GEISELHAFT: «Verdrängen kann helfen»

Max Göldi ist nach knapp zwei Jahren in libyscher Geiselhaft wieder ein freier Mensch. Was er erlebt hat, nennen Psychiater ein «langandauerndes Trauma». Wie geht es seiner Seele? Bruno Kägi, Chefarzt des Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden, schildert, was in Max Göldi vorgehen könnte.

Philippe Reichen
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Max Göldi war während fast zweier Jahre in libyscher Geiselhaft. Am Sonntag kam er frei. (Bild: ap/Abdel Meguid Al-Fergany)

Max Göldi war während fast zweier Jahre in libyscher Geiselhaft. Am Sonntag kam er frei. (Bild: ap/Abdel Meguid Al-Fergany)

Max Göldi ist zurück in der Schweiz. Die letzten Monate verbrachte er in Isolationshaft, in einer Zelle ohne Tageslicht. Wie geht es einem Menschen, der so etwas ertragen musste?

Bruno Kägi: Es kommt auf Max Göldis Persönlichkeit an. Die Frage ist, wie gross seine eigenen Ressourcen waren, die traumatischen Erlebnisse in Libyen zu verarbeiten. Körperlich scheint er die Zeit mehr oder weniger unbeschadet überstanden zu haben.

Was meinen Sie mit Ressourcen?

Kägi: Damit meine ich Max Göldis Fähigkeit, mit Schicksalsschlägen umgehen zu können. Wenn jemand zu Depressionen neigt oder schnell Angst bekommt, sind das schlechte Voraussetzungen dafür, ein derart lang andauerndes Trauma, wie es Max Göldi während seiner Geiselhaft erlitten hat, verarbeiten zu können.

Dem Vernehmen nach soll Max Göldi ein disziplinierter Mensch sein, der selbst seinen Gefängnisalltag strukturiert hat. So soll er sich dort fit gehalten, Bücher gelesen und Sudokus gelöst haben.

Kägi: Das sind sicher geeignete Abwehrmassnahmen um nicht ständig daran herumstudieren zu müssen, was um einen geschieht, oder was noch Schlimmes passieren könnte. Belastende Erlebnisse zu verdrängen kann sehr positiv sein, wenn es darum geht, seine Seele zu schützen. Was Max Göldi erlebt hat, ist für die Seele ein «Riesenstress».

In seinem Fall wurde ein unschuldiger Mensch als Geisel genommen. Es ist ein grosser Unterschied, ob dieser Stress einen Monat oder zwei Jahre lang andauert.

Hilft die Verdrängung wirklich weiter?

Kägi: Studien, die mit ehemaligen KZ-Häftlingen gemacht wurden, zeigen, dass jene, die ihre Vergangenheit verleugneten, Jahrzehnte nach der Traumatisierung ohne psychische Probleme leben konnten.

Im Alter sind jedoch die Erinnerungen wieder so stark geworden wie kurz nach den traumatischen Erlebnissen in den Vernichtungslagern.

Auch wenn sich Max Göldi nicht mehr mit seiner Zeit in Libyen beschäftigen sollte: eine posttraumatische Belastungsstörung kann dennoch auftreten.

Kägi: Eine solche Störung kann, aber muss nicht auftauchen.

Etwa ein Viertel der Menschen, die ähnliche Erlebnisse wie Max Göldi gemacht haben, also entführt oder als Geisel festgehalten wurden, leiden an einer posttraumatischen Belastungsstörung. In Vergewaltigungsfällen ist der Anteil höher. Rund 50 Prozent der Frauen, die wir in unserer Klinik behandeln, leiden an einer Belastungsstörung.

Wie sind die Symptome einer solchen Störung?

Kägi: Das Störungsbild ist sehr vielfältig. Es können plötzlich Erinnerungslücken auftauchen; Betroffene klagen über Albträume oder Flashbacks, sie können schreckhaft oder schnell gereizt sein, Schlaf- und Konzentrationsstörungen haben. Es gibt Patienten, die leiden an einer emotionalen Taubheit: Sie ziehen sich zurück, haben kein Interesse mehr, was um sie geschieht, wirken teilnahmslos.

Bei Patienten, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, genügen Geräusche oder Gerüche, die an eine bedrohliche Situation erinnern, und die Symptome tauchen auf. Es gibt Fälle, in denen Betroffene sich auffällig verhalten, um Reizen zu entgehen.

Was kann die Psychiatrie dagegen tun?

Kägi: Ich selbst bin kein Spezialist für derartige Störungen, aber eine Psychotherapie in Verbindung mit einer Verhaltenstherapie hilft in der Regel weiter. Die belastenden Bilder werden dabei wohl dosiert wieder ins Bewusstsein gebracht.

Werden Betroffenen auch Medikamente verabreicht?

Kägi: Medikamente helfen nur bedingt. Es lohnt sich, sie nicht prioritär einzusetzen. Medikamente gegen Schlafstörungen können nützlich sein – auch Antidepressiva, aber sie sollten auf keinen Fall über längere Zeit eingenommen werden.

Max Göldi ist 54jährig. Könnte er seine rund zweijährige Geiselhaft besser verarbeiten, wäre er zwanzig Jahre jünger?

Kägi: Da bin ich mir nicht so sicher. Klar, ein jüngerer Körper erträgt mehr, aber bei der Seele ist das anders.

Max Göldi ist mit 54 Jahren eine gefestigte Person, hat einige Lebenserfahrung gesammelt. Ältere Personen gehen mit Belastungen anders um, nehmen Schicksalsschläge gelassener hin.

Wäre Max Göldi Ihr Patient. Was würden Sie ihm raten? Die nächsten Tage keine Zeitungen zu lesen?

Kägi: Das wohl nicht. Er sollte in den normalen Alltag hineinfinden. Alleine, dass er wieder bei seiner Familie ist, ist eine grosse Hilfe. Sie gibt ihm Geborgenheit und das Gefühl von Sicherheit.

Soll er Interviews geben?

Kägi: Wenn es ihm wohl dabei ist, warum nicht? Wenn ihn die Erinnerungen aber zu sehr belasten, sollte er zurückhaltend sein. Obwohl es scheint, dass Max Göldi seine Erlebnisse in Libyen gut verarbeitet hat, wird er das, was er erlebte, nie vergessen. Die Bilder bleiben vielleicht im Keller seiner Seele, aber dort sind sie nicht verloren.

Ingrid Betancourt war während sechs Jahren eine Geisel der kolumbianischen Farc-Rebellen. (Bild: epa/Presidencia)

Ingrid Betancourt war während sechs Jahren eine Geisel der kolumbianischen Farc-Rebellen. (Bild: epa/Presidencia)

Andreas Notter wurde von der Rebellengruppe Abu Sayyaf während dreier Monate festgehalten. (Bild: ap/Nickee Butlangan)

Andreas Notter wurde von der Rebellengruppe Abu Sayyaf während dreier Monate festgehalten. (Bild: ap/Nickee Butlangan)

Chefarzt Bruno Kägi (Bild: Ralph Ribi)

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