Unwetter
Darum werden Hangrutsche nie vorhersehbar sein

Erdrutsche forderten im Tessin jüngst vier Menschenleben. Wer in einen Erdrutsch gerät, hat kaum Überlebenschancen. Auch deshalb wird die Forschung auf dem Gebiet seit einigen Jahren intensiviert.

Antonio Fumagalli
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Erdrutsch im Tessin fordert zwei Todesopfer
7 Bilder
Rettungskräfte fanden die Opfer
Der ganze Hang kam ins Rutschen
Der Erdrutsch hinterlässt ein Bild der Zerstörung
Die Polizei hat den Zugang zum verschütteten Gebiet abgeriegelt
Der Pressesprecher der Tessiner Kantonspolizei informiert die Medien
Die Polizei sperrt eine Strasse ab

Erdrutsch im Tessin fordert zwei Todesopfer

Keystone

Ausgerechnet die Sonnenstube der Schweiz macht derzeit mit andauerndem Schlechtwetter Schlagzeilen. Trauriger Höhepunkt: Zwei gravierende Erdrutsche zerstörten innerhalb von zehn Tagen bewohnte Häuser. Vier Personen verloren dabei ihr Leben.

Noch sind die Ursachen der beiden Katastrophen nicht abschliessend geklärt. Der mit der Untersuchung beauftragte Geologe Urs Lüchinger geht davon aus, dass es sich beim zweiten Fall vom Sonntag nicht um einen gewöhnlichen Erdrutsch handelt, der aus rein natürlichen Gründen herbeigeführt wurde – womit die beiden Ereignisse nicht in jedem Aspekt miteinander vergleichbar sind.

Auslöser für Erdrutsche – Fachleute unterscheiden zwischen Rutschen und Muren – sind praktisch immer intensive Regenfälle. Ob der Boden so gesättigt ist, dass es zum spontanen Hangrutsch kommt, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Das Gewicht des Bodens kann sich aufgrund des vielen Wassers bis in den zweistelligen Prozentbereich erhöhen, und die innere Reibung und damit die Stabilität nimmt ab. Zusätzlich steigt der sogenannte Porenwasserdruck, weil mehr Wasser hinzuströmt, als abfliessen kann. Wird eine gewisse Grenze überschritten, kollabiert das ganze System.

Wer sich dann unterhalb eines betroffenen Gebiets befindet, kann nur noch auf Glück hoffen. «Wenn man in einen Hangrutsch kommt, hat man kaum Überlebenschancen», sagt Arthur Sandri vom Bundesamt für Umwelt. Das Gemisch von Wasser und Erde verstopft sofort die Atemwege – mehr noch als bei einer Lawine, die weniger dicht ist.

«Nicht alles instrumentieren»

Das Problem bei den Hangrutschen: Im Gegensatz zu Überschwemmungen sind sie praktisch nicht vorhersehbar – und sie werden es auch nie vollständig sein. Während man bei Hochwasser den Pegelstand von Flüssen und Seen stetig überprüfen und damit das Modellsystem mit den Niederschlagsmengen abgleichen kann, ist die Wasserzufuhr in den Boden nicht messbar. Normalerweise wird der Wassergehalt eines Bodens eruiert, indem man ihn trocknet und die Gewichtsdifferenz berechnet – was bei einem Hang aus einleuchtenden Gründen nicht möglich ist.

Verfahren, die die elektrische Leitfähigkeit des Bodens messen, scheitern an den verschiedensten Bodentypen. Theoretisch könnten Sensoren die Erdbewegungen überwachen, doch das lohnt sich nur bei bekannten Rutschgebieten. «Wir können nicht die ganze Landschaft instrumentieren», sagt Sandri.

Die Bevölkerung muss sich also notgedrungen damit abfinden, dass Hangrutsche wie im Tessin auch künftig vorkommen und Menschenleben kosten werden. Dennoch werden Hangrutsche seit einiger Zeit, notabene seit den Unwettern von Sachseln OW im Jahr 1997, intensiver erforscht.

Die Hoffnung ist, dass man eines Tages – ähnlich wie bei Lawinen – regionalisierte Vorhersagen machen kann. Bereits heute erstellen die Kantone Gefahrenkarten, die aufzeigen, wo Siedlungen von der Gewalt der Natur bedroht sind. Doch auch dies kann Katastrophen nicht verhindern. Das Unglückshaus vom Sonntag lag nicht in einer Gefahrenzone.