Forschung
War der Asteroid nur der Gnadenschuss? Die Dinosaurier verschwanden bereits vor dem Einschlag

Der Einschlag eines Asteroiden vor rund 66 Mio. Jahren hat die Dinosaurier ausgerottet. Das war bis jetzt der letzte Stand der Wissenschaft. Eine neue Studie deutet darauf hin, dass der Niedergang der Saurier bereits 10 Mio. Jahre früher eingesetzt haben muss. Der Asteroid war zwar ein Killer, aber er setzte eher einen Gnadenschuss.

Christoph Bopp
Drucken
Teilen
Der letzte Marsch der Dinosaurier.

Der letzte Marsch der Dinosaurier.

Jorge Gonzales

«Die Dinosaurier wern immer trauriger» – so textete 1980 der deutsche Musiker Lonzo. Trauriger wurden die Reptilien, weil sie nicht an Bord von Noahs Arche durften. Und bereits 1854 schrieb Joseph Viktor von Scheffel (1826-1886) sein Gedicht «Der Ichthyosaurier» und liess dort den Fischsaurier klagen: «Mir ahnt eine Weltkatastrophe, / so kann es länger nicht gehn; / ...» Der Saurier-Leitartikler vermutete im allgemeinen Niedergang der Sitten den Untergang der Spezies.

Das war gewissermassen «alternative history» – wie es eben gerade nicht gewesen war. Denn die These (oder wie man vermehrt sagt: das Narrativ) setzte sich immer mehr durch, dass die Saurier nicht aussterben mussten, weil sie zu gross und zu unbeweglich wurden, sondern weil sie von einem Asteroiden erschlagen wurden. Seine Spuren hat man auch gefunden: Der Einschlag vor rund 66 Mio. Jahren hinterliess den Chicxulub-Krater im Golf von Mexico. Er beendete die Kreidezeit und damit das Ende der Aera der Saurier. Der Asteroid musste einen Durchmesser von 10 bis 15 Kilometern gehabt haben und hinterliess nicht nur den Krater mit einem Durchmesser von rund 180 Kilometern, sondern brachte auch Wetter und Klima für mehrere Jahrzehnte in Unordnung, sodass die Ökosysteme nachhaltig gestört wurden und das Massenaussterben (rund 75 Prozent aller Arten verschwanden) unvermeidlich wurde.

Der Niedergang begann schon vor dem Knall

Und jetzt scheint es, wie wenn Lonzo und Scheffel doch Recht gehabt hätten. Ein neues Narrativ taucht auf: Bereits 10 Millionen Jahre vor dem Asteroiden-Einschlag begann der Niedergang der Saurier. Ein Team, zusammengesetzt aus Forschern der Universitäten von Montpellier, Bristol und Edmonton, untersuchte die fossilen Reste von sechs vorherrschenden Dinosaurierarten, die während der Kreidezeit (150 bis 66 Mio. Jahre) die Szene beherrschten. Und das Bild wurde immer klarer: Vor rund 76 Mio. Jahren setzte relativ plötzlich ein Niedergang ein. Das zeigt die Aussterberate, die steil ansteigt, und die Rate der Entstehung neuer Arten, die nach unten weist. Die Studie erschien in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift «Nature Communications».

Aussterberate und die Entstehung neuer Arten (links) und der Niedergang der Diversität (rechts).

Aussterberate und die Entstehung neuer Arten (links) und der Niedergang der Diversität (rechts).

Fabien L. Condamine

Natürlich sind die Daten nicht so, dass man aus ihnen ein eindeutiges Resultat ermitteln könnte. Aber man kann mit Modellen, die mit Bayesscher Wahrscheinlichkeit arbeiten, versuchen ein Bild des damaligen Geschehens zu bekommen. Thomas Bayes (1701-1761) schlug einen Wahrscheinlichkeitsbegriff vor, der sich gegenüber dem der klassischen Statistik dadurch auszeichnet, dass er es erlaubt, zusätzliches Wissen hinzuzunehmen. Oder konkreter gesagt: Man kann mit ihm die Plausibilität einer Hypothese prüfen und nicht nur schauen, ob die Hypothese zur Stichprobe passt.

Solche Bayesianische Modelle haben die Forscher verwendet, um mit Problemen umzugehen, die sich ergeben, wenn man mit Daten aus der Kreidezeit arbeitet. Diese Probleme könnten sein: 1) Die Unvollständigkeit der fossilen Reste – wie komplett bilden die gefundenen Fossilien die Fauna der Kreidezeit ab? 2) Unsicherheiten in der Datierung: Oft lässt sich das Alter eines Fossils nicht sehr genau angeben. Und 3) Die Theorien über die evolutionären Vorgänge – welche Arten sind aus welchen entstanden und wie sind sie miteinander verwandt?

Die Forscher haben die Daten millionenfach durch die Modelle laufen gelassen. Dabei haben sich immer mehr Hinweise auf einen Niedergang der Dinosaurier ergeben, der ungefähr vor 76 Mio. Jahren eingesetzt hat. Zuerst müssen die Pflanzenfresser verschwunden sein, das gibt einen Hinweis, dass sich die klimatischen Verhältnisse verändert haben und ihnen die Nahrungsbasis wegbrach, weil die Ökosysteme nicht mehr funktionierten. Darauf folgten die Raub- und anderen Saurier.

Niedergangs-Hypothese passt am besten zu den Daten

Phil Currie, ein Co-Autor von der Universität von Edmonton, Alberta, Kanada, ist ein Spezialist für Saurier-Fossilien. Er sagt: «Wir haben mit 1600 sorgfältig geprüften Fossilien gearbeitet. Ich habe nach Dinosaurier-Fossilien in Nordamerika, der Mongolei, China und anderen Gebieten auf der Erde gesucht und ich habe eine grosse Verbesserung in unserem Verständnis der Dinosaurier-Ära und der Kenntnis der Gesteinsformationen, welche Reste enthalten, festgestellt. Die Datenlage hat sich sehr verbessert. Angesichts dessen macht die Hypothese des Niedergangs der Saurier 10 Mio. Jahre vor dem Einschlag Sinn.»

Und Professor Mike Benton von der Universität Bristol nennt zwei Hauptfaktoren. Das Klima sei – ausgehend von einem Treibhausklima mit globalen Durchschnittstemperaturen von über 30 Grad Celsius – allgemein kühler geworden. Das ist nicht gut für die (wahrscheinlich) wechselwarmen Reptilien. Und zweitens habe man gesehen, dass die Saurierarten, die schon länger existierten, in der Niedergangsphase vermehrt ausgestorben sind. «Das legt nahe, dass sie Mühe hatten, sich an die veränderten Verhältnisse anzupassen.»

Der Niedergang der Saurier vor der Katastrophe würde auch den Aufstieg der Säugetiere besser erklären. Sie fanden bereits Verhältnisse vor, die ihnen eine gewisse Ausbreitung und Diversität erlaubten. Das gab ihnen eine bessere Basis für die Erholung nach dem Einschlag.

Aktuelle Nachrichten