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Fragwürdig mächtig: die Experten

Was verbindet ein Erdbeben in den Abruzzen mit der Situation der HSG? Die übergrosse Nähe von ­Wissenschaft und Politik, sagt Historiker Caspar Hirschi, der selbst an der HSG lehrt.
Rolf App
Ohne Experten kommt die Politik nicht aus. Genau darin liegt für den HSG-Historiker Caspar Hirschi das Problematische. (Bild: Hanspeter Schiess)

Ohne Experten kommt die Politik nicht aus. Genau darin liegt für den HSG-Historiker Caspar Hirschi das Problematische. (Bild: Hanspeter Schiess)

In der Nacht vom 5. auf den 6. April 2009 bebt in den italienischen Abruzzen die Erde. Teile der Altstadt von L’Aquila werden zerstört. 308 Menschen sterben. Viele sind nach einer Reihe kleinerer Beben in ihre Häuser zurückgekehrt, nachdem eine Kommission von Erdbebenforschern getagt und die Behörden die Bevölkerung beruhigt hatten. Drei Jahre später stehen diese Forscher vor Gericht und werden in erster Instanz verurteilt.

«Die Wahrheit darf nicht gesagt werden»

Während die Wissenschafter-Gemeinde rasch zum Schluss kommt, dass man niemanden verurteilen kann, nur weil seine Prognosen sich nicht bewahrheitet haben, gelangt der an der HSG lehrende Historiker Caspar Hirschi in seinem neuen Buch zu einem anderen Urteil. Er zitiert das Abhörprotokoll eines Telefongesprächs, in dem der Chef des Amts für Zivilschutz dem Präsidenten der Expertenkommission mitteilt, «dass die Wahrheit nicht gesagt werden darf». Worauf dieser antwortet: «Mach Dir keine Sorgen, unsere Haltung ist extrem kooperativ.»

Die Experten, erklärt Hirschi im Gespräch, «haben sich für eine politische Kampagne einspannen lassen und ihre Unabhängigkeit preisgegeben. Das ist das Problem, und zwar nicht nur hier.» Weshalb sein Buch denn auch den Untertitel trägt: «Zur Geschichte eines Gegenwartsproblems». Das Gegenwartsproblem, um das es ihm geht, ist jene übergrosse Nähe zwischen der Wissenschaft und den von ihr Beratenen aus Politik und Wirtschaft, mit der sich momentan auch seine eigene Hochschule stark befasst.

David Nutt gerät zwischen die Fronten

Doch es ist ein Schatten, der nicht nur auf der HSG liegt. In dem Mass, in dem Wissenschaft mächtig wurde, hat sie sich über ihre Expertenrolle für die Politik dienstbar machen lassen – und dabei manchmal auch die unterschiedlichen Funktionsweisen aus den Augen verloren. Nichts zeigt dies deutlicher als der Fall des Drogenspezialisten David Nutt, der 2007 im Auftrag der britischen Regierung eine «rationalere» Drogenpolitik entwirft – in deren Gefährlichkeitsschema der Alkohol weit oben und Ecstasy weit unten rangiert. Ein Aufschrei der Empörung in der Öffentlichkeit ist Nutt gewiss, der nun zum Kritiker der Regierung mutiert und prompt seines Amtes als Präsident der Expertenkommission enthoben wird.

In diesem Fall hat der Regierung politisch nicht gepasst, was der Experte empfohlen hat. In andern Fällen sucht Politik sogar den Sukkurs der Wissenschaft, wenn sie eine Kehrtwendung vollzieht. Zu welch absurden Situationen das führen kann, illustriert Caspar Hirschi an einem Beispiel aus unserem Nachbarland: Als in Deutschland die CDU-geführte Regierung unter Angela Merkel an die Macht kam, machte sie den Atomausstieg der Vorgängerregierung des Sozialdemokraten Gerhard Schröder rückgängig, und berief zu diesem Zweck eine Expertenkommission ein. Dann ereignete sich die Reaktorkatastrophe von Fukushima und Atomstrom war gar nicht mehr populär. Nun sollten wieder Experten begründen, warum die Atomkraft doch nicht so sicher ist, wie dies zuvor andere Experten erklärt hatten.

Geht der Menschheit die Arbeit aus?

Ohne die Stimme der Wissenschaft geht es nicht. Erst dann erscheint Politik «alternativlos».Gefragt ist sie vor allem dann, wenn es um die Zukunft geht. Dabei ist die Prognosefähigkeit von Experten in den meisten Gebieten extrem limitiert. Die Angst vor automatisierungsbedingter Massenarbeitslosigkeit etwa «kommt und geht in Zyklen», sagt Hirschi. Sie werde heute geschürt von weltweit tätigen Beratungsunternehmen und von einer Medienindustrie, deren Angehörige auch wegen der Lage ihrer Branche eine «höhere Affinität für digitale Weltuntergangsszenarien» hätten. Dass dies den Populisten aller Länder in die Hände spielt, stellt dabei nur den politischen Kollateralschaden dar. Weit prekärer ist, «dass alle Anhaltspunkte fehlen, den Menschen könnte deswegen die Arbeit ausgehen. Schon in den Siebzigerjahren hat man prognostiziert, mit dem Computer werde die Sekretärin innert Kürze wegrationalisiert. Passiert ist nichts dergleichen.»

Weil er sich mit der Geschichte dieser Thematik beschäftigt hat, hat Caspar Hirschi wiederholt mit Forschern auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz auf Podien gesessen. «Kaum einer von ihnen würde die hochtrabenden Prognosen unterstützen, die gerade im Umlauf sind», sagt er. «Aber natürlich profitieren auch sie mit ihren Forschungsprojekten von diesem Hype.»

Was die Politik begreifen muss

Was zur Frage führt: Was müsste die Wissenschaft lernen, und was die Politik begreifen, wenn beide dem Kreislauf entkommen wollen, der ihnen schadet – die Politik, weil sie auf scheinsichere Prognosen setzt, und die Wissenschaft, weil sie mehr und mehr als Teil einer abgehobenen Elite gesehen wird. Die Politik müsste begreifen, dass «Wissenschaft ein pluralistisches Geschäft ist, in dem abweichende Stimmen gehört werden müssen», sagt Caspar Hirschi. «Die Politik muss ihre Entscheidungen selber begründen, sie kann dafür nicht die Einschätzung von Experten vorschieben.» Und sie muss zweitens bereit sein, Wissenschaft auch finanziell zu unterstützen, wenn deren Resultate weniger spektakulär und deren Prognosen unsicherer ausfallen.

Was die Wissenschaft lernen muss

Die Wissenschaft muss sich befreien von Abhängigkeiten. Sie muss ihre Debatten mehr nach aussen tragen. Und auch ihre internen Mechanismen überdenken. Caspar Hirschi meint jenes anonyme Begutachtungsverfahren namens Peer Review, über das man mit seinen Forschungen erst Zugang findet zu den grossen Fachzeitschriften. Es verleiht den begutachtenden Experten eine übergrosse Macht – und verleitet gerade junge Forscher dazu, den Mainstream ihrer Wissenschaft nicht allzu weit zu verlassen.

Eine wichtige Aufgabe kommt auch auf die Geisteswissenschaften zu, und damit auch auf sein eigenes Fach: «Wissenschafter dürfen nicht nur als Experten auftreten. Sie müssen dar­über hinaus einer breiteren Öffentlichkeit wissenschaftliche Debatten erläutern.»

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