Gestrandete Wale
Das grosse Walsterben: Ist das Meer zu laut geworden?

Experten spekulieren über das mysteriöse Ende der grossen Riesen. Eine Ursache könnte der Lärm sein, denn wir Menschen in den Ozeanen verursachen.

Lorenzo Berardelli
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Dieser tonnenschwere und rund 14 Meter lange Pottwal ist an der Küste Hollands gestrandet. Sicherheitsleute bewachen den Kadaver, um ihn vor Trophäenjägern zu schützen.

Dieser tonnenschwere und rund 14 Meter lange Pottwal ist an der Küste Hollands gestrandet. Sicherheitsleute bewachen den Kadaver, um ihn vor Trophäenjägern zu schützen.

REUTERS

Nachdem zwölf Pottwal-Kadaver an die holländischen und deutschen Küsten geschwemmt wurden, nimmt die Tragödie nun auch an der Ostküste Englands ihren Lauf. Ein Wal strandete am Samstag in Hunstanton, drei weiter folgten am Sonntag in Skegness. Nun werden die bis zu dreissig Tonnen schweren und rund 14 Meter langen Leichen von Sicherheitsleuten bewacht, um sie vor Trophäenjägern zu schützen.

Warum die mittlerweile 16 Pottwale ihr Ende in der Nordsee fanden, versucht ein Ermittlerteam vor Ort herauszufinden. Bislang ist unklar, warum in so kurzer Zeit derart viele Meeressäuger gestorben sind. «Es kann sein, dass die Tiere bei der Suche nach Nahrung starben», meint die Schweizer OceanCare-Präsidentin Sigrid Lüber gegenüber der «Nordwestschweiz». Bei einigen Tieren wurde ein sehr geringer Mageninhalt gefunden, bei anderen Reste eines Fischernetzes und Plastik. Doch bis das abschliessende Untersuchungsresultat vorliegt, kann nur spekuliert werden, was der Grund für die Strandungen war und ob zwischen den Ereignissen in Deutschland, Holland und England ein Zusammenhang bestehe.

«Wir denken, dass sie alle derselben Herde angehört haben – sie sollten aber nicht in der Nordsee sein», sagt Rob Deaville, der die Untersuchungen in England leitet, gegenüber «BBC». Sea-Watch-Direktor Peter Evans spekuliert gemäss «BBC»: «Die Herde folgte wahrscheinlich um Neujahr herum einer Schar von Tintenfischen in die Nordsee und blieb dort stecken.»

Ursache: Mensch oder Natur?

Pottwale leben in Tiefen von bis zu 3000 Metern und orientieren sich mittels Klicklauten und Echoortung. Da die tiefsten Lagen der Nordsee bei nur 200 Metern liegen, haben die Wale Probleme, sich zurechtzufinden. Schlimmstenfalls bleiben sie in den Sandbänken stecken.

Andrew Brownlow vom Schottischen Marine-Tierstrandungsprogramm führte eine Autopsie bei einem der gestrandeten Wale in Holland durch. «Es war uns nicht möglich, einen Blick auf ihre Gehirne zu werfen», erklärt er der «BBC». Deshalb könne nicht gesagt werden, ob die Wale an einer Krankheit litten.

Die grosse Frage bleibt: Wie gelangten sie in die Nordsee? «Der Unterwasserlärm kann eine Rolle gespielt, und die Tiere von ihrer normalen Wanderroute abgelenkt haben», mutmasst Lüber von OceanCare. Unter Wasser werde es immer lauter, da zum Beispiel Schallkanonen zur Suche nach submarinen Öl- und Gasvorkommen Explosionen zum Meeresboden hin aussenden. Der Lärm störe die Meeresbewohner massiv, vertreibe sie aus ihren angestammten Gebieten, könne sie verletzen und im schlimmsten Fall töten.

«Es gibt berechtigte Bedenken dafür, dass wir die Ozeane lärmiger machen, was die Navigation für die Wale erschwert», erklärt Brownlow laut «BBC». Allerdings sieht er einen anderen Grund für den Anstieg der Walstrandungen: Das vor 30 Jahren auferlegte Walfangverbot zeigt Wirkung. Und da es nun wieder mehr der Meeressäuger gibt, werden vermehrt Tiere angespült.

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