Frühlingsopfer mit Sesseltanz

Philipp Egli choreographiert das legendäre Strawinsky-Ballett in einer eigenwilligen neuen Version. Nick Hobbs' Tanz zu zwei Mozart-Sinfonien wirkt dagegen etwas beliebig.

Marlies Strech
Drucken
Teilen
Von Mozart im galanten Stil der Choreographie von Nick Hobbs . . . (Bilder: Hanspeter Schiess)

Von Mozart im galanten Stil der Choreographie von Nick Hobbs . . . (Bilder: Hanspeter Schiess)

Im mythischen alten Russland kündigt sich der Frühling an. Nicht mit Säuseln, sondern mit Stürmen und brechenden Eisschollen auf den Flüssen. Die Menschen bitten ihre heidnischen Götter um Fruchtbarkeit in der Natur. Um sie günstig zu stimmen, opfern sie ihnen eine Jungfrau. Die zum Opfer Erwählte muss sich zu Tode tanzen.

So das Originallibretto zu Igor Strawinskys «Le Sacre du Printemps». Die Uraufführung in der Choreographie von Waslaw Nijinsky durch die Ballets Russes 1913 in Paris wurde zum Skandal, wegen der schrill-stampfenden Musik wie wegen der rohen Tanzformen – einige Frauen drehten zum Beispiel die Füsse einwärts.

Doch das ist lange her. Inzwischen ist «Le Sacre du Printemps» zum Experimentierfeld für Choreographinnen und Choreographen sonder Zahl geworden. Allein an Schweizer Theatern mit fester Tanzkompanie entstanden seit 2001 «Sacre»-Versionen in Zürich (Heinz Spoerli), Basel (Richard Wherlock), Bern (Stijn Celis) und jüngst in Genf (Andonis Foniadakis). Keine dieser Versionen hält sich ans ursprüngliche Libretto; sie gehen frei mit Ort, Zeit, Motiven und Figuren um.

Einstieg mit Eisbär

Das macht auch Egli so. Kein altes Russland, sondern heutige Zeiten. Verwirrend der Einstieg: Wir blicken in ein Zimmer mit vielen Stühlen, während verfremdete «Sacre»-Geräusche an unser Ohr dringen. Von der Decke hängt ein Bild mit weissem Plüschbär, der einen Säugling im Schoss hält. Ist's gar ein Eisbär, heisst er Flocke oder Knut? Ein Mädchen stopft einem andern Papiertüchlein in den Mund, als wär's bei Pina Bausch. Dann Pause. Erst nach dieser Exposition erklingt Strawinskys Musik aus dem Graben (zupackend gespielt vom Sinfonieorchester St. Gallen unter Peter Tilling). Der Bär ist weg. Fortan bleibt der Raum nackt; lediglich die Versatzstücke an der Wand und die Position der Stühle verändern sich noch. Grundkostüm der Tanzenden: Hosen, Männer nackte Oberkörper, Frauen naturfarbene Tops. Zwischendurch benutzen sie weitere Kleiderteile. Über die Rücken zieht sich ein blutroter Streifen (Bühne Bert de Raeymacker, Kostüme Thomas Ziegler).

Auch inhaltlich stützt sich Egli nicht auf archaische Mythen. Es seien denn die zeitlosen Mythen vom Werden und Vergehen des Lebens. Genauer: Vom schwierigen Erwachsenwerden des Menschen. Von der Beziehung der Geschlechter. Von Spielfreude, Bewegungsdrang, Erotik, Streit, Selbstzweifeln und Machtgelüsten. Das Leben wird zu einer Art Sesseltanz – wie in jenem Gesellschaftsspiel, wo man herumrennt und beim plötzlichen Musikabbruch einen Sitz finden muss. Ein Stuhl ist immer zu wenig, jemand fällt aus der Gemeinschaft.

Der Choreograph und seine 16 Tänzer und Tänzerinnen (eine davon fiel bei der Premiere aus) haben aus all diesen Motiven ein spannungs- und empfindungsreiches Stück kreiert, angefeuert oder eingeschüchtert von Strawinskys Musik. Sie tanzen mit nackten Füssen, brechen aus, brechen zusammen. Ihre Körper übernehmen immer klarer Eglis fordernden, gelegentlich verqueren, manchmal wie ferngesteuerten Bewegungsstil.

Warum aber verzichtet die Choreographie auf die ursprüngliche Kernszene, den Todestanz der Auserwählten? Während das entsprechende Solo bei der jüngsten Genfer Aufführung volle 20 Minuten dauert? Das passt offenbar nicht zu Eglis demokratischem Konzept. In der Gruppendynamik seines «Sacre» sind alle mal Täter, mal Opfer. Am Schluss dreht der Scheinwerfer nur kurz auf eine Frau, die einsam hinten an der Wand stehen bleibt, während die andern verschwinden.

Sum-sum-sum

Für das erste Stück des Abends hat Gastchoreograph Nick Hobbs zwei Mozart-Sinfonien gewählt: Nr. 23 in D-Dur KV 181 und die Sinfonie in D-Dur nach der Posthorn-Serenade KV 320. Sie klingen jugendlich-frisch, und dem entspricht grundsätzlich auch das Tanzstück «sum» (englisch «Summe», lateinisch und bienensprachlich «ich bin»). Hobbs setzt alle Tanzenden in möglichst ansprechendes Licht, erfindet witzige Roll-, Schlepp- oder Wurfszenen. Insgesamt bleibt sein Bewegungsvokabular aber etwas simpel. Liegt es daran, dass er anders als sonst auf klassische Elemente verzichten will oder muss? Am überzeugendsten wirken die Tanzenden im langsamen Moll-Andantino der Posthorn-Sinfonie, wo die Bewegungen tief aus dem Körper heraus entstehen.

Beim Premierepublikum kam Hobbs gut an. Auch Egli erhielt langen Applaus. Viele bedauern, dass der Tanzchef 2009 St. Gallen vorzeitig verlässt. Sesseltanz eben auch hier.

. . . zu Strawinskys harten Rhythmen: Szene aus Philipp Eglis «Sacre».

. . . zu Strawinskys harten Rhythmen: Szene aus Philipp Eglis «Sacre».

Aktuelle Nachrichten