Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Free Bleeding heisst der Trend: Frauen lassen ihr Blut fliessen

Bio-Essen, Öko-Kosmetik und nun Natürlichkeit bei der Menstruation: Frauen verzichten aufs Hilfsmittel wie Tampons und Binden. Und richten ihren Alltag so aus, dass sie das Blut ungehindert fliessen lassen können.
Diana Hagmann-Bula
Schluss mit Tampons & Co.: Free-Bleeding-Anhängerinnen lassen das Menstruationsblut einfach rausfliessen. (Bild: Getty)

Schluss mit Tampons & Co.: Free-Bleeding-Anhängerinnen lassen das Menstruationsblut einfach rausfliessen. (Bild: Getty)

Wenn es am Vaginaeingang feucht wird, eilt Anne Zietmann auf die Toilette: Blut ablassen. «So kündigt sich jeweils der nächste Schwall an», sagt die 33-jährige Berlinerin. Seit 2011 verzichtet sie während der Menstruation auf Binden und Tampons. Zuerst hatte sie sich für natürliche Verhütung interessiert, dann die Ernährung umgestellt, schliesslich auch während ihrer Tage auf den Körper hören wollen. «Ein Tampon saugt nicht nur das Blut auf, sondern auch die Feuchtigkeit. Das ist nicht gut für die Vaginalflora», begründet Zietmann ihren Entscheid.

Mama kann heute nicht auf den Spielplatz

Am ersten Tag der Menstruation muss sie alle 20 bis 30 Minuten aufs Klo, am zweiten Tag nur noch alle zwei bis drei Stunden. «Am dritten Tag lasse ich das Blut nur noch ab, wenn ich ohnehin auf die Toilette gehe», sagt sie. Mit Free Bleeding sind ihre Unterleibskrämpfe verschwunden und hat sich die Menstruation verkürzt. Beides Wunschdenken vieler Frauen. Doch drängt sich die Frage auf: Wie kann man sich auf Arbeit oder Kinder konzentrieren, wenn man so sehr in seinen Körper hineinhorchen muss? Zietmann gibt denn auch zu, dass Free Bleeding im Alltag einschränkt.

«An den ersten beiden Tagen arbeite ich jeweils von daheim aus oder bleibe mit den Kindern zu Hause.»

Wollen sie unbedingt auf den Spielplatz, setzt Mama sicherheitshalber die Menstruationstasse ein. «Nach zwei Stunden ist der Cup aber jeweils voll und wir müssen wieder heim.» Zietmann bereut diesen Aufwand nicht: «Jede freie Menstruation hat mich ein Stück näher zu mir selber gebracht.» Ausserdem verursache sie ohne Tampon- und Bindenverschleiss weniger Abfall.

Kiran Gandhi war es, die als eine der ersten Frauen öffentlich auf Free Bleeding aufmerksam machte. Sie lief 2015 den Londoner Marathon ohne Tampon und traf mit blutüberströmten Beinen im Ziel ein. Feministinnen wollen mit solchen Aktionen darauf aufmerksam machen, dass die Menstruation noch immer zu oft heruntergespielt und als unrein angesehen wird. «Blut ist so lange kein Problem, wie es einem Splatterfilm entstammt. Wenn es aber die Grundlage der Fruchtbarkeit ist und aus einer Vagina kommt, wenden sich alle angeekelt ab», schreiben Luisa Stömer und Eva Wünsche in ihrem Menstruationsbuch «Ebbe & Blut». In Deutschland hat das Onlinemagazin Neon eine Petition gestartet, welche die Luxussteuer von 19 Prozent für Tampons, Binden und Co. abschaffen will. «Die Periode ist unausweichlich. Das ist kein Luxus», lautet das Argument. Sängerin Lena Meyer-Landrut und Schauspielerin Charlotte Roche gehören zu den Unterstützerinnen. Nun muss sich der Petitionsausschuss des Bundestags der Sache annehmen. Seit einiger Zeit ist eine rote Revolution im Gange.

Ein Kraftakt des weiblichen Körpers

Irène Dingeldein, Gynäkologin in Murten und Vizepräsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, hat in ihren 20 Berufsjahren noch keine Patientin beraten, die sich für die freie Menstruation entschieden hat. Sie stellt aber fest, dass das Körperbewusstsein der Frauen weiter zunimmt:

«Sie wollen immer häufiger keine Hormone mehr zu sich nehmen, umweltbewusst und sparsam leben. Der Free-Bleeding-Trend ist die Zuspitzung dieser Entwicklung.»

Dingeldein erzählt von Frauen, die ihr Leben nach dem Zyklus ausrichten. «Sie verabreden sich an den ersten beiden Tagen ihrer Menstruation nicht für den Ausgang.»

Das Menstruationsblut fliesst nicht kontinuierlich. «Die Gebärmutter stösst die Schleimhaut in Kontraktionen ab», sagt Dingeldein. Wer den Beckenboden trainiere, könne mit diesem Muskel wohl tatsächlich Blut zurückhalten und es rechtzeitig auf die Toilette schaffen. Auch sei möglich, dass Tampons das Monatsblut stauen und so Krämpfe verursachen. «Doch wie funktioniert Free Bleeding nachts?»

Schwarzes Tuch ins Bett legen

Bloggerin Anne Zietmann rät, ein schwarzes Tuch ins Bett zu legen. Oder zur Sicherheit halt doch waschbare Stoffbinden in die Hose zu legen. Weitere Tipps finden Free-Bleeding-Anfängerinnen zuhauf im Internet. Eine sanfte Massage des Unterleibs, Meditation, leichtes Vor- und Zurückbewegen des Oberkörpers helfen, das Blut abzulassen, heisst es. Und:

«Sich nicht unter Druck setzten. Jeder Zyklus ist anders.»

Wem freie Menstruation zu weit geht, kann im Kleinen beginnen. Nicht über den Zyklus jammern, sondern stolz auf ihn sein. Schliesslich ist er ein Kraftakt des weiblichen Körpers und ein Zeichen der Fruchtbarkeit. Männer würden von Potenz reden. Tun wir es doch auch.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.