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Tiere verlagern Aktivität in die Nacht – um dem Menschen aus dem Weg zu gehen

Da die Menschheit einen Grossteil der Landflächen auf der Erde für sich reklamiert, wird der Platz für jene Tiere knapper, die Menschen lieber meiden. Die Tiere stellen deshalb ihren Rhythmus um.
Roland Knauer
Beispiel Biber: Er weicht Menschen aus, indem er den ohnehin geringen Teil seiner Aktivitäten im Hellen weiter reduziert. (Bild: Laurent Geslin)

Beispiel Biber: Er weicht Menschen aus, indem er den ohnehin geringen Teil seiner Aktivitäten im Hellen weiter reduziert. (Bild: Laurent Geslin)

In der Natur Menschen aus dem Weg zu gehen, fällt vielen Tieren immer schwerer, weil ihnen ­häufig der Platz fürs Ausweichen fehlt. Die Zweibeiner drücken inzwischen drei Vierteln des festen Landes der Erde ihren Stempel auf, und sie gelten gleichzeitig als gefährliche Jäger, die selbst vor einer vielfach grösseren Beute als sie selbst nicht zurückschrecken.

Fressen und Partnersuche vermehrt in der Nacht

Diesen Feind – der Mensch – wollen Elefant, Braunbär, Elch und Co. zwar meiden, nur bleiben ihnen nicht viele Möglichkeiten für ein Leben ohne Menschen. Es sei denn, sie stellen ihren bisherigen Lebensrhythmus um und verlegen ihre Aktivitäten vom Fressen bis zur Partnersuche oder der Versorgung des Nachwuchses zunehmend vom Hellen in die Dämmerung und die Nacht. In jene Zeiten also, in denen Menschen seltener unterwegs und manche Gebiete praktisch menschenleer sind.

Diesen Verdacht hegten Biologen schon lange, jetzt bestätigen Kaitlyn Gaynor von der University of California in Berkeley und ihre US-amerikanischen ­Kollegen diese Theorie in der Zeitschrift «Science».

Die Forscher nutzten die Ergebnisse vieler Kollegen, die in ­ 76 Untersuchungen das Verhalten von 62 Säugetierarten in Europa, Afrika, Asien, Australien, Nord- und Südamerika mit Hilfe von kleinen Sendern, Satellitenortung oder Kamerafallen unter die Lupe genommen hatten. In diesen Studien verglichen sie jeweils von Menschen stark beeinflusste Gebiete mit Gegenden, in denen die Zweibeiner nur sehr selten auftauchen.

Ob Jogger oder Jäger ist für Tiere dasselbe

Der Unterschied zwischen diesen Flächen war enorm: Sind in einer Region Jäger, Jogger, Velofahrer, Wanderer, Familien mit Picknickkörben, Bauern oder andere Menschen häufig unterwegs, registrierten die Forscher 20 Prozent mehr nächtliche Aktivitäten bei den Tieren als in der eher ­unberührten Natur.

Dabei ändern die Tiere ihr Verhalten normalerweise nicht radikal, sondern verschieben es oft nur ein wenig. So kürzen Tiere, die sonst am Tag und in der Nacht ungefähr gleich lange unterwegs sind, ihr Pensum im Hellen zum Beispiel um ein oder zwei Stunden und hängen diese Zeit in der Nacht wieder an.

Solche Änderungen sehen die Forscher bei sehr vielen der untersuchten Tierarten, vom fast vier Tonnen schweren Elefanten bis zur gut ein Kilogramm leichten Beutelratte.

Dabei unterschieden die Tiere anscheinend kaum zwischen verschiedenen Menschen: Die eigentlich harmlosen Jogger störten sie jedenfalls ähnlich stark wie die viel gefährlicheren Jäger. Offensichtlich sehen die Tiere also in allen Menschen eine potenziell tödliche Gefahr, der sie aus dem Weg gehen, auch wenn die Menschen gerade ohne Gewehr und Speer unterwegs sind und nur wandern.

«Alte» Nachtaktive in Bedrängnis

Auch wenn die Menschen inzwischen einen grossen Teil der Erde für sich beanspruchen, bleibt also noch Platz für Tiere, die einfach in die Dunkelheit ausweichen. Doch die Forscher weisen in ihrer ersten Bilanz des veränderten Verhaltens darauf hin, dass in der Natur verschiedene Komponenten oft eng mit anderen Faktoren zusammenhängen. Zeitliche Variationen ziehen oft genug eine Reihe weiterer Anpassungen nach sich.

Weichen zum Beispiel normalerweise am Tag aktive Raubtiere häufiger in die Nacht aus, könnte ihr Jagderfolg sinken, weil sie an die Dunkelheit weniger gut angepasst sind. Gleichzeitig steigt das Risiko für normalerweise meist nächtlich lebende Tiere. Diese könnten daher eventuell am Tag aktiver werden, sie sind an die Helligkeit aber schlechter angepasst.

Verlegen bisher tagsüber weidende Tiere Fressen und weitere Tätigkeiten in die Nacht, um Menschen auszuweichen, fallen sie möglicherweise nächtlichen Räubern leichter zum Opfer, vermutet Ana Benítez-López von der Radboud-Universität im holländischen Nijmegen ebenfalls in der Zeitschrift «Science». Langfristig könnten solche Ausweichmanöver also einige Arten in Schwierigkeiten bringen und so das Ökosystem zusätzlich ver­ändern.

Kaitlyn Gaynor und ihre ­Kollegen schlagen daher vor, in Schutzgebieten in Zukunft solches zeitliche Ausweichen zu ­verringern und Menschen nur zu bestimmten Tageszeiten in das Reservat zu lassen.

Im Grunde gibt es solche zeitliche Einschränkungen bereits, wenn zum Beispiel Schutzgebiete zur Brutzeit von Vögeln nicht betreten werden dürfen. Ähnliche Massnahmen können in einer immer dichter von Menschen besiedelten Welt die Überlebenschancen für die frei lebenden ­Tiere erhöhen und so auch den Naturschutz verbessern, vermuten die Forscher.

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