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Für Urbanisten, Weinliebhaber, Wanderer – warum Bosnien das abwechslungsreichste Land Europas ist

Bosnien-Herzegowina hat Besuchern einiges zu bieten. Der kleine Balkanstaat ist ein touristischer Rohdiamant, mitten in Europa. Auf engstem Raum warten Gebirge, Städte und Weingebiete darauf, entdeckt zu werden.
Benjamin Wieland

Das höchste Dorf Bosniens erwandert. Bärenspuren gesehen und Wein degustiert. Die Feier des Fussballklubs FK Sarajevo besucht, des frischgebackenen bosnischen Meisters. In Sarajevo an der Stelle gestanden, wo 1914 Franz Ferdinand erschossen wurde, was den Ersten Weltkrieg auslöste. In einer Gondel von Olympia 1984 gesessen, als die Welt in Jugoslawien noch einigermassen in Ordnung war. Dann, nach fünf Tagen Reise quer durchs Land, als wir im Café sitzen, kommt die Frage: Was macht sie aus, die Bosnierin, den Bosnier?

Der Reiseleiter Jure schmunzelt. Es gebe, sagt er, ein paar Selbstbeschreibungen der Bosnier, bekannt für Schalk und Selbstironie, und die Liste falle mal länger, mal kürzer aus, mal netter, mal schärfer – je nachdem, wie viel Rakija, Obstbrand, im Spiel ist. Du bist Bosnier, wenn ...

  • ... du zu jeder Mahlzeit Brot isst.
  • ... du zu jeder Mahlzeit – neben kiloweise Brot – auch Unmengen Fleisch vernichten kannst.
  • ... deine Grossmutter auch nach dem dritten Teller Burek fragt, ob du noch hungrig bist. Und sie dein Nein nicht akzeptiert und dir eine weitere Ladung des Blätterteigkuchens auf den Teller schaufelt.
  • ... eine Heklanje, eine Häkeldecke, das Stubentischchen deiner Mutter ziert. Womöglich liegt auch auf dem Fernsehmöbel ein Häkeldeckchen. Wahrscheinlich liegt sogar auf jedem Möbel ein Häkeldeckchen.
  • ... du auch mit dem übelsten Kater noch zur Arbeit erscheinst. Um am TV ein wichtiges Fussballspiel gucken zu können, darfst du aber getrost schwänzen.
  • ... die Erzählungen deiner Eltern stets mit «vor dem Krieg» oder «nach dem Krieg» beginnen.

Ja, der Krieg. Es heisst, Galgenhumor habe den Bosniern durch ihre bewegte Geschichte geholfen. Fast 500 Jahre osmanische Herrschaft, abgelöst von einem halben Jahrhundert unter den Habsburgern, zwei Weltkriege, die Jugoslawienkriege. Der Bosnienkrieg war besonders verheerend. Zwar brachte er Bosnien die Unabhängigkeit, warf das Land aber auch stark zurück. Man muss nicht gross aufmerksam sein, um Spuren der schlimmen Zeit zwischen 1992 und 1995 auszumachen, etwa Einschlaglöcher an Hausfassaden. Aber das Land will nach vorn schauen.

Ein Pfeiler, auf den die Bosnier bauen können, ist der Tourismus. Was kaum bekannt ist: Bosnien-Herzegowina, etwa ein Viertel grösser als die Schweiz, bei nicht einmal halb so vielen Einwohnern, bietet allen etwas: Urbanisten kommen in Sarajevo und Mostar auf ihre Kosten, Weinliebhaber in der sonnenverwöhnten Herzegowina, das Land hat einen Streifen Adriaküste, und die Dinarischen Alpen punkten mit Skigebieten und Wanderwegen.

Auf Schweizer wartet noch eine Überraschung. Die Föderation Bosnien-Herzegowina – der Landesteil, in dem die Muslime und die Kroaten wohnen – ist ebenfalls in Kantone unterteilt. Nicht aber die serbischen Gebiete des Landes, die Republika Srpska: Sie kennt Regionen. Es ist eben alles ein wenig kompliziert in diesem jungen Staat. Und so gilt auch die anfangs erwähnte Aufzählung vorwiegend für die Bosniaken. Das sind die Bosnier muslimischen Glaubens, die rund die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

Der Bär lässt grüssen. Zum Glück nur ein kleiner

Sogar einen Urwald hat Bosnien-Herzegowina, einen der letzten seiner Art in Europa. Der Perucica-Wald liegt weit ab vom Schuss, im Nationalpark Sutjeska. Hier wächst die Natur, wie sie will. Das gefällt auch dem Bären: Als wir die Hänge besteigen, treffen wir in einem Schneefeld auf Spuren von Meister Petz. Der Parkranger will uns beruhigen: Es handle sich um ein junges Tier. Highlight des Sutjeska ist der Maglić, der höchste Berg Bosniens, 2386 Meter. Wie aus der Zeit gefallen: das Sutjeska-Denkmal. Es erinnert an die Schlacht im gleichnamigen Tal. 1943 schlugen hier die Partisanen die deutschen Verbände. Es war, so lautet zumindest die Legende, der Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg.

So ursprünglich der Perućica-Wald ist, so überrannt ist Mostar. Die Stadt erlangte im Bosnienkrieg tragische Berühmtheit. Kroatisch-bosnische Einheiten beschossen die Einbogenbrücke, die Stari Most, so lange, bis sie einstürzte. Das Wahrzeichen ist längst wieder aufgebaut – so wie der ganze Stadtkern. Er ist herausgeputzt, als stünde er im Europapark: Fussgängerzonen mit Cafés und Restaurants, dazwischen Shops, in denen Tagestouristen selig werden. Sie fallen jeden Morgen von neuem in die Stadt ein, angeliefert von Reisecars, meist mit Startpunkt Dubrovnik, wo Kreuzfahrtschiffe vor Anker liegen.

Der Stadtspaziergang endet jäh bei den ersten Ringstrassen. Nur wenige Schritte ausserhalb der osmanischen Altstadt säumen Ruinen die Strassen, Gebäude aus der Habsburgerzeit ohne Fenster, die Eingänge mit Brettern vernagelt. «Die Besitzer können sich nicht einigen, wem was gehört», sagt Denis, der im Stadtkern einen Shop betreibt. «Es ist eine Art Pattsituation, und weil es nicht vorwärtsgeht, zerfallen die Häuser weiter.»

Alles zweigeteilt, von der Schule bis zur Müllabfuhr

Pattsituation – das trifft auf das ganze Land zu. Nirgends aber ist es so ausgeprägt wie in Mostar, bei dem es sich eigentlich um zwei Städte handelt: westlich der Neretva leben die bosnischen Kroaten, östlich des Flusses die Bosniaken. Beide Hälften haben eigene Verwaltungen, Schulen, Müllabfuhren und Elektrizitätsgesellschaften. Vor dem Bosnienkrieg war die Stadt ein einziges grosses Gemisch, geheiratet wurde quer durch die Religionen. Heute leben die Ethnien Rücken an Rücken – nicht nur in Mostar, im ganzen Land. Von den Spannungen ist als Besucher kaum etwas zu spüren. Die vielen sichtbaren und unsichtbaren Grenzen schrecken jedoch potenzielle Investoren ab.

Über alle Grenzen hinweg führt die Via Dinarica. Der Fernwanderpfad hat die Via Alpina als Vorbild. Noch sind die Wege nicht fertig eingerichtet. Keine leichte Aufgabe bei total 2000 Kilometern Wegenetz. Die drei Routen queren acht Länder, neben Bosnien-Herzegowina sind das Slowenien, Kroatien, Montenegro, Serbien, Mazedonien, Albanien und der Kosovo.

Der Balkan friedlich vereint – was beim Wandern funktioniert, wollte eine Jugendgruppe in der Stadt Mostar mit Bruce Lee erreichen. Der Schauspieler war Modell für ein Denkmal, das 2005 in einem Park eingeweiht wurde. Zwar wurde der Bronze-Lee Opfer von politisch motivierten Vandalen. Trotzdem vereint die Metallskulptur die kampfsportbegeisterte Jugend beider Stadthälften. Der Schauspieler ist der kleinste gemeinsame Nenner, für den sich alle erwärmen können.

Ein Hongkonger bringt in Mostar die Bosniaken und die Kroaten einander näher. Ausgerechnet.

Gut zu wissen

Anreise Swiss fliegt zweimal wöchentlich von Zürich direkt nach Sarajevo, donnerstags und sonntags. Wizz Air bietet ab Basel fünf Direktverbindungen pro Woche nach Tuzla an.

Sicherheit Bosnien-Herzegowina gilt als sicher. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten warnt jedoch vor möglichen «politischen, religiösen und ethnisch motivierten Spannungen». Man solle auf «öffentliche politische Meinungsäusserungen» verzichten. Die Gefahr von Landminen ist weitgehend gebannt. Warnhinweise sind aber zu befolgen.

Währung In Bosnien wird noch mit Mark und Pfennig bezahlt, mit der Konvertibilna Marka, der Konvertiblen Mark (KM), und der Untereinheit Fening. Früher war die KM eins zu eins an die Deutsche Mark gekoppelt. Heute gilt der Kurs 1 Euro = 1,96 Mark.

Sprachen Landessprachen sind Bosnisch, Kroatisch und Serbisch, die Sprecher verstehen sich untereinander. Vor allem in den Städten kommt man gut mit Englisch durch. Viele Bosnier beherrschen Deutsch – eine Folge der Diaspora in Deutschland und auch in der Schweiz.

Hinweis: Die Reise wurde ermöglicht vom Schweizer Verein i-dijaspora, der die Entwicklung von Bosnien-Herzegowina unterstützt (www.i-platform.ch).

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