Pharmaindustrie
Roche forscht gegen das Vergessen: Alzheimer-Medi macht Patienten Hoffnungen

Weil die Menschen immer älter werden, steigt die Zahl der Patienten, die an Demenz leiden. Nun hat die Pharmabranche den lukrativen Markt entdeckt, die sie auf 20 Milliarden Dollar schätzt. Jetzt wird an einem wirkungsvollen Medikament geforscht.

Isabel Strassheim
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Kleine Zellen, grosse Wirkung: Im Labor eingefärbte Alzheimer-Zellkulturen.SIMON FRASER/SCIENCE PHOTO LIBRA/KEY

Kleine Zellen, grosse Wirkung: Im Labor eingefärbte Alzheimer-Zellkulturen.SIMON FRASER/SCIENCE PHOTO LIBRA/KEY

Das Alter ist der grösste Risikofaktor, um an Alzheimer zu erkranken.

Weil die Menschen in den Industriestaaten immer älter werden, steigt deshalb auch die Zahl der Patienten, die an dieser Art von Demenz leiden.

Für die Pharmabranche bedeutet das einen lukrativen Markt, den die Deutsche Bank auf weltweit rund 20 Milliarden Dollar schätzt.

Der Haken ist daran: Es gibt bislang kein einschlägiges Medikament gegen Alzheimer, das nicht die Symptome, sondern die Krankheit selbst angeht. Allein im vergangenen Jahr sind drei Entwicklungsprojekte gescheitert.

Roche jedoch gehört zu den wenigen Pharmakonzernen, bei denen die Alzheimer-Forschung derzeit brodelt. Gantenerumab heisst der am weitesten fortgeschrittene Hoffnungsträger.

Im Moment läuft die letzte klinische Testphase an rund 770 Patienten weltweit. Auch an der Uniklinik Basel sind 2 Probanden dabei.

Ob das Arzneimittel wirkt, ist frühestens 2016 nach Abschluss der Studie klar. «Wir sahen uns nach genauer Analyse der Ergebnisse von anderen Pharmaunternehmen in unserem Therapieansatz bestätigt», sagt Hansruedi Lötscher, der Leiter der Abteilung molekularer Neurowissenschaften bei Roche am Hauptsitz in Basel.

Auch Baxter, Eli Lilly und Pfizer hatten ein Mittel entwickelt, das auf einem ähnlichen Therapieansatz basiert. Sie testeten es jedoch an Patienten mit schon fortgeschrittener Krankheit.

Roche probiert es nun bei Alzheimer im sehr frühen Stadium aus und hofft, dass das Mittel dort hilft.

Proteinablagerungen im Hirn

Es geht um Menschen, die Probleme mit Details aus dem Kurzzeitgedächtnis haben, also um Störungen im Frühstadium.

Gefragt sind nicht Patienten, die sich nicht erinnern können, dass und was sie gegessen haben. Sondern es geht darum, wie viele Scheiben Brot man am Vorabend gegessen hat oder wo die Butter auf dem Tisch stand.

Generell scheitern die meisten Pharmatests bei der Erprobung an einem breiten Patientenkreis.

Diese letzte klinische Phase ist nicht nur die kritischste, sondern zugleich die teuerste und verschlingt rund ein Drittel der gesamten Entwicklungskosten für ein Medikament, die zwischen einer und zwei Milliarden Dollar liegen.

Roche hat deswegen wie inzwischen in der Pharmaforschung weitgehend üblich, die Diagnose differenziert.

Das Unternehmen lässt nicht nur die Gedächtnisleistung der Alzheimer-Probanden prüfen, sondern auch die Ablagerung eines gewissen Proteins im Hirn, das für die Entstehung der Krankheit verantwortlich gemacht wird.

Der von Roche entwickelte Antikörper zielt darauf ab, diese Verklumpung aufzulösen – und so ist ein Test nur bei Kranken sinnvoll, die diese auch aufweisen.

Diese dank Biomarkern verfeinerte Diagnose und die darauf basierende personalisierte Therapie hat die allgemeine Erfolgsrate bei klinischen Tests markant erhöht.

«Wir sind spezialisiert auf die Diagnose von Alzheimer im frühen Stadium», sagt Reto Kressig, der den Bereich Altersmedizin an der Uniklinik Basel leitet.

Für die Roche-Studie galt es, genau die Patienten herauszufiltern, die neben frühen Gedächtnisschwächen auch die entsprechenden Hirnablagerungen aufwiesen.

«Bislang setzte die Alzheimer-Therapie zu spät an, sodass die Schäden nicht mehr behoben werden konnten», so Kressig weiter.

Er hofft auf einen Erfolg des Roche-Medikamentes: «Wir sind recht optimistisch, dass das die einzige Möglichkeit ist, den Ausbruch zu verhindern, deswegen ist es auch sinnvoll, früh eine Diagnose zu stellen.»

Grundlage für Gewinnprognose

Nicht nur für Mediziner, sondern auch für den Finanzmarkt ist die Studie wegen des Gewinnpotenzials für Roche wichtig.

Es gebe jedoch im Moment keine seriöse Grundlage, um den Antikörper in den Gewinnschätzungen zu berücksichtigen – sagt der Mediziner und Finanzanalyst Michael Nawrath von der Zürcher Kantonalbank:

«Ob er die alzheimertypischen Ablagerungen im Gehirn die Krankheit ursächlich angreift oder nur eine Folgeerscheinung – nämlich diese Ablagerungen – ohne einen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Krankheit bekämpft, ist noch nicht eindeutig zu beantworten.»

Bislang sei bei keinem Therapieansatz klar, ob er nicht in die falsche Richtung gehe, sagt Nawrath.

So ist es verständlich, dass Lötscher und sein Team innerhalb des eigenen Konzerns im Forscherwettstreit liegen: Die Roche-Tochter Genentech testet ebenso ein Alzheimer-Medikament, mit einem im Vergleich zu den Baslern etwas modifizierten Ansatz.

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