Antarktis

Erste Schweizer Südpolexpedition: In 60 Tagen durch das ewige Eis

Im Herbst brechen vier Frauen zur ersten Schweizer Südpolexpedition auf. Die Leiterin, Ursula Giger, erklärt, was von den Teilnehmerinnen abverlangt wird – und warum sie Spass am Jassen haben müssen.

Andreas Fahrländer
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Zweimal hat Ursula Giger auf Ski Grönland durchquert (Bild). Jetzt bereitet sie sich mit ihrem Team auf eine neue Expedition in die Kälte vor: Im Herbst brechen die vier Frauen zum Südpol auf.

Zweimal hat Ursula Giger auf Ski Grönland durchquert (Bild). Jetzt bereitet sie sich mit ihrem Team auf eine neue Expedition in die Kälte vor: Im Herbst brechen die vier Frauen zum Südpol auf.

Steffen Wagner

«Zuerst war Grönland», sagt Ursula Giger. Zweimal hat sie die grösste Insel der Welt durchquert. Mit Ski über das Inlandeis, von Osten nach Westen, auf den Spuren des grossen norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen. Eigentlich ist Giger Universitätsdozentin. In Basel und Zürich unterrichtet sie Isländisch.

Aber Ursula Giger zieht es bald wieder ins ewige Eis. Ihr nächstes Ziel ist die Antarktis. Dort will sie, gemeinsam mit drei anderen Frauen, auf den Spuren von Ernest Shackleton den Südpol erreichen.

Sie sei fasziniert vom «Goldenen Zeitalter» der Antarktis-Forschung um 1900. Die Norweger Roald Amundsen und Nansen inspirieren sie genauso wie der Brite Shackleton. «Mich fasziniert das absolute Commitment dieser Männer, die nicht wussten, was sie im Eis erwartet», sagt sie.

Der Südpol ist ein lange gehegter Traum von Giger. Sie und ihre Kollegin Florence Croizier werden auf ihrem Weg zum Südpol von einem vierköpfigen «Mission Control Team» unterstützt. Per Inserat haben die beiden zwei weitere Mitstreiterinnen gesucht.

Die vier Frauen werden bald nach Norwegen fahren und dort ausprobieren, ob sie es gemeinsam im engen Zelt aushalten – «und ausprobieren, ob wir unsere stinkenden Socken ertragen», sagt Giger lachend. Sie lacht oft und laut.

Das gesellschaftliche Zusammenleben sei auf der Expedition extrem wichtig. Die Frauen müssen alle singen und jassen können (oder zumindest Spass daran haben). Schon Shackleton hat seine Begleiter mit Theater, Fussballspielen und Lyrikabenden unterhalten. Giger hatte die Idee, Alphörner zum Südpol mitzunehmen. «Bis jetzt war das erst eine Spinnerei», sagt sie. «Aber wer weiss.»

Die Frauen werden die erste reine Schweizer Expedition zum Pol unternehmen. Zwar hat schon eine Handvoll Schweizer den Südpol auf dem Landweg erreicht, aber immer als Teil von internationalen Teams.

«Gummibärchen sind das Grösste!»

Giger sagt, es gehe ihr nicht um das Extreme an solchen Expeditionen. Viel wichtiger sei ihr das Dauerhafte, das lange Gehen über mehrere Wochen. Sie war auch schon auf dem Jakobsweg und schon auf dem Mont Blanc. Aber sie sei nicht so der Klettertyp. «Ich bin ein Langdistanzmensch», sagt sie.

Giger ist in Murg am Walensee aufgewachsen. Mit 17 Jahren zog es sie das erste Mal nach Skandinavien. Sie machte ein Austauschjahr in Schweden. Nach der Matur ging sie nach Island und arbeitete drei Monate auf einem Bauernhof. Später lebte sie hier mehrere Jahre. Für das Studium kam sie nach Basel.

Einen Teil des Jahres wohnt Giger aber immer noch in Reykjavík. In Island hat sie Übersetzungswissenschaften und Isländisch studiert und sich zur Reiseleiterin ausbilden lassen. Seit 20 Jahren ist sie jeden Sommer als Trekking-Guide in Island und auf Grönland unterwegs.

Die Kälte und extreme Bedingungen ist sie sich längst gewohnt. Die Vorbereitung auf die Antarktis ist trotzdem sehr intensiv. Der Basler Margarethenpark liegt von Gigers Wohnung aus um die Ecke. Dort trainiert sie seit Monaten mit zwei Autoreifen im Schlepptau. Wenn sie im Park die Reifen wie einen Schlitten hinter sich herzieht, bleiben die Leute stehen und fragen, was sie da mache. «Von Diät bis frustrierte Hausfrau gibt es alle möglichen Vermutungen», sagt Giger und lacht.

Sie schwimmt, joggt und macht Kraftübungen. Für so eine Reise müssen die Muskeln ganz spezifisch trainiert werden. Hängt der Schlitten in einer Schneeverwehung fest oder kommt man in den Tiefschnee, braucht es enorm viel Kraft.

In einem Schlitten, der sogenannten Pulka, ist alles verstaut, was man zum Leben und Überleben braucht: das Zelt, Schlafsack, Zahnbürste und Zahnpulver, ein Benzinkocher zum Schneeschmelzen, Kochgeschirr, die Gletscherausrüstung, WC-Papier, Medikamente – und vor allem Essen.

«Unterwegs hast du nur noch Hunger, Hunger, Hunger», sagt Giger. Die Expeditionsteilnehmerinnen müssen täglich etwa 7000 Kalorien zu sich nehmen. Der Körper braucht enorm viel Fett, Proteine, aber auch Elektrolyten, Vitamine und Mineralien. «Man ist ständig am Essen. Trockenfleisch, Trockenfisch, Schokolade, Nüsse, Marzipan, Guetzli.»

Irgendwann werde alles langweilig. «Jede Abwechslung ist wie eine Party. Gummibärchen sind das Grösste!»

Als Vorbereitung müssen die Frauen regelmässig zum Arzt, zum Zahnarzt, zur Ernährungsberatung und zum Sportphysiologen. Sie dürfen kein gesundheitliches Risiko eingehen. Die grösste Gefahr sei die Kälte. Eine offene Wunde heilt in der Kälte extrem schlecht.

In der Antarktis kann es tagsüber, wenn der Wind geht, bis zu 50 Grad Celsius unter null sein. Ein anderes Problem ist die mentale Stärke und eben das Zusammenleben in der Eiswüste. Humor sei extrem wichtig.

Totale Kopfentleerung

Giger sagt, wenn man müde sei in der Eiswüste, stelle man sich schon einmal die Frage: «Was mache ich da eigentlich?» Es sei wie eine Sucht, aber im positiven Sinne. Man kopple sich total aus. Aus allem. «Du läufst in einer extrem monotonen Landschaft, acht bis zwölf Stunden am Tag und schindest dich wie blöd.» Das sei eine totale Kopfentleerung.

Kindheitserinnerungen und Leute, mit denen sie seit Jahren nichts mehr zu tun hatte, tauchen dafür in ihrem Kopf auf. «Es ist wie eine Meditation über eine sehr lange Zeit.»

Wenn mit der Finanzierung alles klappt, wollen die Frauen im November aufbrechen. Sie suchen immer noch Sponsoren. Die Reise dauert etwa zweieinhalb Monate, 60 Tage davon über das Eis. Von Punta Arenas in Chile werden sie zuerst zum Union-Gletscher fliegen und von dort aus zu ihrem Ausgangspunkt auf Berkner Island.

Von dort aus werden sie losziehen, an den Pensacola Mountains vorbei zum Pol. Rund 1330 Kilometer werden das sein. Durch das ewige Eis nach Süden. Immer nach Süden.

Mehr zur Südpolexpedition erfahren Sie hier.