Flora
Die Pflanzen wissen, wie spät es ist und wann es regnet

Frühling, ja du bists! Wie uns Pflanzen die Uhrzeit angeben und uns sogar das Wetter vorhersagen können.

Christian Satorius
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Auch Malven eignen sich für die Wettervorhersage. tHINKSTOCK

Auch Malven eignen sich für die Wettervorhersage. tHINKSTOCK

Getty Images/iStockphoto

Der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707– 1778) konnte mit einem Blick aus dem Fenster die Uhrzeit bestimmen, und zwar auf fünf Minuten genau – nein, er schaute dabei natürlich nicht auf die Kirchturmuhr, sondern auf die Blumen im Garten. Die Zeit wies ihm dabei eine von ihm selbst konstruierte Pflanzenuhr im Botanischen Garten von Uppsala. Linné war aufgefallen, dass das Öffnen und Schliessen der Blüten artspezifisch ist und so zu jeder Tages- und Nachtzeit nur ganz bestimmte Blumen versuchen, auf diese Weise Insekten anzulocken. Je nachdem, welche Blütenblätter gerade geöffnet oder geschlossen sind, lässt sich so die Uhrzeit ablesen. Zumindest im Sommer und eigentlich auch nur in Uppsala.

Pflanzen, die die Uhrzeit kennen...

... öffnen ihre Blüten um:

6 Uhr Zaunwinde, Gelbrote Taglilie

7 Uhr Weisse Seerose

8 Uhr Sumpfdotterblume, Ackergauchheil, Habichtskraut

9 Uhr Ringelblume

10 Uhr Waldsauerklee, Malve, Stockrose

11 Uhr Stern von Bethlehem

12 Uhr Mittagsblume

18 Uhr Nachtkerze


... schliessen ihre Blüten um:

12 Uhr Bocksbart, Gemeine Wegwarte

13 Uhr Pfingstnelke

14 Uhr Ringelblume

15 Uhr Kürbis

16 Uhr Waldsauerklee, Gauchheil, Zaunwinde

17 Uhr Weisse Seerose

18 Uhr Mohn

21 Uhr Sumpfdotterblume

Das Problem dieser Blumenuhr ist nämlich, dass sie in anderen Regionen gerne einmal vor- oder nachgeht und im Winter sogar die Zeitansage ganz einstellt. Natürlich kann man die Blumenuhr überall auf der Welt individuell justieren bzw. bepflanzen, die eigentliche Frage ist aber: Warum ändern sich die Bewegungsrhythmen der Pflanzen an unterschiedlichen Standorten, welcher Mechanismus stellt die Uhr auf die jeweilige Zeitzone neu ein? Die Sonne?

Alles zur passenden Zeit

Schon im 18. Jahrhundert berichtete der französische Geophysiker Jean Jacques d’Ortous de Mairan (1678–1771) davon, dass Mimosen ihre täglichen Blattbewegungen auch ohne Sonnenlicht im künstlichen Dauerdunkel des Labors weiter fortsetzen. Heutige Botaniker gehen so auch davon aus, dass nicht nur das Tageslicht alleine die Synchronisation der Pflanzenuhren vornimmt, sondern andere Faktoren wie etwa die Temperatur auch eine wichtige Rolle spielen. Wie das allerdings im Detail funktioniert, ist noch nicht abschliessend geklärt.

Ein Forscherteam des Max-Planck-Instituts für Züchtungsforschung in Köln (MPIZ) fand heraus, wie die langen Lichtperioden des Frühjahrs dafür sorgen, dass sich das Protein Constans, welches die Blütenbildung auslöst, in den Kernen von Pflanzenzellen anreichern kann. Werden die Tage zum Winter hin kürzer, wird das Protein dann wieder abgebaut.

Für die Pflanzen sind die Zeitgeber sehr wichtig, nur so können sie ihre empfindlichen Knospen, Blüten und Blätter vor Frost schützen, die Blätter optimal für die Fotosynthese ausrichten und zur passenden Zeit die richtigen Insekten zur Bestäubung anlocken – wenn es sein muss, sogar nachts.

Pflanzen als Meteorologen

Auch wenn ihnen die genauen Mechanismen noch unbekannt waren, so wurde das Leben unserer Vorfahren doch lange Zeit von Pflanzen und Pflanzenuhren bestimmt. Manche Bauern wissen heute noch, dass in früheren Tagen Mittag gemacht wurde, sobald der Bocksbart seine Blüten schloss. Einige Pflanzen hatten für sie aber noch einen weiteren wichtigen Vorteil, den man sich auch heute noch zunutze machen kann: Sie eignen sich hervorragend für die Wettervorhersage.

Viele Blumen schliessen ihre Blüten, wenn Regen bzw. ein Unwetter bevorsteht, oder öffnen sie an diesem Tage gar nicht erst, manche senken auch ihre Blätter deutlich sichtbar. So trägt die Wetterdistel (Silberdistel) ihren Namen nicht umsonst. Schliesst sie nämlich ihre Blüten, wird es garantiert bald regnen. Sind diese allerdings bei Sonnenschein weit geöffnet, so kann man sicher sein, dass es in den nächsten Stunden trocken bleibt.

Viele Pflanzen eignen sich auf diese Weise für die Wettervorhersage, wie etwa Mohn, Malven oder Ringelblumen, wenn auch nicht so gut wie die legendäre Wetterdistel. Die Luftfeuchtigkeitserhöhung vor einem Regenschauer ist es, die die Pflanzen wahrnehmen und sie entsprechend reagieren lassen. Dabei steht vor allem der Schutz der Reproduktionseinrichtung im Vordergrund. Manchmal bemerkt man vor einem Regen auch, dass einige Pflanzen, wie Rosen, besonders stark durften. Sie wollen vor dem nahenden Unwetter noch schnell möglichst viele Insekten anlocken, bevor sie ihre Blüten schliessen müssen. Tja, und wenn dann sogar noch die Bienen ihre Blüten verlassen, wird es wirklich allerhöchste Zeit, sich ein trockenes Plätzchen zu suchen – genau das machen die Bienen nämlich auch.

Pflanzen, die das Wetter vorhersagen

Öffnen ihre Blüten weit, wenn schönes Wetter bevorsteht:
Anemonen und Wetterdistel (Silberdistel). – Richten ihre Blüten nach der Sonne aus: junge Sonnenblumen.

Schliessen ihre Blüten, bevor Regen kommt:
Wetterdistel (Silberdistel), Ringelblume, Mittagsblume, Weisse Akazie, Vogelmiere und Zaunwinde.

Klappen die Blätter herunter bzw. zusammen, bevor Regen kommt:
Sauerklee, Tomaten, Bohnen, Gurken und Bibernelle.

Duftet stark, bevor es regnet:
Echtes Labkraut – Frost kann kommen, solange der Holunder nicht ausschlägt.

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