Genarrte Kunstwelt

Kunst Bei Sotheby's in London kommt ein Nat Tate unter den Hammer – ein Schwindel.

Sebastian Borger/London
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Ein Bild von Nat Tate: Der Schwindel, gezeichnet von William Boyd, wird morgen versteigert. (Bild: sb)

Ein Bild von Nat Tate: Der Schwindel, gezeichnet von William Boyd, wird morgen versteigert. (Bild: sb)

Wenn morgen bei Sotheby's in London moderne und zeitgenössische Kunst versteigert wird, kommt auch zum ersten Mal eine Arbeit von Nat Tate (1928–1960) unter den Hammer. Als der schottische Schriftsteller William Boyd vor 13 Jahren eine Biographie des tragisch jung durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Künstlers vorstellte, war von «Bridge No 114» noch gar nicht die Rede.

Kein Wunder – Nat Tate ist eine Fiktion, das Kunstwerk hat Boyd erst vor kurzem höchstselbst angefertigt. «Es ist das echte Gemälde eines fiktiven Künstlers für echtes Geld und einen sehr guten Zweck», erläutert Nat Tates Alter Ego Boyd. Der Auktionserlös des auf 3000 bis 5000 Pfund geschätzten Werks kommt einem Fonds für notleidende Künstler zugute. Mal sehen, ob die Kunstwelt Humor hat.

David Bowie las vor

Der in London lebende Schotte Boyd sieht dem Abend mit einer Mischung aus Vorfreude und Nervosität entgegen. Auf jeden Fall kommt seine fiktive Figur nicht zur Ruhe. Die Vorstellung der «Biographie» des angeblichen Nat Tate in Jeff Koons Studio in Manhattan hatte 1998 die Crème der New Yorker Kunstszene zusammengebracht. David Bowie las aus dem Buch vor, Gore Vidal sprach begeistert über die «bewegende Geschichte» des Künstlers, der 32jährig von der Brooklyn Bridge in den Tod gesprungen sei. Plötzlich erinnerten sich Veteranen an Ausstellungen mit Tates Werken; ganz Kühne behaupteten sogar, sie seien dem tragischen Maler selbst begegnet.

Nur in Boyds Phantasie

Am Ende kam heraus: alles Schwindel. Den tragischen Künstler gab es nur in Boyds Phantasie, seine Freunde Bowie und Vidal wirkten begeistert an der geschickten Täuschung mit. Nat Tate war ein Kunstname aus den beiden wichtigsten Kunstmuseen Englands (National Gallery und Tate Gallery). Boyd will das Buch als «Fabel» verstanden wissen auf die Fragwürdigkeit des Kunstmarktes.

Im vergangenen Jahr kam das Buch im Berlin Verlag auch auf Deutsch auf den Markt. Bei der Vorstellung vor 350 Leuten in einer Berliner Kunstgalerie überredete eine TV-Crew den Schotten, vor laufender Kamera einen «echten» Nat Tate zu fabrizieren. Das brachte ihn auf die Idee mit der Versteigerung. Ob sein fiktiver Held den Schriftsteller dann endlich in Ruhe lässt? Da klingt Boyd ein bisschen resigniert: «Ich bin mir nicht so sicher.»