Gefeiert, vergessen, wiederentdeckt

Lesbar Sachbuch Helge Hesse beginnt sein Buch «Unbekannte Helden der Weltgeschichte» mit einem denkwürdigen Satz.

Drucken

Lesbar Sachbuch

Helge Hesse beginnt sein Buch «Unbekannte Helden der Weltgeschichte» mit einem denkwürdigen Satz. Er schreibt: «In manchen Momenten der Weltgeschichte betraten Menschen die Bühne der Ereignisse, deren Namen selten in einem Geschichtsbuch oder in einem Lexikon zu finden sind, die aber bemerkenswerte Dinge taten, atemberaubende Abenteuer erlebten oder solche aussergewöhnliche Schicksale zu meistern hatten, dass es ein Muss ist, von ihnen zu erzählen.

» Diese Äusserung für sich betrachtet, wirft Fragen auf: Warum sind die unbekannten Helden plötzlich untergetaucht? Warum feiert die Geschichtsschreibung die einen und vergisst die anderen? Autor Helge Hesse, Philosoph, Betriebswirtschafter und Publizist, zeigt in der Folge kein wirklich grosses Interesse daran, die Frage zu beantworten.

Er versammelt zwar diverse vergessene Helden, fokussiert auf Biographien, hinterfragt das Schicksal des Vergessenwerdens aber nicht. Dazu kommt, dass ein kritischerer Umgang mit der einen oder anderen historischen Epoche, zum Beispiel dem Vietnamkrieg, durchaus angebracht wäre.

«Folge mir und lerne»

Ansonsten schöpft der Autor aus dem vollen.

Seine Präsentation dieser unbekannten Heldinnen und Helden beginnt er mit Xenophon, einem Philosophen, der in der modernen Geschichtswissenschaft immer wieder als Zeitzeuge konsultiert wird.

Hesse schildert die Umstände, wie Xenophon Schüler von Sokrates geworden sein soll. Die Episode aus dem Jahr 404 v. Chr. ist heute noch höchst amüsant zu lesen. «Weisst du, wo man am besten etwas zu essen kauft?», soll Sokrates Xenophon gefragt haben. «Auf dem Markt», antwortete der junge Mann.

«Und weisst du, wo die Menschen gut werden?» fragte Sokrates weiter. Xenophon verneinte, worauf Sokrates gesagt haben soll: «Dann folge mir und lerne.» Sokrates' Schüler begleitet später das griechische Heer als Berichterstatter und soll die demoralisierten Söldner in der Schlacht gegen die Perser mit flammenden Worten angetrieben und schliesslich in Sicherheit gebracht haben.

Persönliche Opfer

Warum ist dieser einstige Eroberer nicht als Friedensstifter in die Geschichte eingegangen? muss man sich beim spanischen Abenteurer Álvar Núñez de Vaca, einem anderen vergessenen Helden, fragen. Cabeza de Vaca (Kuhkopf) setzte im 16. Jahrhundert von Spanien nach Südamerika über, überlebte dank der Hilfe der Indianer, musste am Ende seiner Odyssee dann aber doch noch um sein Leben fürchten und starb schliesslich im Arrest in seiner Heimat Spanien.

Hugh Thompson ist der letzte der vergessenen Helden der Weltgeschichte, den Autor Helge Hesse feiert. Thompson sorgte 1969 dafür, dass die Hintergründe des Massakers von My Lai während des Vietnamkriegs bekannt wurden. Fühlte der Veteran sich als Held? Kaum. Er habe nur seine Pflicht getan, so Thompsons Botschaft. Und er litt an den Folgen.

Philippe Reichen

Helge Hesse. Unbekannte Helden der Weltgeschichte. Eichborn, Frankfurt a. M. 2009, Fr. 35.90.