Fürs Klima ist der Lockdown nur eine kurze Verschnaufpause – danach wird es eher schlimmer, sagen Experten 

Umweltschützer fordern, die Pandemie und den Klimawandel gleichzeitig zu bekämpfen. Doch die beiden Krisen haben wenig gemeinsam.

Christoph Reichmuth und Katja Fischer De Santi
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Die Welt ruht und die Natur atmet scheinbar auf. Das Wasser im Canale Grande in Venedig ist so klar wie sonst nie.

Die Welt ruht und die Natur atmet scheinbar auf. Das Wasser im Canale Grande in Venedig ist so klar wie sonst nie.

Bild: Andrea Merola/Keystone

Als sich Greta Thunberg nach Wochen in Selbstquarantäne kürzlich wieder zu Wort meldete, hatte man ihr Gesicht schon fast vergessen. Denn Klimademos, Schulstreiks, das alles scheint ewige drei Monate her. Wir haben gerade keine Zeit mehr für CO2-Bilanzen und Streiks sind verboten. Die Menschheit muss vor einem Virus geschützt werden. Statt Klimaforscher stehen nun Virologen und Immunogen tagtäglich an den Mikrofonen und erklären uns den Ernst der Lage.

«Ich will, dass ihr in Panik geratet», hat Greta Thunberg vor knapp einem Jahr gesagt. Sie hat nicht ahnen können, wie sehr wir in Panik geraten werden. Sie hatte nicht ahnen können, wie schnell die Politik eine Vollbremsung einleiten kann. Es wird kaum noch geflogen, weniger produziert, Autos bleiben in den Garagen, Rom ist den Smog los, und in den Kanälen von Venedig klart langsam das Wasser. Die Menschheit steht still(er) und die Natur atmet (scheinbar) auf.

«Covid-19-Milliarden für klimataugliche Wirtschaft»

Und genau hier wollen Klima- und Umweltschützer nun ansetzen. Man müsse den Klimawandel und die Pandemie gleichzeitig bekämpfen, man sehe jetzt wie schnell die Menschheit handeln könne, sagte Thunberg in einem Interview mit dem «New Scientist». Und Greenpeace Schweiz fordert via einer Unterschriftenaktion, dass «die Covid-Milliarden für die Förderung einer sozial gerechten und klimatauglichen Wirtschaft genutzt werden».

Als «grossen Moment in der Geschichte der Menschheit», beschreibt auch der renommierte US-Ökonom und Bestsellerautor Jeremy Rifkin die Coronakrise. Gegenüber dem «Handelsblatt» sagt er: «Das ist das, was die Kids gemeint hatten, als sie mit den Fridays for Future anfingen.

«Wir betrachten uns vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte tatsächlich als vom Aussterben bedrohte Spezies».

Längerfristige versus kurzfristige Bedrohung

Ja, es ist verführerisch, zwischen dem Klimawandel und der Coronakrise Parallelen ziehen zu wollen. Beides sind existenzielle Situationen für die Menschheit, beide sind wissenschaftsgetrieben, beide erfordern von uns massive Verhaltensänderungen, beide sind unsichtbar. Aber der Klimawandel ist eine abstrakte Gefahr, deren Folgen zum allergrössten Teil in der Zukunft liegen, nicht unmittelbar unser Leib und Leben in der Schweiz bedrohen. Auch das Virus ist eine Krankheit, die für die allermeisten Menschen lediglich medial vermittelt ist. Aber es betrifft unsere Existenz. Und das Wichtigste: Es ist temporär, auch wenn es wohl länger dauern wird, als wir jetzt annehmen. Wir gehen davon aus, dass die Einschränkungen, die wir gerade erleben, in absehbarer Zeit vorbei sind. Das macht sie akzeptabel, das stehen wir durch.

Nationalismus schützt vor Klimawandel nicht - im Gegenteil

Im Fall des Klimawandels ist das anders. Er wird nicht vorbeigehen, es reicht nicht, drei Wochen die Luft anzuhalten. Und was einzelne Staaten beschliessen, nützt wenig, wenn nicht alle anderen mitziehen. Bei einer viralen Gefahr kann man die Grenzen schliessen, die eigenen Spitäler hochrüsten. Das Klima kennt keine Zölle, Nationalismus ist wirkungslos.

Das ganze Interview mit Stefan Rahmstorf

Einer, der befürchtet, dass die Coronakrise dem Klimaschutz längerfristig sogar schaden könnte, ist Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er befürchtet, dass die Transformation hin zu einem nachhaltigen Energiesystem, das wir dringend brauchen, jetzt von der internationalen Prioritätenliste erst mal verschwinden wird. Wertvolle Zeit gehe jetzt verloren. «Eine vorübergehende Delle in den Emissionen, wie nun in der Coronakrise, bringt letztlich nichts», sagt er. Der Klimatologe befürchtet gar, dass die Covid-Rettungsmilliarden für die Wirtschaft die alten, fossilen Industrien zu lange künstlich am Leben erhalten werden.

Wir haben uns Unverwundbar gefühlt 

Rahmstorf hofft aber auch, dass die Menschheit nun erkennt, wie verletzlich sie ist. «Gerade die westlichen Industrienationen haben bis lang eine Illusion der Unverwundbarkeit gelebt und nicht genügend Krisenvorsorge getroffen.» Mehr Menschen könnten nun sensibilisiert dafür werden, die Natur und das Klima zu schützen, damit die moderne Gesellschaft weiter funktionieren kann. «Wir müssen auch vom Hyperkonsum Abschied nehmen, der unser Leben in den Industrienationen prägt.  Und die neoliberale Wirtschaftsideologie hinter uns lassen, welche den Einfluss des Staates möglichst minimieren möchte», ist der Klimaforscher überzeugt. «Wir sind darauf angewiesen, dass der Staat handlungsfähig ist, das Gesundheitswesen funktioniert.»

Demgegenüber stehen Politiker und ganze Gruppierungen, die hoffen, die Coronakrise würde die Klimabewegung endlich wegspülen. Es seien dieselben Menschen, die wissenschaftlich unhaltbare Klimaskeptiker-Thesen in der Öffentlichkeit vertreten, die jetzt auch davon reden würden, die Coronapandemie sei ein Schwindel, sagt Rahmstorf.

«Das sind Menschen, welche die wissenschaftlichen Fakten nicht anerkennen wollen. Aber Wissenschaft ist kein Wunschkonzert, wo man sich den Impfstoff gerne nimmt, aber die unbequemen Wahrheiten nicht einsehen möchte.»