Pflege
Wie kleine Sensoren dem Pflegepersonal zur Hand gehen

Neue Technologien überwachen Patienten besser, als das Pflegepersonal es kann – ein Vorteil für alle. Viele dieser Produkte stammen aus der Schweiz.

Mark Walther
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Textilien der Zukunft: Eine in der Schweiz entwickelte Unterhose kann die Körpertemperatur messen.Illustration: Patric Sandri

Textilien der Zukunft: Eine in der Schweiz entwickelte Unterhose kann die Körpertemperatur messen.Illustration: Patric Sandri

Pflegen und sich pflegen lassen soll effizienter und zugleich angenehmer werden. Dafür können neuste Sensortechniken sorgen, die im Begriff sind, Heime und Spitäler in Hightechpflegestätten zu verwandeln. «Die Sensoren haben das Potenzial, den ganzen Health-Care-Bereich zu verändern», prophezeit Gerhard Tröster.

Der Professor arbeitet im Wearable Computing Lab der ETH Zürich, einem der international führenden Labors in der Entwicklung und Erforschung von «Wearable Technologies». Diese Kleider und Accessoires verfügen nicht bloss über aufgenähte Elektroteile: Sie sind der Sensor selbst. Tröster hat zusammen mit einem Team der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) ein solch «intelligentes» Kleidungsstück entwickelt: eine Unterhose, die Körpertemperatur, Druck und Hautfeuchtigkeit messen kann. Damit soll das Pflegepersonal künftig Anzeichen von Druckgeschwüren frühzeitig erkennen. So könnten besonders bei Querschnittsgelähmten die im Fachjargon Dekubitus genannten Geschwüre durch rechtzeitiges Umlagern verhindert werden.

Schweizer Gerät erobert Europa

Bereits auf dem Markt erhältlich ist der «Mobility Monitor» des ETH-Start-ups Compliant Concept. Das sensorbasierte Pflegehilfsmittel steht bereits in über 50 Heimen und Spitälern in der Schweiz im Einsatz, gegenwärtig wird nach Deutschland, Österreich und Holland expandiert. Auch der «Mobility Monitor» unterstützt das Pflegepersonal im Kampf gegen Dekubitus. Eine Sensorleiste unter der Matratze misst das Bewegungsverhalten des Patienten im Bett. Hat er sich zu lange nicht ausreichend bewegt, sendet das Gerät einen Alarm in das Stationszimmer. Der Vorteil: Das Pflegepersonal muss den Patienten nur dann umlagern, wenn es wirklich nötig ist. So werden überflüssige Umlagerungen verhindert. Das entlastet Pflegende und der Patient wird weniger oft geweckt. Dadurch erhöht sich seine Schlafqualität. Eine sechswöchige Evaluation in einer deutschen Senioreneinrichtung hat gezeigt, dass mit dem «Mobility Monitor» 41 Prozent weniger Umlagerungen gemacht wurden.

Der «Mobility Monitor» kann auch Polizist spielen: Bei verwirrten Pflegebedürftigen oder solchen, die nicht gut zu Fuss sind, sorgt der Bettausstiegsalarm dafür, dass das Pflegepersonal sofort erfährt, wenn jemand sein Schlafquartier verlassen hat. So wird Stürzen vorgebeugt. In dieselbe Richtung zielt der Bodenbelag Sensfloor der Münchner Technologiefirma Future Shape. Dank Näherungssensoren erfasst er Bewegungen auf dem Boden, kann zur Unterstützung ein Orientierungslicht einschalten und alarmiert bei Stürzen das Pflegepersonal. Solche auf Effizienz getrimmten Systeme sind gefragt, weil die Personalbestände in Heimen und Spitälern knapp sind und die Menschen in der Schweiz immer älter werden. Um einem drohenden Pflegenotstand entgegenzuwirken, haben Kantone wie Aargau, Luzern oder Bern eine Ausbildungsverpflichtung für Pflegefachleute eingeführt.

Sturzsensor für zu Hause

Einen anderen Ansatz, auf dezimierte Personalressourcen zu reagieren, verfolgt das Projekt «Aide-Moi» der Berner Fachhochschule. Ein wasserdichter Sturzsensor, integriert in ein Pflaster, soll dazu beitragen, dass Seniorinnen und Senioren länger selbstständig und unabhängig im eigenen Zuhause leben können. Bis Herbst 2015 sollen die Tests des Prototyps abgeschlossen sein. «Betreuung und Pflege werden sich in Zukunft immer mehr ins ambulante und häusliche Setting verlagern, sagt Co-Projektleiterin Sabine Hahn und fügt an: «Darum ist es wichtig, dass für die Sturzfrüherkennung und -alarmierung eine praktikable Lösung geboten wird». Bei einem Sturz löst das Sensorpflaster via «Sturzapp» auf einem Smartphone automatisch Alarm aus.

Unterhosen, Betten, Böden, Pflaster - wohin führt die fortschreitende Technologie? In den Körper hinein, meint Gerhard Tröster. «Denkbar sind etwa Elektrobauteile, die als Pillen eingenommen werden, durch den Körper zu einer Krebszelle wandern, diese abtöten und sich dann selbst auflösen.» Die Entwicklung solcher Hilfsmittel stehe erst am Anfang. «Die Zahl der neuen Technologien wird bald rapide zunehmen», so Tröster.

Ordnung im Produktedschungel

Ein boomender Markt mit immer neuen Produkten – das ruft nach Ordnung. Die will Curaviva, der Verband Heime und Institutionen Schweiz, mit einem Online-Wegweiser schaffen, der im nächsten Sommer online gehen soll. Er bietet einen Überblick und unabhängige Informationen zu Technikprodukten für die Pflege. Denn: Nicht jedes neue Gadget sei automatisch nützlich, sagt Markus Leser von Curaviva, und schon gar nicht jede Neuerung erwünscht: «Eine neue Technologie muss fähig sein, die Pflegenden zu entlasten, sonst kommt sie nicht in den Online-Wegweiser.»

Entlastung heisse aber nicht Ersetzen. «Es darf nie darum gehen, Pflegepersonal durch Technik auszutauschen», so Leser. Die menschliche Komponente in der Pflege sei bei aller Effizienzsteigerung nicht wegzudenken. Die Limiten der Technik sieht Leser bei der direkten Zuwendung zu Menschen: «Ein Roboter wird einen dementen Patienten nie so fürsorglich mit Essen versorgen können, wie das ein Pfleger aus Fleisch und Blut kann.»