Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Interview

Früher brachte man Gefühle zu Papier, heutige «Liebesbriefe» sind Whatsapps

Für viel Geld wurden unlängst Liebesbriefe von Napoleon versteigert. Wird es in 200 Jahren solche Briefe auch noch aus unserer Zeit geben? Und was macht die Digitalisierung mit der Romantik? Ein Wissenschafter blickt vor und zurück.
Interview: Susanne Holz
Gefühle zu Papier bringen ... Das ist nicht die dümmste Beschäftigung. Doch hat sie noch Zukunft? (Bild: Mimi Haddon/Getty)

Gefühle zu Papier bringen ... Das ist nicht die dümmste Beschäftigung. Doch hat sie noch Zukunft? (Bild: Mimi Haddon/Getty)

Anfang April versteigerte ein Pariser Auktionshaus für 513500 Euro drei Liebesbriefe von Napoleon Bonaparte, die dieser zwischen 1796 und 1804 an seine Frau Josephine schrieb. Während seines Italienfeldzugs lässt Napoleon Josephine 1796 wissen: «Kein Brief von dir, meine reizende Freundin, du hast also liebliche Beschäftigungen, denn du vergisst deinen Ehemann, der inmitten aller Angelegenheiten und äusserster Müdigkeit nur an dich denkt, nur dich begehrt.» Davon abgesehen, dass sich Josephine über ein solches Bekenntnis gefreut haben wird, tut genau das auch der heutige neugierige Leser. Doch wird es in 200 Jahren noch solche Dokumente aus der Vergangenheit geben? Und: Werden über heutige Nachrichten-Apps solche Botschaften überhaupt noch verschickt? Boris Previšić Mongelli, Literatur- und Kulturwissenschafter an der Universität Luzern, hat Antworten.

Die Liebesbriefe von Napoleon waren einem Käufer ja einiges wert ...

Boris Previšić Mongelli: Ja, Liebesbriefe bilden ein eigenes Genre in der Geschichte unserer Schriftkultur. Bereits in Ovids zehnter Ekloge treffen wir darauf:

«Omnia vincit amor.» – «Alles besiegt die Liebe.»

Doch zum Standard wird der Liebesbrief eigentlich erst um 1800, mit dem Aufkommen schnellerer Transport- und somit auch schnellerer Kommunikationsmittel. Ganz allgemein bildet der Brief bei vielen Denkerinnen und Denkern, Autorinnen und Autoren, Wissenschafterinnen und Wissenschaftern das Mittel zum Austausch. Die Menge an Briefen übertrifft oft das Œuvre. Denken wir an Goethe oder Brecht, Kepler oder Leibniz.

Sind Liebesbriefe eine eigene Gattung?

Ich bin mir nicht so sicher, welche Briefe dazu gezählt werden sollen und welche nicht. Sind es lediglich die Liebeserklärungen – wie etwa Kafka am 26. November 1912 an seine Geliebte und spätere Verlobte Felice schreibt:

«Ich erschrecke, wenn ich höre, dass Du mich liebst, und wenn ich es nicht hören sollte, wollte ich sterben.»

Oder meinen wir allgemeiner den vertrauten Austausch wie beispielsweise zwischen Paul Celan und Gisèle Celan-Lestrange? Oder zählen wir jegliche Kommunikation von Liebespaaren dazu, so auch die politische Agitation zwischen Rosa Luxemburg und Leo Jogiches?

Es gibt doch die klassischen Liebesbriefe der Romantik?

Ja, die gibt es. Sie zeichnen sich durch eine besonders schematisierte Rhetorik mit besonders exquisiten und intimen Anrede- und Grussformeln aus, aber auch durch einen höchst konventionellen Inhalt, der paradoxerweise vorzugeben hat, er sei einmalig.

Das heisst konkret?

Denken wir nur an Gottfried Kellers Seldwyla-Erzählung «Die missbrauchten Liebesbriefe». Der Möchtegern-Schriftsteller Viggi möchte einen Liebesbriefaustausch mit seiner Frau Gritli lancieren, während er auf Reisen ist. Doch sie hat keine Ambitionen, schreibt die Briefe um und steckt sie dem Unterlehrer Wilhelm zu, der – leicht entflammt – gleich zurückschreibt. Damit hat sie wieder Stoff für ihren Mann.

Dieses Spiel funktioniert ...?

Ja, weil die Sprachformeln stark konventionell sind.

Heute gibt es Whatsapp. Geraten Liebesbotschaften hier ähnlich oberflächlich?

Im Unterschied zu den Liebesbriefen zielen Botschaften per Mobilfunk auf direkte Reaktion ab. Sie sind in dem Sinn beziehungsnaher. Man muss sich nicht über Tage oder Wochen gedulden bis zu einer Antwort.

Sie können der raschen digitalen Kommunikation also etwas Positives abgewinnen?

Ja, durchwegs. Sie birgt zwar die Gefahr der Oberflächlichkeit in sich. Gleichzeitig muss man sich bemühen und einen Text eintippen. Von alleine entsteht er nicht. Wobei man ihn multimedial ergänzen oder sogar ersetzen kann, was wiederum ambivalent ist.

Inwiefern ambivalent?

Hinterlasse ich ein Bild oder eine Sprachnachricht, spreche ich beim Gegenüber unter Umständen andere Sinn- und Sinnlichkeitsebenen an. Hier liegt gerade in der Prägnanz und Kürze die Würze – im Unterschied zur Sprachnachricht.

Geht damit nicht eine Sprachkultur verloren?

Ich bin umwelt-, aber nicht sprachpolitisch ein Pessimist. Die Botschaften sind vielleicht im Satzbau und in der Metaphorik einfacher geworden.

Sie sind aber auch anspielungsreicher, ironischer, lustvoller geworden.

In 200 Jahren können wir diese Botschaften aber vermutlich nicht mehr in der Weise sichten, wie wir heute Napoleons Briefe lesen ...

Da bin ich mir nicht so sicher. Jedenfalls sind die Bemühungen in der Wissenschaft, aber auch bei den Internetgiganten gross, die Daten längerfristig abzuspeichern und zu archivieren. Angesichts der Datenmenge und angesichts der Datenkommerzialisierung wäre es mir eigentlich lieber, würden selbst Liebesbotschaften in 200 Jahren nicht mehr lesbar sein.

Ich weiss ja auch nicht, ob sich Napoleon gerade im Grab umgedreht hat, als er erfahren hat, dass seine Liebesbriefe versteigert worden sind …

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.