Tierwelt
Über 10000 Fische, Schlangen und Krokodile: Das grösste Aquarium der Schweiz eröffnet

10000 Fische schwimmen im Süsswasser des Vivariums Aquatis in Lausanne. Doch am meisten faszinieren Schlangen und Krokodile.

Niklaus Salzmann
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Impressionen aus dem Aquatis.
Westafrikanisches Krokodil-Baby.
Das Aquarium in Lausanne ist das grösste in der Schweiz. Visitors look at fish during the opening day of Aquatis, in Lausanne, Switzerland, Saturday, Oct. 21, 2017. Aquatis Aquarium-Vivarium Lausanne is one of Europe's largest freshwater Aquarium-Vivariums. (Jean-Christophe Bott/Keystone via AP)
Fasziniert: Besucherinnen und Besucher im Aquatis.   
Impressionen aus dem Aquatis.
Impressionen aus dem Aquatis.
Aquatis, das neue Aquarium am Stadtrand von Lausanne.
Die bislang in Lausanne angekommenen Fische befinden sich vor der Eröffnung von Aquatis Ende September noch in Quarantäne.
Impressionen aus dem Aquatis.
Arapaima im Aquarium in Lausanne.
Das Aquatis, hier noch als Modell vor dem Bau.

sedrik nemeth

«Wal?», fragt ein Dreikäsehoch seine Mutter und deutet auf einen Fisch, der hinter der Scheibe seine Runden dreht. Die Mutter widerspricht: «Kein Wal, grosser Fisch.» Mehr dazu weiss sie nicht zu sagen. So geht es wohl den meisten Besuchern von Aquatis, dem nach eigenen Angaben grössten Süsswasseraquarium Europas, das am vergangenen Wochenende in Lausanne eröffnete: Die Seeforelle kann nur benennen, wer den Bildschirm neben dem Becken konsultiert.

Leichter zu erkennen ist der Schwarm kleiner gestreifter Fische, der wenige Armlängen von der Seeforelle im Wasser schwebt. Es sind junge Egli (angeschrieben mit der hierzulande weniger geläufigen Bezeichnung Flussbarsch, was wir Aquatis als Kinderkrankheit durchgehen lassen). Einer ist unvorsichtig, entfernt sich mit ein paar Flossenschlägen von seinen Artgenossen, erkundet einen rostigen Käfig. Die Seeforelle folgt ihm, schnappt zu – um ein Haar hätte sie ihn erwischt.

Das neue Aquarium in Zahlen

- 5 Kontinente umfasst der Rundgang – nur die Antarktis fehlt. Am authentischsten fühlt sich das Amazonas-Gebiet an, wo die Luft vor Feuchtigkeit zu triefen scheint.

- 2 Millionen Liter Süsswasser enthalten die Becken. Das entspricht dem Inhalt von ungefähr hundert Tankwagen.

- 46 Aquarien, Vivarien, Terrarien beherbergen nicht nur 10 000 Fische, sondern auch hundert Reptilien und Amphibien.

- 362 Fischarten leben in den Aquarien. Das ist nur ein kleiner Teil der Artenvielfalt in den Süssgewässern der Welt – allein im Malawisee gibt es über 800 Buntbarscharten.

- 66 Millionen Franken hat das Aquatis-Vivarium gekostet. Das Total der Investitionen inklusive zugehöriges Hotel und Konferenzzentrum beträgt 100 Millionen Franken.

- 3500 m2 Ausstellungsfläche werden von verschlungenen Gängen durchzogen, die teilweise mitten durch Aquarien führen.

Derartige Action ist bei Aquatis allerdings die Ausnahme, Fische sind in der Regel geruhsam. Umso mehr haben sich die Macher bei der Gestaltung des Rundgangs durch die Süsswasserwelt einfallen lassen. Auf dem Weg vom Rhonegletscher zum Mittelmeer, der auch am Genfersee-Becken mit Egli und Seeforelle vorbeiführt, erblicken die Besucher unter ihren Füssen ein Schiff, das scheinbar durchs Wasser gleitet. Beim genaueren Hinsehen erkennen sie, dass sie auf Spiegelplatten stehen. Das Schiff hängt als Modell über ihren Köpfen an der Decke, der Fluss wird als Video um den Rumpf herum projiziert.

Staunen ja, lernen nein

Auch die Kurzfilme mit Hintergrundinfos zu den Süsswasserlebensräumen sind originell gemacht: Die Experten werden virtuell in die Umgebung gestellt, über die sie reden. Schade, dass das Gesprochene im Rauschen des Wassers und im Raunen des Besucherstroms untergeht und auch die Übertitel nicht recht funktionieren, da den Betrachtern der nötige Abstand fehlt, um gleichzeitig das Bild zu betrachten und den Text zu lesen. Dies dürften ebenfalls Kinderkrankheiten sein, die allerdings rasch kuriert werden müssten, damit Aquatis den eigenen Anspruch erfüllen kann: nicht nur ein Ort des Vergnügens, sondern auch ein Zentrum für Umwelterziehung zu sein.

Das Aquarium in Lausanne ist das grösste in der Schweiz. Visitors look at fish during the opening day of Aquatis, in Lausanne, Switzerland, Saturday, Oct. 21, 2017. Aquatis Aquarium-Vivarium Lausanne is one of Europe's largest freshwater Aquarium-Vivariums. (Jean-Christophe Bott/Keystone via AP)

Das Aquarium in Lausanne ist das grösste in der Schweiz. Visitors look at fish during the opening day of Aquatis, in Lausanne, Switzerland, Saturday, Oct. 21, 2017. Aquatis Aquarium-Vivarium Lausanne is one of Europe's largest freshwater Aquarium-Vivariums. (Jean-Christophe Bott/Keystone via AP)

JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Die Besucher sind ohnehin nicht zum Lernen da, sondern zum Schauen und zum Staunen, im Kleinen und Grossen, über die roten Garnelen, so lang wie eine Fingerbeere, bis zum meterlangen Wels. All die Lebewesen kommen in der Natur ganz in der Nähe vor, bewohnen Rhone und Genfersee, bleiben unserem buchstäblich oberflächlichen Blick aber meist verborgen.

Eine Treppe führt die Besucher in die anderen Kontinente. So an den Malawisee, wo sich gelbe Fische mit dunklen Flossenrändern, weisse mit schwarz gepunktetem Rücken, silbrig glänzende, längs und quer gestreifte tummeln, scheinbar alles, was Gott sich ausdenken konnte – und doch ist es nur eine kleine Auswahl der über 800 Buntbarscharten, die in jenem Gewässer vorkommen.

Fasziniert: Besucherinnen und Besucher im Aquatis.   

Fasziniert: Besucherinnen und Besucher im Aquatis.   

SEBASTIEN ANEX

Die wahren Attraktionen, besonders für Kinder, sind jedoch die Reptilien. Das Westafrikanische Krokodil, obwohl es regungslos daliegt. Die Nashornviper, die erschreckend gut getarnt im Laub am Boden ruht, und der australische Inlandtaipan, die giftigste Schlange der Welt, die es sich in einem staubigen Schulpult bequem gemacht hat. Der Komodowaran, die grösste Echse der Welt – o Schreck, da stehen zwei Kinder direkt im Gehege! Entwarnung, sie befinden sich in einem Glaskasten, alles sicher. Auch hier ein Lob an die Gestalter von Aquatis, gut inszeniert.

Trotzdem zieht ein Fünfjähriger noch vor dem Ende des Rundgangs das Fazit: «Da hat es im Fall fast nur Fischli.» Und Fische – sogar wenn es sich um Rochen oder Piranhas handelt – sind nun mal nicht per se spektakulär; dies ist das Handicap von Aquatis. Andererseits ist das Süsswasser eine Nische, die in anderen Vivarien nur wenig Platz hat. Bleibt die Frage, ob die Besucher darauf ansprechen. Das Ozeanium, das dem Publikum ab 2024 in Basel das Leben in den Meeren präsentieren soll, wird jedenfalls ein ernst zu nehmender Konkurrent werden. Zumal das Wasser dort mit noch grösserer Kelle angerichtet wird – die Fläche entspricht rund dreimal jener von Aquatis.