200 Jahre St.Gallische Naturwissenschaftliche Gesellschaft: Wissensvermittlung für die Bevölkerung

In unruhigen Zeiten wurde vor 200 Jahren die St. Gallische Naturwissenschaftliche Gesellschaft gegründet. Die Wissenschaft hatte gerade grosse Entdeckungen gemacht, wie zum Beispiel den Elektromotor. Und die Naturforscher in der Ostschweiz wollten die Erkenntnisse der Bevölkerung näher bringen.

Bruno Knellwolf
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Man muss kurz die Augen schliessen: 200 Jahre zurück – wie hat die Welt damals ausgesehen? Denn genau so lange ist es her seit der Arzt und Botaniker Caspar Tobias Zollikofer mit 33 Mitstreitern aus den Kantonen St. Gallen, Thurgau und beider Appenzell die St. Gallische Naturwissenschaftliche Gesellschaft (NWG) gegründet hat. «Gerade nach dem katastrophalen Hungerwinter 1817 war man erpicht darauf, die Erkenntnisse der Naturwissenschaft für die Bevölkerung nutzbar zu machen», sagt der heutige NWG-Präsident Toni Bürgin, der wie viele Präsidenten zuvor auch Direktor des Naturmuseums in St. Gallen ist.

Bison in der Indianerausstellung im Historischen- und Völkerkundemuseum. Eine Schenkung der St.Gallischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft aus dem Jahr 1886. (Bild: Hanspeter Schiess)

Bison in der Indianerausstellung im Historischen- und Völkerkundemuseum. Eine Schenkung der St.Gallischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft aus dem Jahr 1886. (Bild: Hanspeter Schiess)

Betrachtet werden muss die Gründung der St. Gallischen Gesellschaft im Lichte der turbulenten Zeiten. Nahe waren die französische Revolution und in der Schweiz die Jahre der Helvetik (1798 - 1803), in denen die Schweiz von Napoleon neu geordnet wurde. Gleichzeitig blühte die Naturwissenschaft durch rege Forschungstätigkeit auf. Viele wichtige Entdeckungen und Erfindungen prägten die Zeit. William Smith erstellte 1815 die erste geologische Karte, Michael Faraday entwickelte 1821 die Grundlagen des Elektromotors.

Schon im 18. Jahrhundert begannen sich Naturforscher in der Schweiz so wie überall in Europa zu organisieren. Zentren waren die protestantischen Städte des Mittellandes, allen voran Zürich, Basel, Bern, Genf und Lausanne. Zürich machte 1746 mit der ersten naturforschenden Gesellschaft den Auftakt. Doch von den neuen Gelehrtengesellschaften überlebten nur wenige die Revolutionsjahre und 1815 kamen nach Napoleons Niederlage vorübergehend die konservativen Gegner der französischen Revolution und der Helvetik an die Macht. Für die republikanischen Anhänger eines schweizerischen Einheitsstaats, zu denen viele Gelehrte und Naturforscher gehörten, war das ein herber Rückschlag.

Schweizerische Gesellschaft in Genf gegründet

Diese rafften sich auf, nahmen genau im gleichen Jahr einen neuen Anlauf und gründeten in Genf am 6. Oktober 1815 die «Allgemeine Schweizerische Gesellschaft für die sämtlichen Naturwissenschaften», mit dem Kürzel SNG, die heute Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) heisst.

Diese Gesellschaft bot den vielfältigen Gruppierungen innerhalb der patriotischen Bewegung eine Möglichkeit, sich neu zu formieren, wie die Historiker Patrick C. Kupper und Bernhard C. Schär schreiben. Sie brachte kantonale Eliten mit verschiedenen politischen Ansichten, aber mit gemeinsamem Interesse an der «vaterländischen Natur» zusammen. Die Schweizerische Gesellschaft förderte die Gründung kantonaler Gesellschaften und stand unter republikanischem Geist.

«Gerade nach dem katastrophalen Hungerwinter 1817 war man erpicht darauf, die Erkenntnisse der Naturwissenschaft für die Bevölkerung nutzbar zu machen»

In diesem Geist entstand vier Jahre nach der Gründung der Schweizerischen Gesellschaft am 29. Januar 1819 die St. Gallische Naturwissenschaftliche Gesellschaft unter Führung ihres ersten Präsidenten Caspar Tobias Zollikofer, der in seiner Eröffnungsrede seiner Freude Ausdruck verleiht, dass mit der Gründung der NWG ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung geht. Basierend auf ehrenamtlicher Tätigkeit sollten durch Arbeit, Forschung und Unterhaltung die «geheimen Werkstätten des Schöpfers» enthüllt werden. Die Vielfalt des stetig wachsenden Wissens sollte gefördert werden. Zollikofer war auch Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft und amtete bis zu seinem Tod im Jahr 1843 als Präsident der Ostschweizer Naturwissenschaftlichen Gesellschaft.

Mediziner und Apotheker waren gut vertreten

Damals waren die NWG-Mitglieder, meist Ärzte und Apotheker, aber auch Richter, Lehrer und einige wenige Handwerker, in grosser Euphorie, viel in reger wissenschaftlicher Diskussion und aktiv in der Vermittlung von Naturwissenschaften. Angeregt wurde die Anlegung einer Bibliothek und einer Naturaliensammlung, aus der später 1846 das naturhistorische Museum in St. Gallen entstand.

«Alles lief gut bis 1830. Doch dann begannen wieder revolutionäre politische Zeiten», erklärt Bürgin. Das Interesse an der Naturwissenschaft nahm ab, die Menschen hatten um die Zeit der Gründung der modernen Schweiz 1848 andere Sorgen. Erst Bernhard Wartmann, Rektor der Kantonsschule St. Gallen, schaffte es ab dem Jahr 1869 wieder, die Naturwissenschaftliche Gesellschaft zum Blühen zu bringen. Wartmann blieb bis 1902 Präsident, unter seiner Führung zählte die Gesellschaft bis zu 700 Mitglieder, die sich der regionalen Naturforschung widmeten. «In der Meteorologie starteten die ersten Messreihen. Die Wasserstände am Bodensee wurden erstmals erhoben», sagt Bürgin. Forscher widmeten sich der epidemischen Entwicklung von Krankheiten, beschäftigen sich mit dem Rebbau, dem Getreideanbau und überlegten sich, ob eine Seidenraupenzucht in der Ostschweiz Sinn machen würde. Alles Themen, welche das aufstrebende Bildungsbürgertum im 19. Jahrhundert beschäftigte.

Die Thurgauer gründeten 1854 und die Appenzell Ausserrhodner erst 1958 eigene Sektionen. Heute zählt die St. Gallische Naturwissenschaftliche Gesellschaft etwa 500 Mitglieder und hat sich immer noch stark der Wissensvermittlung verschrieben ist aber im Gegensatz zu den Gründungsjahren auch mit dem Naturschutz beschäftigt. Zum Beispiel hat sich die Gesellschaft 2002 den Wenigerweiher im Osten der Stadt St.Gallen gekauft und daraus ein Naturparadies entwickelt.

Programm der Vortragsreihe: 200 Jahre NWG

20. Februar: Von der Wiege bis zur Gegenwart – ein Stück; Marcel Mayer, Stadtarchivar St. Gallen.
6. März: Friedrich Saxer – Lehrer, Geologe und Anker in unsicheren Zeiten; Henry Naef, Geologe.
20. März: Wenigerweier: Vom Reservoir zur Musterlandschaft, Maurus Candrian, Forstingenieur.
3. April: Die Abstammungslehre im Spiegel der St. Gallischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft, Toni Bürgin.
17. April: Fantastische Geschichten eines Urzeitforschers, Urs Oberli, Präparator und Urzeitforscher.
1. Mai: Machen Naturwissenschaftliche Gesellschaften im Zeitalter der Digitalisierung noch Sinn, Nicolas Robin, PH St. Gallen.


Universität St. Gallen, Hauptgebäude, jeweils 20.15 Uhr.