Geborgenheit im Revolverlauf: Der US-vietnamesische Dichter Ocean Vuong lässt in seinen Gedichten tief blicken

Sein junges Leben ist schwer, dessen Vorgeschichte noch schwerer. Nach seinem weltweit beachteten Romanerstling «Auf Erden sind wir kurz grandios» lässt Ocean Vuong auch in seinen Gedichten tief blicken.

Florian Bissig
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Die Gedichte des 31-jährigen Ocean Vuong skizzieren die Lebens- und Imaginationswelt ihres Autors.

Die Gedichte des 31-jährigen Ocean Vuong skizzieren die Lebens- und Imaginationswelt ihres Autors.

Bild: Tom Hines


Ocean Vuong fand letztes Jahr weltweite Beachtung mit seinem Romanerstling «Auf Erden sind wir kurz grandios», dessen deutsche Übersetzung wenige Wochen nach dem englischen Original erschien. Durch den autobiografisch grundierten Briefroman über sein autofiktionales Alter Ego transportierte Vuong auch seine eigene Lebensgeschichte als vietnamesischstämmiger Amerikaner, der seinen schwierigen Weg aus bescheidenen Verhältnissen ins Leben eines Erwachsenen und Künstlers, dazu seine Identität als Homosexueller sucht.

Während Vuong in den USA bereits 2010, im Alter von 22 Jahren, als Lyriker debütiert hatte und für seine Gedichte vielfach ausgezeichnet wurde, reicht Hanser dem deutschsprachigen Lesepublikum nun, nach der grossen Resonanz des Romans, seinen letzten Gedichtband von 2016 nach. Auch Vuongs Gedichte skizzieren, bei allem Reichtum an Fantasie und Metaphorik, die Lebens- und Imaginationswelt ihres Autors und geben tiefe und bewegende Einblicke ins Persönliche.

Vater verliess die Familie

Am präsentesten sind in Vuongs Lyrik paradoxerweise die abwesenden Männer: Einerseits sein Grossvater, der US-Soldat, der Vuongs Mutter mit einer vietnamesischen Bauerntochter gezeugt hatte, die er beim Abzug aus Saigon zurücklassen musste; andererseits sein Vater, der die Familie bald nach der Flucht in die USA verlassen hatte. Das Gedicht «Eine Spur näher am Abgrund» skizziert die Begegnung eines Paars, «jung genug, um zu glauben, dass nichts/sie verändern wird», die von Begehren und Gewalt geprägt ist. Seine gefälschte Rolex wird an ihrer Wange zerschellen, doch zuvor hebt er ihren weissen Baumwollrock an. «O Vater, o Vorzeichen, drück/dich in sie» – «O Mutter/o Minutenzeiger, lehre mich/einen Mann so zu umgreifen». Vuong versetzt sich in die Eltern und imaginiert vielleicht die Szene seiner Zeugung.

Nach Streit, Schlägen und Gesetzeskonflikten ist der Vater weg und hinterlässt dem Kind einen Colt. Der Sprecher fantasiert eine Umarmung, wo fest, «wie der Lauf sich, auf den Himmel gerichtet, um die Kugel schliessen muss». Der Lauf des Revolvers und die Kugel darin, das ist nur eines von vielen drastischen Bildern für die Beziehung von Vater und Sohn, in denen sich eine verletzte, bedürftige Kinderseele ausdrückt.

Vuong schaut den Tatsachen fadengerade ins Auge, auch den historischen: Seine Identität ist unauflöslich verstrickt mit Zerrissenheit, Gewalt, mit einem grässlichen Krieg: «Ein amerikanischer Soldat fickte ein vietnamesisches Bauernmädchen. Deshalb gibt es meine Mutter./Deshalb gibt es mich. Deshalb keine Bomben = keine Familie = kein Ich.»

Sexualität ist mit Schmerz und Gewalt besetzt

Dem jungen Erwachsenen wiederum scheint der Sex Linderung zu bringen. Aber auch seine eigene Sexualität ist mit Schmerz und Gewalt besetzt. «Of thee I sing», mit dem altertümelnden poetischen Anruf erweist Vuong Walt Whitman, dem Pionier des freien Verses und der homoerotischen Dichtung, seine Referenz. Bei einem schwulen Schäferstündchen hinter der Spielerbank des Baseballfelds sind «vier Hände beflügelt/zu Dutzenden», und so wird eine atemlose sexuelle Begegnung in raschen Strichen in ihrer flüchtigen, verstohlenen Sinnlichkeit entfaltet. Andernorts machen Anspielungen auf Hass und Gewalt gegen Homosexuelle deutlich, wie wenig die US-Gesellschaft seit Whitmans Gesängen vorangekommen ist.

Bei aller Schwere der Thematik bleibt die Haltung des lyrischen Ichs eine suchende und fragende. Was wird aus dem Jungen, der keiner mehr ist? Wie liebt man einen Mann? Gut oder schlecht? Diese Haltung spiegelt sich auch in der Vielfalt der lyrischen Formen, die sich Vuong aneignet und die er weiterentwickelt – im Ausgang von Vorbildern wie Whitman, Dickinson, Mallarmé, Rilke, aber auch unter Bezugnahme auf ostasiatische Traditionen, wie diejenige des japanischen Haibuns, einer Mischform aus Prosa und Haiku. Vuongs Ausdrucksweise ist gewählt, zuweilen gespreizt, dazu lässt sie sich oft vom Klang leiten. Das stellt höchste Ansprüche an die Übersetzung. Ann-Kristin Mittag stellt dem Text eine tragfähige deutsche Version zur Seite, neben der man das Original mit seiner Raffinesse des Klangs und der Assoziation nicht missen möchte.

Ocean Vuong: Nachthimmel mit Austrittswunden (Carl Hanser Verlag) 176 Seiten.