Umweltschutz
US-Kritik an Schweizer Umweltschützer: Messmethode «irreführend»

Der ökologische Fussabdruck, ein Mass für die Überbeanspruchung der natürlichen Ressourcen der Erde, sei "irreführend" und ein schlechter Ratgeber für die Politik. Das schreibt ein US-Thinktank und attackiert damit auch einen Schweizer Forscher.

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Der Schweizer Forscher Mathis Wackernagel ist Miterfinder des «ökologischen Fussabdrucks».

Der Schweizer Forscher Mathis Wackernagel ist Miterfinder des «ökologischen Fussabdrucks».

Juri Junkov

Den Ökologischen Fussabdruck (ÖF) haben der Schweizer Mathis Wackernagel und der US-Ökologe William Rees in den 1990er Jahren entwickelt, um abzuschätzen, wie viel mehr Naturprodukte und -dienstleistungen die Menschheit in Anspruch nimmt, als die Erde regenerieren kann.

Die Berechnung ergibt, dass die Menschheit derzeit mindestens 50 Prozent mehr verbraucht - demzufolge benötigte sie "1,5 Erden", um den Bedarf zu decken. Organisationen wie die Vereinten Nationen (UNO), der WWF und die Internationale Naturschutzunion (IUCN) verwenden dieses Messinstrument in ihren Berichten.

Ökologischer Fussabdruck

Weltweit braucht die Menschheit derzet 1,5 Mal so viele Ressourcen, wie für die Erde verträglich ist. In den Industrienationen ist der ökologische Fussabdruck aber deutlich grösser. In der Schweiz liegt er bei rund 4,5. (Quelle: footprintnetwork.org)

Einseitige Bewertung

Jetzt kritisieren die Ökologen vom US-amerikanischen Thinktank «Breakthrough Institute» im Online-Fachjournal «Plos», dass die Messungen des ÖF "irreführend" und "unzuverlässig" seien, wie das Schweizer Radio SRF berichtet. Der ÖF berücksichtige lediglich den Ausstoss von Kohlendioxid (CO2) und ignoriere wichtige ökologische Indikatoren wie Bodenfruchtbarkeit, Wassermangel, sinkende Grundwasserspiegel und Artenschwund.

Diese Einseitigkeit biete schlechten Rat für die Politik, weil sie etwa andeutet, dass enorme Plantagen sehr CO2-hungriger Bäume das Problem lösen könnten. Irreführend seien die Berechnungen, weil schon geringe Änderungen in der angenommenen CO2-Absorptionsfähigkeit der Wälder nach oben oder unten den ÖF entweder kleiner als eine "Erde" machen oder aber fast unendlich gross.

Wissenschaftliches Werkzeug

In "PLOS Biology" lieferten sich die beiden Thinktanks einen regelrechten Schlagabtausch. Der gesamte Fussabdruck berücksichtige nicht nur Kohlendioxid, sondern die gesamte Bilanz der Ressourcennutzung, kontern Rees und Wackernagel vom Global Footprint Network in Oakland, Kalifornien, das ein Büro in Genf hat. "Wenn die Menschen weniger Nahrung und Holz benötigen würden, stünde mehr Land zur CO2-Absorption zur Verfügung."

Der ÖF sei kein Glaubensgrundsatz, sondern ein wissenschaftliches Werkzeug, das die vollständigste verfügbare Analyse des ökologischen Status von Nationen erlaubt. "Bessere Messinstrumente wären denkbar", schreiben sie. "Es gibt sie derzeit aber nicht."

Streit unter Freunden

Pikant ist am Wortgefecht, dass hier nicht Feinde gegenüberstehen. Beide Seiten sind sich darin einig, dass der Mensch die Erde in Bedrängnis bringt. Uneinig sind sie jedoch darin, welches Messinstrument geeignet ist, um den menschlichen Raubbau abzuschätzen und politische Massnahmen dagegen zu veranlassen.

Während das Breakthrough Institut nach eigenen Angaben "den Umweltschutz ins 21. Jahrhundert modernisieren will" und dazu auf Technologie und Entwicklung setzt, will das Global Footprint Network gemäss seiner Webseite den "Einsatz des Ökologischen Fussabdrucks beschleunigen", um die nachhaltige Ressourcennutzung voranzutreiben. (sda/cze)

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