Geliebt und ausgestossen

Die aus Kosovo stammende Hatixhe Bushataj hat sich aus den Zwängen ihres traditionell geprägten Hintergrunds befreit. Als junge Geschäftsfrau appelliert sie an ihre Landsleute, sich mehr um Integration zu bemühen.

Brigitte Schmid-Gugler
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Die selbständige Coiffeuse und Stylistin Haty Bushataj in ihrem Geschäft an der Brühlgasse in St.Gallen. (Bild: Coralie Wenger)

Die selbständige Coiffeuse und Stylistin Haty Bushataj in ihrem Geschäft an der Brühlgasse in St.Gallen. (Bild: Coralie Wenger)

Haty will sie genannt werden. Kurz und bündig. Und das, obwohl Sich-Kleinmachen nicht ihre Sache ist. Und sie sagt denn auch ganz unverblümt, dass sie mit ihrem Heimatland und mit Landsleuten, die sich in der Schweiz nicht anpassen wollten und negativ auffielen, nichts am Hut habe. Eher schämen müsse sie sich, wie neulich nach den Auseinandersetzungen beim Fussballspiel Albanien gegen Serbien. Da sei es auch hier in St.Gallen zwischen den jeweiligen Landsleuten zu einer Schlägerei gekommen, von der sie Augenzeugin geworden sei. Sie sei hinzugetreten und habe den Typen zugerufen: «Hört sofort auf damit! Wisst ihr was? Schlagt Euch doch dort die Schädel ein, wo ihr herkommt, aber nicht hier bei uns!»

Ja, sie fühle sich ganz und gar als Schweizerin, habe Schweizer Freundinnen und Freunde und pfeife auf die enge und absolut intolerante Verhaltensweise vieler ihrer kosovarischen Gleichaltrigen.

Freundinnen im Hort

Haty kam als kleines Mädchen in die Schweiz. Ihr Vater, der im Gartenbau tätig war und heute pensioniert ist, war als Gastarbeiter immigriert und hatte später seine Familie – seine Frau, die drei älteren Brüder, die kleine Haty und deren jüngere Schwester–nachkommen lassen. Aus einer Stadt in Kosovo, deren Bewohner später während des Bürgerkrieges Schlimmstes erleben sollten. Die Familie liess sich in St.Gallen nieder. «Wir Kinder verbrachten die meiste Zeit im Kinderhort, weil beide Eltern arbeiteten. Für mich war das eine ganz gute und schöne Zeit. Ich hatte meine Freundinnen; auch später im Blauring.» Dass sie in den katholischen Mädchenverein eintrat, dagegen hatten die moslemischen Eltern nichts. Auch sonst hätten sie den Kindern Freiheiten eingeräumt und sich selber gut integriert.

Als Haty ihre Lehre als Coiffeuse begann, erklärte der Lehrmeister ihrem Vater, der sie zum Vorstellungsgespräch begleitet hatte, die langen schwarzen Haare seiner Tochter würden nicht zum Geschäfts- und Berufsimage passen. Der Vater habe das eingesehen und sie in ihrem Berufswunsch unterstützt. «Ich wollte alles richtig machen» Eines Tages sei sie dann tatsächlich mit kurzgeschnittenen blondierten Haaren nach Hause gekommen. «Mein Vater weinte, meine Mutter weinte, und auch ich musste weinen », erzählt Haty, als wär’s gestern gewesen. Doch natürlich stand auch der freche blonde Schnitt ihrem attraktiven Gesicht. Sie fiel auf – auch jenem Mann, der sich im Geschäft jeweils die Haare schneiden liess. Die beiden wurden ein Paar. Kaum hatte sie die Lehre beendet, wurde Hochzeit gefeiert. «Meine Familie sollte stolz sein können auf mich. Wir hatten es gut, lebten in einer schönen, grossen Wohnung. Ich wollte alles richtig machen, und ich liebte diesen Mann – wir liebten uns sehr!», unterstreicht Haty, und sie wird diesen Satz im Verlauf des Gesprächs ein paarmal wiederholen.

Vom Mädchen zur Frau

Was ihr in die Quere kam, waren ihr jugendliches Alter und ihre Lebenslust: Sie war gerade eben 19 Jahre alt und entdeckte erst jetzt, da sie von zu Hause fort war, dass es noch ein anderes Leben gab. «Ich wurde vom unwissenden Mädchen zur Frau, war oft im Ausgang, auch ohne meinen Mann, das war für uns beide in Ordnung. Sie mietete sich in der Stadt in einem Coiffeursalon ein und hatte sehr bald ihre eigene Kundschaft.

Als die Geschäftsleiterin des St.Galler Clubs Backstage eines Tages auf sie zutrat und sie fragte, ob sie Lust hätte, während der Parties einen «Styling Point» zu betreiben, sagte sie zu. «Es schlug ein wie eine Bombe! Die Frauen standen – und stehen immer noch – Schlange, wenn Haty einmal im Monat vor Ort ist. (Mittlerweile findet dieser Event im Trischli statt.) «Sie kommen ungeschminkt und können sich vor der Party von mir aufbrezeln lassen.» Es sollte nicht lange dauern, bis der «Elephant Club» in St.Gallen die Idee kopieren wollte und sie ebenfalls anfragte, diesmal gar zusammen mit Modeschauen. Ihr Talent nicht nur als Stylistin, sondern auch als frohgelaunte Stimmungsmacherin sprach sich herum, zumal sie auch via soziale Medien Fotos und Videos der Events verbreitete. «Ich gab tatsächlich Vollgas», erzählt Haty und zündet sich die nächste Zigarette an.

Vater wendet sich ab

Ihr ungebremster Tatendrang und ihre Geschäftstüchtigkeit – inzwischen hatte sie im St.Galler Stadtzentrum einen eigenen Laden eröffnet – führten dazu, dass das junge Paar sich immer weniger zu sagen hatte. Es kam zur Trennung, dann zur Scheidung. Der Vater gab ihr die Schuld. Sie sei es gewesen, die nicht gut genug gewesen sei für ihren Mann, die ihn im Stich gelassen habe, ihm keine gute Ehefrau war. «Nichts in meinem Leben hat mich je so gekränkt», erzählt Haty. Zwar hätten sich die Wogen etwas geglättet, doch ihr Vater und zwei Brüder wollen bis heute nichts mit ihr zu tun haben. «Es gibt für kosovarische Männer eben verschiedene Methoden, jemanden wie mich auszustossen, wenn sie der Meinung sind, eine Frau habe die Ehre der Familie verletzt.»

Die Mutter und zwei ihrer Geschwister, ganz besonders ihre Schwester und deren Schweizer Freund, halten jedoch nach wie vor zu ihr. Nach ihrer Scheidung und der hartherzigen Reaktion ihres Vaters rutschte der jungen Frau der Boden unter den Füssen weg. «Ich fühlte mich sehr allein, unsicher und hatte keine Lebensfreude mehr.» Es gebe Verwandte und manchmal gar Bekannte, die sie nicht mehr grüssten. Das Wort «Schlampe» sei dabei noch der gnädigste Begriff, mit dem man sie beschimpfe.

Ein solches Verhalten führe sie viel weniger auf die Religion als vielmehr auf den für ihre Landsleute sehr verbindlichen «Kanun» zurück. Die «Ehre» gehe über alles, auch über Mitmenschlichkeit und Fairness. «Wenn ich jemandem Schaden zugefügt hätte, dann könnte man mich verurteilen. Doch das habe ich nicht! Man könnte zur Rassistin werden», poltert sie. Sie sei doch einfach eine ganz normale junge Frau, viel normaler als viele Schweizerinnen, die sie manchmal im Ausgang erlebe. Sie werde demnächst dreissig Jahre alt, hüpfe nicht von einem Bett ins andere und habe zwei Männer «wirklich geliebt». Auch eine neue grosse Liebe ging in die Brüche, doch Hatys Einsicht lautet: «Ich merkte, dass ich jetzt entweder kämpfen muss oder untergehe.» Sie kämpfte und bekam Oberwasser.

Am letzten OpenAir betrieb sie erstmals einen Haarschneidesalon. Auch dort standen die Leute Schlange. Seit fünf Jahren ist sie am St.Galler Fest mit ihrer eigenen Bar präsent, und sie veranstaltet Spendentage, an denen sie den Tagesumsatz für ein Hilfswerk zur Verfügung stellt. Ihr Ruf, Menschen animieren zu können, zieht inzwischen weite Kreise: Es kommen grosse, schweizweit bekannte Partyveranstalter zu ihr und wollen, dass sie an ihren Events als DJ auflegt. Manchmal tut sie es, doch ihr professionelles Genre liege ihr besser, behauptet sie. Beruf und Freizeit fliessen ineinander; für sich selber bleibe ihr wenig bis gar keine Zeit. «Ständig trudelt jemand in den Laden, der etwas von mir will, manchmal auch einfach, dass ich zuhöre.» Ja, auch das könne sie nämlich gut, bestätigen Freundinnen der lebensfrohen Haty.