Wissenschaft
Verrückte Selbstversuche: Wenn Forscher am eigenen Körper experimentieren

Manchmal hilft nur das Experiment am eigenen Körper, um etwas zu beweisen. Immer wieder führten deshalb Forscher Selbstversuche im Namen der Wissenschaft durch. Sieben verrückte Beispiele

Claudia Weiss
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Big-Mac-Bauch: 30 Tage lang Fastfood

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KEYSTONE

Die Wissenschaft hat uns dahin gebracht, wo wir heute stehen: Menschen können fliegen, Herzkatheter einsetzen und physikalische Gesetze berechnen. Für einige dieser Entdeckungen haben besessene Forscher Experimente an sich selbst vollzogen. Erstaunliche, unappetitliche und sogar lebensgefährliche. Beispielsweise Paul Stapp, der vor 60 Jahren den menschlichen Vorläufer der Crash Test Dummies spielte. Viele der so gewonnenen Erkenntnisse sind noch heute überaus nützlich für uns. Andere sind allenfalls bizarr und gar gefährlich für die Gesundheit, wie etwa die 30-Tage-McDonalds-Diät von Morgan Spurlock (im Bild).

Psychologie: willkürliche psychiatrische Diagnosen

Wie schnell gerät ein Normaler in eine verrückte Umgebung? Das testeten der US-amerikanische Psychologe David Rosenham und seine Studenten zwischen 1968 und 1972 gleich mehrmals. Das Rezept war einfach: Ein paar Tage lang nicht rasieren, nicht duschen und danach in Schmuddelkleidern bei einer der psychiatrischen Kliniken in Pennsylvania vorsprechen. Sie hörten Stimmen im Kopf, klagten die Pseudopatienten den Psychiatern jeweils. Diese würden ihnen verzerrt Worte wie «leer», «dumpf» und «hohl» zurufen. Eine Diagnose dafür steht in keinem Lehrbuch. Dennoch nahmen die Psychiater alle acht Pseudopatienten ohne Zögern stationär auf und verschrieben ihnen – obwohl sie sich von da ab völlig normal verhielten – an die 2100 Tabletten und hielten sie bis zu 52 Tage fest. Rosenhan publizierte seine Erfahrung 1973 im Fachmagazin «Science» unter dem Titel «Vom Normalsein in verrückter Umgebung». Er wollte damit aufzeigen, wie unzuverlässig psychiatrische Diagnosen sein können: «Wir wissen nun, dass wir Geisteskrankheit nicht von geistiger Gesundheit unterscheiden können», warnte er.

Chirurgie: Was andere können, kann ich auch

Am 15. Februar 1921 lag der amerikanische Chirurg Evan O’Neill Kane auf der Operationsliege und wartete darauf, dass ein Kollege ihm den entzündeten Blinddarm herausoperierte. Plötzlich entschied er sich dazu, die Operation selber durchzuführen. Mit Kissen stützte er sich so ab, dass er den Operationsbereich gut sehen konnte. Dann injizierte er sich Kokain und Adrenalin in die Bauchdecke, führte unter den fassungslosen Blicken des Operationsteams die nötigen Schnitte durch und entfernte das entzündete Teil. Einen kurzen Moment der Aufregung gab es: Weil er sich zu weit nach vorne beugte, um gut zu sehen, was er machte, quoll ihm ein Teil des Darms durch die Operationswunde heraus. Seelenruhig schob er ihn wieder an seinen Platz und vernähte die Wunde. Eine halbe Stunde dauerte die Operation. Der Chirurg erholte sich rasch und gut, sodass er knapp zwei Wochen später schon wieder andere Patienten operiert. Er habe wissen wollen, erklärte O’Neill später, wie sich Patienten während einer Operation fühlten und wie die Betäubung am besten wirke.

Fliegen: Wenn einer denkt, er sei ein Vogel

Er baute Dampfmaschinen, Dampfkessel und Bergbaumaschinen, aber die wahre Leidenschaft von Otto Lilienthal galt dem Fliegen. Im Alter von 20 Jahren machte der Luftfahrtpionier erste Experimente mit abenteuerlichen Flugapparaten. 1891 dann der grosse Schritt: Mit seinem Derwitzer Apparat – 7 Meter Spannweite, knapp 4 Meter lang und 18 Kilogramm schwer – gelang es ihm erstmals, im deutschen Derwitz Flugdistanzen bis 25 Meter zurückzulegen. Mit dem Folgemodell, dem Südende-Apparat, schaffte er es aus einer Absprunghöhe von zehn Metern schon 80 Meter weit. Wie besessen tüftelte er weiter. Am 9. August 1896 wurde ihm allerdings eine «Sonnenbö» (Luftströmung) zum Verhängnis: Er stürzte mit einem Normalsegelapparat ab und erlag tags darauf seinen Verletzungen.

Selbsterhängung: Drei bis vier Sekunden am Seil

Ein wenig besessen muss der rumänische Gerichtsmediziner Nicolas Minovici gewesen sein: Genau 110 Jahre ist es her seit seinen merkwürdigen Studien: In seinem 238 Seiten langen Bericht «Studien über das Hängen» beschrieb er nicht nur 172 Suizide minuziös, indem er sie nach Geschlecht, Jahreszeit, Ort, Seilart und Knoten unterschied. Nein, vielmehr testete er das Gehängtsein gleich selber und hielt seine persönlichen Erlebnisse ebenso minuziös fest. Der Schmerz sei unerträglich und habe zwei Wochen lang angehalten, schrieb er. «Frakturen von Kehlkopf und Zungenbein sind fast unvermeidlich.» Schliesslich liess er sich von Assistenten an einem Seil mit dem echten, sich zusammenziehenden Knoten in die Höhe ziehen, zwölfmal insgesamt. Er und seine Assistenten hielten es nie länger als drei bis vier Sekunden aus. Seine Erkenntnis aus dem bizarren Selbstexperiment hilft nicht wirklich viel. Immerhin: Wahrscheinlich sterben die meisten Erhängten nicht durch Ersticken, sondern weil die Blutzufuhr zum Gehirn unterbrochen wird.

Anästhesie: Ein paar Stunden auf Chloroform

Schmerzfrei operieren – der Traum jedes Chirurgen. 1847 entdeckte James Young Simpson die Wirkung von Chloroform, nachdem er mit zwei Freunden ständig neue Chemikalien ausgetestet hatte. Als sie das Mittel inhalierten, gerieten sie in eine gut gelaunte und fröhliche Stimmung. Und fielen in eine Ohnmacht, aus der sie erst am nächsten Morgen wieder aufwachten. Allerdings war es ein grosses Glück, dass Simpson die Chloroformdosis überlebte. Hätte er zu viel inhaliert und wäre daran gestorben, hätte man es nie als Narkosemittel verwendet. Tatsächlich ist es keineswegs harmlos und dient heute nur noch als Lösungsmittel. Hätte Simpson umgekehrt zu wenig inhaliert, hätte es ihn nicht narkotisiert.

Blitzstopp: Druck ist nicht tödlich

Was passiert bei Unfällen in grossen Flughöhen ohne Druckkabine, was beim Auslösen eines Schleudersitzes oder Fallschirms? Was immer getestet werden sollte, der amerikanische Colonel Paul Stapp war an vorderster Front dabei. Er bewies: Auch in 12 Kilometern Höhe ohne aktive Überdruckkabine bildeten sich im Blut keine gefährlichen Bläschen, wenn er über 30 Minuten vor dem Abflug hoch konzentrierten Sauerstoff einatmete. Später testete er auf einem Raketenschlitten namens Gee Wizz, wie viel Druck entsteht, wenn dieser extrem beschleunigt und abrupt wieder gebremst wird. Gebrochene Handgelenke und gequetschte Rippen schreckten ihn nicht ab. Stapp beschleunigte seinen Schlitten mithilfe von immer mehr Raketen bis auf 632 Meilen pro Stunde. Zwar war er mit Helm und Zahnschiene ausgerüstet, aber als er im Wasser abrupt gestoppt wurde, wog er einen Moment lang 3400 Kilogramm und erfuhr einen Druck von 44 G (Erdbeschleunigung). In seinen Augen platzten durch den Druck so viele Blutgefässe, dass er tagelang nichts sehen konnte. Aber er hatte bewiesen: Piloten können die Beschleunigung beim Auslösen eines Schleudersitzes oder bei einer Bruchlandung überleben.