Flipflop, flipflop

50 Jahre Man trägt sie von Vietnam bis Brasilien, auf dem Land und in der Stadt: Flip-Flops haben die Welt erobert. Nicht zur Freude der Stilexperten. Diana Bula

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Flipflop, macht es bei jedem einzelnen Schritt. Flipflop, flipflop. Das tönt nachlässig. Als wäre man zu faul, um den Fuss zu heben und ihn abzurollen. Dabei gelingt das mit den locker sitzenden Latschen einfach nicht. Probiert man es dennoch, zieht es nach ein paar Minuten im Muskel unter dem Schienbein. Wohl weil die Zehen – auf der Suche nach Halt – sich zu sehr an die Sohle gekrallt haben und man nun verkrampft ist.

Die Fachleute sind sich denn auch nicht einig, ob Flip-Flops dem Körper Gutes tun oder eben nicht. Ein Forschungsteam aus dem US-amerikanischen Alabama befand vor einiger Zeit, dass das Schuhwerk die Gangart verändere und daher «Schmerzen von den Füssen bis zur Hüfte» verursachen könne. Andere hingegen bezeugen den Zehensandalen eine stimulierende Wirkung. Weil die Sohle oft dünn ist und etwas nachgibt, spürt man Unebenheiten im Untergrund. Das aktiviere die Muskeln im Unterfuss.

Japanisches Vorbild

Ungeachtet dieser Mini-Debatte breitet sich der Schuh seit fünfzig Jahren rund um den Erdball aus. Flipflop, flipflop, macht es in einem kleinen vietnamesischen Dorf, in Südafrikas kosmopolitischem Kapstadt, an der Küste Mexikos und in vielen Orten dazwischen. Besonders oft ertönt das Geräusch in Brasilien. Denn dort kommen die Flip-Flops her. In ihrer Heimat tragen die Schlarpen jedoch den melodiöseren Namen Havaianas. Das tönt nach Hawaii – und das wiederum nach Sommer, Sonne und Palmen.

Ein Name, der sich (meist) gut verkaufen lässt: 1962 brachten Mitarbeiter der Firma Alpargatas die Havaianas auf den Markt. In den 90er-Jahren knickte der Absatz zwar ein, und man fokussierte sich fortan auch auf die internationale Kundschaft. Heute ist die Marke in rund 80 Ländern vertreten und hält 80 Prozent Marktanteil. Bei ihrer Entwicklung hatten sich die Erfinder von der Zori-Zehensandale, dem traditionellen japanischen Schuh, inspirieren lassen. Doch schon die Ägypter hatten ähnliche Modelle getragen. Sie bestanden aus Gras, Bast, Palmblättern oder Leder, wie Wiebke Koch-Mertens, eine in St. Gallen lebende Autorin modehistorischer Bücher, weiss. Die Ägypter zogen die Schlarpen an, ehe sie das Haus betraten – um den Boden sauber zu halten und nicht etwa die Fusssohlen. Draussen hingegen waren sie barfuss unterwegs.

Heute kommen Havaianas fast überall zum Einsatz. Immer noch im Haus, als Finkenersatz. Aber auch am Meer, wo man sich darüber ärgert, dass der Sand herein- und hinausrieselt, wann und wie er will. Man stolpert fast und glaubt, Gewichte an den Füssen zutragen. Dafür verletzt man sich nicht an spitzigen Muschelresten. Im Hallenbad und Wellnesstempel sollen die Latschen vor Fusspilz schützen. Dabei sind es gemäss Tests ihre oft aus künstlichen Materialien bestehenden und nicht atmungsaktiven Sohlen, die manchmal eben diesen auslösen.

Stiluntauglich?

Doch auch im Büro trifft man Havaianas an. Schliesslich sind viele Menschen gerade hinter dem Schreibtisch versucht, von Sommer, Sonne und Strand zu träumen – und damit von jenem Gefühl, das die hippen Zehensandalen verbreiten. So ergeben sich ungeschickte Kombinationen wie Hemd zu Flip-Flops oder Etuikleid zu Latschen. Weil an dem Schuh nicht viel Material dran ist, das Unschönes verdecken könnte, erhascht man zudem allzu oft einen Blick auf ungepflegte Füsse. Kein Wunder rümpfen Stilexperten da die Nase. Jedes Jahr reden sie von neuem den Untergang der Schlarpen herbei. Und liegen Ende Jahr doch immer falsch.

Denn das Original aus Brasilien ist beständig. Es besteht aus Kautschuk. 2600 Kilometer soll man laut Hersteller darauf zurücklegen können. Tatsächlich sieht der Schuh auch nach mehrwöchigem Schlurfen auf sanierungsbedürftigen Wegen in der Ferne und Erkundungungstouren in matschigen Reisfeldern noch immer wie neu aus.

Passende Socken

Gegen die Untergang-These der Stilexperten spricht ausserdem: Galten Flip-Flops in den 80er-Jahren – unter anderem wegen des Booms billiger Plastikmodelle aus Asien – noch als Schuh für Arme, benutzen ihn heute auch Damen mit Hang zu teurer Mode. Sofern er denn mit funkelnden Steinchen besetzt ist oder aus edlem Leder besteht. Die Auswahl an solcher Modelle ist unterdessen gross; zu den Anbietern zählt das Modehaus Dior. Seit sich US-Präsident Barack Obama in den Ferien mit Havaianas gezeigt hat, ist die Anzahl der FlipFlops-Fans wohl nochmals gestiegen.

Dank einer neuen Erfindung können sie ihre Lieblingsschuhe nun auch im Winter tragen – zumindest daheim. Die Socken mit abgetrennter grosser Zehe gibt es nämlich nicht mehr nur in Asien. Sondern auch in der Schweiz.