Geburtstrauma: Wenn das Kind vergeblich anklopft

Den sicheren Bauch verlassen. Durchzwängen durch den Geburtskanal. Und hinaus in eine feindliche Umgebung - so dramatisch hat die frühe Traumaforschung den Geburtsvorgang gesehen. Arthur Janov spricht von einer «Situation auf Leben und Tod».

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Den sicheren Bauch verlassen. Durchzwängen durch den Geburtskanal. Und hinaus in eine feindliche Umgebung - so dramatisch hat die frühe Traumaforschung den Geburtsvorgang gesehen. Arthur Janov spricht von einer «Situation auf Leben und Tod». Und für Francis Lake sind gar die ersten drei Monate der Schwangerschaft seelenprägend.

Das «Drama der Geburt»

Sind wir also alle von Geburt aus traumatisiert? Der St.

Galler Psychotherapeut Klaus Käppeli befasst sich vorwiegend mit traumatischen Erfahrungen vor und während der Geburt. Er relativiert: Grundsätzlich sei der Mensch für das «Drama der Geburt» geschaffen: «Die Seele traut uns das zu.» Jede Geburt enthalte jedoch traumatisierende Elemente.

Die engste aller Bindungen

Entscheidend sei, ob die Bindung zwischen Mutter und Kind dabei Schaden nehme. «Bonding» heisst diese engste aller Beziehungen, die schon mit der Zeugung beginnt.

Traumatisierend kann es für das Kind sein, wenn der Kontakt zur Mutter abbricht, zum Beispiel durch Anästhesie, bei Kaiserschnitt oder bei anderen Eingriffen. Käppeli erklärt bildhaft: Das Kind klopft an, aber es erhält plötzlich keine Antwort mehr. Das könne Todesangst auslösen.

Umso wichtiger, dass so rasch wie möglich der Kontakt wieder da ist: dass also beim nächsten «Anklopfen» wieder jemand antwortet, zum Beispiel durch ein gutes Bonding nach der Geburt.

Ein geplanter Kaiserschnitt bedeutet, dass das Kind selber noch nicht «parat» zur Geburt ist. Ein anderer vieldiskutierter Aspekt ist, dass Kaiserschnitt-Kinder die Erfahrung von Grenzen nicht machen - in seiner Praxis erlebt Käppeli immer wieder Fälle, wo sich dieses Muster später in der Erziehung wiederholt.

Wir nehmen eine Botschaft mit

Das sei aber nicht wertend zu verstehen, präzisiert er. Jede Geburt ist individuell, jede Geburtserfahrung wird auf individuelle Weise verarbeitet.

«Wir alle nehmen mit der Geburt eine Botschaft mit ins Leben.» Kinder hätten ein (unbewusstes) Wissen um ihre Geburt. Sie kommen in die Praxis und spielen unvermittelt eine Situation nach, die mit ihrem Geburtserlebnis übereinstimmt. Besonders beeindruckend für Käppeli: Kaiserschnitt-Kinder wollen fast immer eine verschlossene Tür in seiner Praxis erkunden oder fürchten sich davor, dass diese plötzlich aufgehen könnte.

Noch nicht verschüttet

Bei Kindern sei dieses körperliche Wissen noch weniger verschüttet durch spätere Erfahrungen. Dies schafft gute Voraussetzungen für eine Therapie. Geburtstraumata, aber auch andere Schreckerlebnisse hätten dann Spätwirkungen, wenn sie sich repetieren, wenn sie zum Muster werden - und nicht verarbeitet sind. Dann kann es zu Angstreaktionen bei ganz anderen Situationen kommen.

Genauso wichtig wie Bewusstheit sei Gelassenheit. «Das Leben nimmt seinen Weg, schon vor der Geburt. Und nicht immer ist es der, den wir gern hätten. Es bringt nichts, sich deswegen - zum Beispiel als Mutter - Schuldvorwürfe zu machen. Aber man soll den Kindern die Wahrheit sagen. Darauf haben sie ein Anrecht», sagt Käppeli. Peter Surber