Interview

Fotograf Yann Arthus-Bertrand hat uns die Erde von oben gezeigt: «Diese Bilder haben mein Leben verändert»

In den 90er-Jahren waren seine Luftaufnahmen von unserem Planeten ein internationales Phänomen. Im exklusiven Interview verrät der 73-Jährige, was er über die Schweiz aus der Vogelperspektive gelernt hat, was er von Greta hält, und was sein neustes Projekt ist.

Benjamin Weinmann, Genf
Drucken
Teilen
Yann Arthus-Bertrand: «Ob Greta die Kehrtwende schafft? Ich weiss es nicht.»

Yann Arthus-Bertrand: «Ob Greta die Kehrtwende schafft? Ich weiss es nicht.»

Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

Er wurde mit seinen Bildern Anfang der 90er-Jahre weltbekannt: Der französische Fotograf Yann Arthus-Bertrand zeigte in seinem Büchern, wie es der Titel sagt, «die Erde von oben». Die spektakulären Luftbildaufnahmen waren ein phänomenaler Erfolg – und machten Bertrand zum Umweltaktivisten. Im Interview mit CH Media bei einem Pressetermin in Genf sprach der 74-Jährige sprach Bertrand über seine Bewunderung für Greta, seinen neuen Dokumentarfilm «Woman»– und was er über die Schweiz aus der Vogelperspektive gelernt hat.

Ihre Fotografien von der Welt von oben waren in den 90er-Jahren ein Phänomen, die Bücher ein Grosserfolg. Weshalb glauben Sie, waren die Leute damals derart fasziniert davon?

Yann Arthus-Bertrand: Es war eine andere Zeit. Es ging in erster Linie um die Schönheit unserer Erde, wie man sie vorher noch nicht gesehen hatte. Wir waren viel weniger sensibilisiert auf die negativen Folgen der Umweltbelastung. Die Bilder erlaubten einen neuen Blick auf unseren Planeten, und jeder hatte Lust, die Erde neu kennen zu lernen. Die Bilder erschienen in Magazinen wie «National Geographic», im «Geo», und so weiter.

Wäre dieser Erfolg heute wiederholbar?

Kaum. Heute kann jeder auf seinem Handy via Google Earth sein Haus von oben betrachten. Damals, in den 90er-Jahren, war diese Perspektive - qualitativ hochstehende Fotos von oben herab - etwas Neues. Ich hoffe aber, dass meine Bilder zur heutigen Umwelt-Sensibilisierung beigetragen haben. Sie machten gewisse Themen ersichtlich, wie die Armut, die Ökologie.

Und trotzdem ist die grosse Klimabewegung erst in den vergangenen Jahren in Gang gekommen…

Ja, leider. Die Bilder machten zwar die Fragilität des Planeten ersichtlich, sie zeigten Waldrodungen, und so weiter. Aber damals war man der Ansicht, dass wir all diese Probleme aufhalten können. Man war voller Hoffnung. Heute ist ein Grossteil dieser Hoffnung berechtigterweise verloren gegangen. Gewisse Kämpfe im Zuge der Klimaerwärmung können wir nicht mehr gewinnen. Die Aussichten werden Jahr für Jahr schlechter, und verarbeiten wir immer mehr die Menge an fossilen Brennstoffen. Es wartet eine schwierige Welt auf uns.

Weshalb existierte dieses Bewusstsein damals nicht?

Ich weiss nicht nicht, es war eine andere Welt. Und heute haben wir Greta. Ein Bekannte erzählte mir kürzlich, dass ihre 14-jährige Tochter bei Gretas Rede in Davos geweint hat. Das ist wunderbar! Wenn die heutige Jugend angesichts des schlimmen Zustandes unserer Erde weint, ist das ein Zeichen, dass sie den Ernst der Lage erkannt hat. Diese Menschlichkeit braucht es, um etwas zu ändern.

Weshalb glauben Sie, dass es ein 16-jähriges Mädchen aus Schweden brauchte, damit viele Leute den Ernst der Lage verstehen?

Manchmal kommen Menschen daher, die klüger sind als wir, die uns voraus sind. Wieso auch immer. Ich finde es bemerkenswert, wie Greta als unbekanntes Mädchen mit ihren Klimastreiks angefangen hat. Wir Franzosen denken da rasch an Jeanne d’Arc. Manchmal braucht es solche revolutionäre Personen in der Geschichte. Für gehört Greta dazu. Was mich beeindruckt ist Ihr Leiden, wenn sie spricht. Sie leidet unter dem Leiden der Erde. Aber ob sie die Kehrtwende schafft? Ich weiss es nicht. Denn leider sind wir Meister in der Banalisierung des Schlechten.

Wie meinen Sie das?

Wir essen Fleisch und sagen: Ist doch nicht so schlimm! Wir denken nicht an den ökologischen Fussabdruck unseres Steaks, ans Leid der Tiere. Wir essen Produkte mit Pestiziden, obwohl wir wissen, dass Insekten deswegen sterben. 80 Prozent der fliegenden Insekten sind in den letzten 25 Jahren verschwunden. Es ist ein stiller Tod. Unsere Religion ist das Wachstum, und dagegen anzukämpfen ist enorm schwierig.

Baumwollernte in der Elfenbeinküste.

Baumwollernte in der Elfenbeinküste.

Yann Arthus-Bertrand, Keystone

Inwiefern haben Ihre Bilder von der Welt von oben Ihre eigene Haltung verändert?

Dieses Projekt hat mein Leben verändert. Ich bin losgereist, um die Schönheit unserer Welt einzufangen. Doch nach meiner Rückkehr bin ich zum Umweltaktivisten geworden. Ich habe eine Stiftung gegründet und setze mich seither für einen besseren Umgang mit unserem Planeten ein.

Heute verwenden Sie nur noch Drohnen für die Fotografie von oben, aus ökologischen Gründen. Bereuen Sie es im Nachhinein, dass Sie früher mit dem Helikopter geflogen sind? Oder rechtfertigt die Wirkung beim Publikum den Einsatz?

Nochmals: Es war eine andere Zeit. Ich bereue es nicht, weil Millionen von Menschen meine Arbeit kennenlernten. Aber klar, im Nachhinein hätte ich den Helikopter oder das Flugzeug wohl überlegter eingesetzt. Heute würde ich es anders machen. Heute mache ich es anders!

Inzwischen kann jeder Ihrer Arbeit nachäffen, in dem man eine Drohne steigen lässt…

…das ist toll!

Fühlen Sie sich dadurch nicht etwas in Ihrem Stolz als Fotograf verletzt?

Wieso auch? Ich bin 74 Jahre alt, ich hatte viel Glück in meinem Leben.

2014 flogen Sie über die Schweiz und fotografierten unter anderem die schmelzenden Gletscher. Was lernten Sie bei Ihren Flügen über das Land?

Bei der Schweiz denkt man immer, sie sei ein reiches Land. Aber beim Flug über die Landschaften wurde mir die Vergangenheit der Schweiz bewusst. Nämlich, dass sie ein armes Land war, das von der Landwirtschaft abhängig war, ohne jegliche Meer-Anbindung. Sie hat sich ihren Reichtum erarbeiten müssen.

Sie haben auch mit den berühmten Affen-Forscherinnen Dian Fossey und Jane Goodall gearbeitet. Was haben Sie von diesen beiden Frauen gelernt?

Viele der grossen Helden im Kampf für die Umwelt sind Frauen: Diane Fossey, Jane Goodall, Greta Thunberg, Vandana Shiva, Rachel Carson, und so weiter. Frauen haben meiner Meinung nach eher die Tendenz, Leben beschützen zu wollen. Mehr zumindest als Männer.

Wie kommen Sie darauf?

Für meinen neuen Dokumentarfilm „Woman“ haben wir 2000 Frauen zu zig Themen interviewt. Viele sprachen über die Geburt ihres Kindes und sagten, dass sie plötzlich spürten, dass es etwas Wichtigeres in ihrem Leben gibt als sie selbst.

Yellowstone National Park, USA.

Yellowstone National Park, USA.

Yann Arthus-Bertrand, Keystone

Das spüren doch auch Männer.

Das glaube ich nicht, nicht in dem Ausmass. Ich kann es zumindest nicht von mir selbst behaupten. Bei der Geburt meiner drei Buben spürte ich dieses Verantwortungsgefühl nicht. Ich ging zurück an meine Arbeit. Und gleichzeitig verstehe ich die Frauen nun auch viel besser, wenn sie sagen, sie wollen keine Kinder, weil sie ihre Freiheit nicht aufgeben wollen. Wir Männer hingegen sind immer frei.

Was wurde Ihnen sonst noch bewusst?

Dass ich meine Frau zu wenig respektiert habe. Als ich in den 70er-Jahren nach Kenia gehen wollte, um Löwen zu studieren und fotografieren, gab sie ihr Leben zu Hause für mich auf und nahm unsere Kinder mit, ans andere Ende der Welt. Ich weiss nicht, ob ich fähig gewesen wäre, das Gleiche zu tun. Nur aus Liebe alles aufzugeben. Dafür braucht es Mut. Ich war ihr zu wenig dankbar dafür. Das Gleiche gilt auch in Bezug auch meine Mutter.

Inwiefern?

Sie war die wichtigste Person in meinem Leben, sie hat mich grossgezogen. Sie hatte einen grösseren Einfluss auf mich als mein Vater, obwohl ich als Kind meinen Vater für wichtiger hielt. Erst dank all der Gespräche mit den Frauen, reflektierte ich meine Kindheit. Und nun spüre ich ein gewisses Bedauern.

«Woman» startet am 11. März in der Romandie und am 11. Juni in der Deutschschweiz.

Mehr zum Thema