Cygnus-Absturz
Claude Nicollier: «Solche Unfälle bieten die Chance zum Lernen»

Ein amerikanischer Raumtransporter explodiert beim Start. Mit privaten Versorgungsflügen wie diesem will die Nasa sparen und sich von Russland unabhängig machen. Zulasten der Sicherheit?

Raffael Schuppisser
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Könnte sich trotz Cygnus-Absturz einen Flug mit privatem Raum-Transporter vorstellen: Der Schweizer Astronaut Claude Nicollier.

Könnte sich trotz Cygnus-Absturz einen Flug mit privatem Raum-Transporter vorstellen: Der Schweizer Astronaut Claude Nicollier.

Keystone

Rund wenige Sekunden nach dem Start passiert es: Die 40 Meter lange Rakete explodiert und stürzt in einem riesigen Feuerball auf die Erde. Flammen umhüllen die Startplattform, brennende Trümmer werden in alle Richtungen geschleudert. Soeben sind 200 Millionen Dollar am Abendhimmel verglüht.

Verletzte gab es beim Inferno keine, die Raumfähre war unbemannt. Doch der Reputationsschaden für die amerikanische Raumfahrt ist gross.

Denn seit die USA ihr Space-Shuttle-Programm vor drei Jahren eingestellt haben, treibt die Regierung Obamas die Privatisierung der Raumfahrt voran.

Seit 2012 werden die Versorgungsflüge zur Internationalen Raumstation (ISS) bereits von den Privatunternehmen Space X und Orbital Science durchgeführt. Bisher ging alles gut. Doch in der Nacht zum Mittwoch ist nun eine Rakete von Orbital Science explodiert.

Der Versorgungsfrachter Cygnus startete pünktlich um 18.22 Uhr Ortszeit (23.22 MEZ) vom Welltraumbahnhof Wallops im Bundesstaat Virginia zur ISS.

An Bord hatte er Lebensmittel und wissenschaftliche Materialien für die Astronauten der Raumstation. Kaum in der Luft, fingen die Treibstofftanks offenbar Feuer.

Gemäss Frank Cullbertson, Vizepräsident von Orbital Science, wurde nach einer ersten Explosion der Befehl zur völligen Zerstörung des Fluggeräts gegeben. Mit einer solchen Massnahme soll etwa verhindert werden, dass Raketenteile auf bewohntes Gebiet einschlagen.

Setzen USA auf «Billigflieger»?

Mit der Privatisierung der Raumfahrt will die Nasa Budget-Posten einsparen, um sich auf ihr eigentliches Kerngebiet, die Erforschung des Weltalls, konzentrieren zu können.

Zwar kosten auch private Versorgungsflüge eine schöne Stange Geld – so hat die Nasa mit Orbital Science einen laufenden Vertrag über knapp 2 Milliarden Dollar, der bis 2016 noch sieben weitere Flüge beinhaltet. Doch der Konkurrenzkampf und die freie Marktwirtschaft sollen es richten, dass die Privaten ihre Dienste billiger anbieten können.

Nach dem Fiasko liegt eine Frage im Raum: Werden durch die Privatisierung der Raumfahrt nicht nur die Kosten reduziert, sondern auch die Sicherheitsvorkehrungen?

«Es ist zu früh, um solche Schlussfolgerungen zu ziehen», sagt Willy Benz, Leiter des Center for Space and Habitability der Universität Bern. Raketen seien schon vor der Privatisierung der Raumfahrt explodiert. So brach etwa 2003 das Space Shuttle Columbia beim Wiedereintritt in die Atmosphäre auseinander; alle sieben Besatzungsmittglieder starben.

Claude Nicollier, der ehemalige Schweizer Astronaut und Professor der ETH Lausanne, spricht sich für die Privatisierung aus. «Das private Raumfahrtprogramm hat eben erst begonnen. In Zukunft wird es sicherer werden, denn ein Unfall wie dieser bietet immer die Chance, zu lernen», meint Nicollier.

Eine solche Entwicklung ist auch nötig: Denn in Zukunft sollen private Firmen nicht nur Güter in den Orbit befördern lassen, sondern auch Menschen. Damit will die Nasa komplett unabhängig von der russischen Raumfahrt werden, die derzeit die amerikanischen Astronauten zur ISS befördern. Rund 60 Millionen Franken kostet ein «Flugticket» in einer russischen Sojus-Kapsel. Das ist teuer und kratzt am Ego der Amerikaner.

Vergangenen Monat hat die Nasa mit den Firmen SpaceX und Boeing Verträge über insgesamt sieben Milliarden Dollar abgeschlossen für bemannte Raumflüge. Bereits 2017 soll der erste Flug starten. Claude Nicollier vermutet, dass der Zwischenfall von dieser Woche zu Verzögerungen führt, da die Sicherheitsfrage erneut in den Fokus des öffentlichen Interesses rückt. Die Raumfähren und die Trägerraketen, mit welchen SpaceX und Boeing bemannte Missionen fliegen wollen, sind jedoch von anderem Typus als das nun explodierte Fluggerät von Orbit Science.

Beide Raumkapseln bieten Platz für sieben Astronauten und sind wiederverwertbar. Während der Flugzeughersteller Boeing noch am Boden testet, macht SpaceX mit der Dragon-Kapsel bereits Versorgungsflüge für die Nasa. Mit dem weiterentwickelten Raumschiff Dragon V2 sollen dann auch bemannte Flüge möglich sein. Gemäss Firmengründer Elon Musk – ja, das ist der von Tesla – soll man damit sogar bis zum Mond fliegen können.

Nicollier würde mitfliegen

Wäre er heute noch aktiver Astronaut, könnte sich Claude Nicollier durchaus vorstellen, mit einer privaten Fähre in den Orbit zu fliegen, sofern diese mit den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen ausgerüstet sind. «Bemannte Raumschiffe müssen über Notausstiege verfügen, damit sich Crewmitglieder bei Gefahr retten können.»

Apropos Sicherheit: Trotz des fehlgeschlagenen Versorgungsfluges der Cygnus-Fähre ist das Leben der sechs Astronauten, die sich derzeit auf der ISS befinden, nicht in Gefahr. Nur wenige Stunden nach dem Unglück hob planmässig ein Transporter mit Nachschub ab. Es ist natürlich eine russische Raumfähre.

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