Testosteronsenkende Mittel schützen vor Covid-19

Untersuchungen an Prostatakrebs-Patienten zeigen, dass diese dank der Hormontherapie kaum an Covid-19 erkranken.

Bruno Knellwolf
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Verschiedene Medikamente werden auf die Wirkung gegen Covid-19 untersucht.

Verschiedene Medikamente werden auf die Wirkung gegen Covid-19 untersucht.

Symbolbild: Alexander Raths

An Covid-19 sterben deutlich mehr Männer als Frauen. Das war auch schon bei den anderen Coronaviren-Erkrankungen Sars oder Mers so. Die Gründe dafür sind noch nicht definitiv geklärt. Das Immunsystem von Frauen reagiert schneller und effizienter auf Infektionserreger. Als Ursache dafür werden die unterschiedlichen Sexualhormone vermutet: das weibliche Östrogen und das männliche Testosteron. Das Östrogen unterstützt eine entzündungsfördernde Immunantwort des durch Viren angegriffenen Körpers, Testosteron unterdrückt diese.

Diese Vermutung erhält nun Nahrung durch eine Studie der ETH Zürich und der Universität der italienischen Schweiz (USI) mit einer Untersuchung von 5200 Männern im italienischen Veneto. Gemäss dieser erkranken männliche Krebspatienten im Vergleich mit der gesamten männlichen Bevölkerung 1,8-mal häufiger an Covid-19. Zudem haben sie schwerere Krankheitsverläufe. Dabei zeigte sich aber eine aufsehenerregende Ausnahme: Unter den Männern mit Prostatakrebs, deren Testosteronspiegel medikamentös abgesenkt wird, erkrankten nur sehr wenige an Covid-19. Und keiner dieser Patienten verstarb daran. Möglicherweise sind sie vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 geschützt. Und wenn sie doch infiziert werden, zeigen sie mildere Krankheitsverläufe. Unter den Patienten mit Prostatakrebs war das Risiko für eine Sars-CoV-2-Infektion viermal geringer, wenn diese eine Hormontherapie erhielten. Das könnte ein Schlüssel sein für die Entwicklung von Covid-19-Medikamenten. Denn Forscher haben vor kurzem entdeckt, dass ein Protein namens TMPRSS2 dem Pandemieerreger hilft, menschliche Zellen zu befallen. Genau dieses Protein ist aber bei Prostatakrebspatienten erhöht. Deshalb wird mit einer Hormontherapie die Konzentration dieses Proteins TMPRSS2 gesenkt. «Diese Zusammenhänge könnten erklären, warum Männer häufiger eine aggressivere Form von Covid-19 entwickeln als Frauen», sagt der Studienleiter Andrea Alimonti, Professor an der USI und der ETH Zürich.

Das passt auch zu einer jetzt im «European Heart Journal» publizierten Studie, welche eine ergänzende Erklärung für die höhere Mortalität bei Männern liefert. Das vorhin genannte Protein TMPRSS2 modifiziert nämlich das Enzym ACE2, das bei Frauen häufiger vorkommt. ACE2 ist ein Rezeptor auf der Oberfläche von Zellen, das an das Coronavirus bindet und es ihm ermöglicht, in gesunde Zellen einzudringen und diese zu infizieren. Da in der Lunge hohe ACE2-Spiegel vorhanden sind, wird angenommen, dass dies eine entscheidende Rolle für das Fortschreiten von Covid-19 spielt. Noch mehr bei Männern, weil diese mehr ACE2 im Körper haben.

Aus den Prostatakrebs-Forschungen ist es für die ETH-Forscher denkbar, dass testosteronsenkende Medikamente, die über einen begrenzten Zeitraum eingenommen werden, auch Männer ohne Prostatakrebs vor Covid-19 schützen. Allerdings dürfen gemäss den Forschern solche testosteronsenkenden Medikamente erst vorbeugend eingesetzt werden, wenn weitere Studien die Wirksamkeit bestätigen. In der Schweiz wird an rund 300 bereits bekannten Medikamenten die Wirkung gegen Covid-19 erforscht. Zum Beispiel an antiviralen Medikamenten, die gegen HIV, Ebola und Hepatitis-C eingesetzt werden, sowie auch Malariamedikamenten.