimer wird auch aus der «Ewig-jung-sein»-Perspektive heraus betrachtet. Dasselbe gilt für die Sexualität: Sie wird immer nur von der Jugend her gedacht. Das Alter kann aber auch das Ende des Getriebenseins bedeuten. Man kann das durchaus als Befreiung empfinden. Uns geht es darum, neue Blicke zuzulassen. Das ist auch ein Hintergedanke der Doppelautorschaft. Die Blicke des 60jährigen und der 40jährigen führen nicht zu einem Generationen-Gegensatz. Wir befürworten weder Jugend- noch Alterswahn.

Gross: Dasselbe gilt für die Generationenbeziehungen. Weniger Kinder bedeuten nicht soziale Kälte, sondern mehr Zuneigung. Die Sorgen um sie haben erst aufgehört, als meine Kinder auch im Altersheim waren – ein schöner und trefflicher Satz.

Sie plädieren dafür, dass jeder so lange arbeiten kann, wie er will und mag. Das ist de facto die Forderung nach der Aufhebung der Pensionierung.

Gross: Das Fernziel ist eine vollständige Öffnung der Lebensarbeitszeit nach oben. Für die Arbeitswelt heisst das: Alle sollen arbeiten können, so lange sie wollen. Dann erübrigt sich die Diskussion um 63 oder 67 als AHV-Alter. Ältere Menschen wollen häufig auch von älteren Menschen bedient werden. Warum findet sich in der Stadt kein Friseur in meinem Alter? Es gibt viele Beispiele, etwa die Tatsache, dass Computer und Handy vermutlich von jungen Ingenieuren entwickelt werden. Das erklärt, warum noch keiner auf die Idee gekommen ist, eine simple Schreibmaschinentastatur ohne Maus mit dem Internet zu verbinden.

Der Mensch wird immer älter, gleichzeitig wird betont, das Altern beginne nicht erst mit der Pensionierung, sondern schon mit 50 oder 30. Müsste man da nicht allmählich den Begriff «Alter» liquidieren oder neu erfinden?

Fagetti: «Neu erfinden» gefällt mir besser. Mich ärgert es, wenn Leute den Begriff vermeiden oder wegreden, weil sie die Tatsache des Alterns nicht wahrhaben wollen. Wir altern alle, von der Geburt an. Ein Verdrängen des Begriffs führt zum Jugendwahn. Aber Alter im Sinne von gebrechlich, nutzlos, so darf der Begriff nicht mehr weiterexistieren.

Gross: Es sind schnell andere Begriffe da wie Goldboomer oder Generation Gold. Aber das ist die falsche Richtung, da ist auch der Goldesel nicht weit… Man müsste einen Begriff haben, der die Veränderung des Lebens in den Vordergrund stellt. Im Begriff Alter klingt eine negative Bedeutung mit, das war schon im Mittelalter so. Mit 70 wurde die alte Frau als Hexe dargestellt. Das Entscheidende ist die Veränderung, die ein Leben im Lauf der Jahre erfährt.

Fagetti: Die Ambivalenz bleibt ja, die wollen wir nicht ausmerzen. Der Mensch stösst nun einmal mit zunehmendem Alter buchstäblich mit der Nase darauf, dass es die Ewigkeit für ihn nicht gibt. Dass das auch schwierig sein kann, wollen wir nicht schönfärben oder wegreden.

Gross: Aber auch nicht rabenschwarzreden. Von der AHV bis zum Kollaps der Pflegeversicherung. Heute über das Jahr 2040 zu reden, ist so anmassend, wie wenn man 1970 über das Jahr 2010 geredet hat. Was dabei, z. B. an Bevölkerungsprognosen, herausgekommen ist, haben wir erfahren.

Zwischen den Extremen Jugendwahn und Alterswahn propagieren Sie einen Weg des überlegten Sicheinlassen auf das, was kommt. Ist Gelassenheit das eigentliche Rezept?

Gross: Nicht nur. Glücklich altern braucht Umsicht und Tatkraft. Das ist nicht einfach gegeben, sondern aufgegeben. Man muss freilich unterscheiden lernen zwischen dem, was man machen kann, und dem, was man annehmen und akzeptieren muss.