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Fliegende Taxis, selbstfahrende Velos, Hyperloop – trotz all dieser Innovationen ist die Zukunft in Städten viel simpler

Auf der ganzen Welt werden revolutionäre Mobilitätskonzepte erprobt. Doch es scheint sich eine altbewährte Fortbewegungsart durchsetzen: Gehen.
Adrian Lobe
Fussgänger first: In Seoul wurde ein Highway in einen Skygarden umgewandelt. Bild: Ossip van Duivenbode

Fussgänger first: In Seoul wurde ein Highway in einen Skygarden umgewandelt.
Bild: Ossip van Duivenbode

Kilometerlange Staus, genervte Pendler, Unfälle, Baustellen – in den Metropolen der Welt zeigt sich das Versagen einer Stadtplanung, die jahrzehntelang auf nur ein Fortbewegungsmittel setzte: das Auto. Und das rächt sich nun. In der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá steht ein Autofahrer über elf Tage pro Jahr im Stau. In Paris sind es zehn Tage und in Zürich fast sechs. Es ist das Paradoxon der Moderne: Nichts bewegt sich, doch die Zeit rast. Im Zentrum Manhattans ist die durchschnittliche Geschwindigkeit seit 2010 um die Hälfte gesunken, im Londoner Stadtverkehr kriechen die Fahrzeuge mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 11 Kilometern pro Stunde vorwärts.

Pendler, Taxis, Busse, Räder, Lieferroboter, jetzt auch noch E-Trottis – auf den Strassen wird es immer voller. Bis 2050 werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen zwei Drittel der Menschen, in Städten leben. Doch wo Megacitys schon heute aus allen Nähten platzen – wie will man Menschen in solchen Ballungszentren von A nach B befördern?

Sind selbstfahrende Velos die Lösung aller Verkehrsprobleme?

Die radikalsten und spektakulärsten Mobilitätskonzepte kommen, wenig verwunderlich, aus der Big Tech. Tesla-Gründer Elon Musk will Tunnel in Grossstädten bohren, durch die in ein paar Jahren der Hochgeschwindigkeitszug Hyperloop rasen soll. Der Fahrdienstleister Uber plant bis 2023 fliegende Taxis in Metropolen wie Melbourne, Dallas und Los Angeles, wo Geschäftsleute bequem die Staus überfliegen können. Und der Versandriese Amazon will noch in diesem Jahr Pakete per Lieferdrohne zustellen.

Chinesische Wissenschafter haben kürzlich in der Fachzeitschrift «Nature» den Prototypen eines selbstfahrenden Velos vorgestellt, das, ausgestattet mit einem Chip und Sensoren, autonom Hindernisse umkurvt und Ziele ansteuert. Auch Uber und Google haben in die Technologie investiert. Der Vorteil: Leihräder müssten nicht mehr eingesammelt werden, sondern würden selbstständig an die Startpunkte zurückfahren.

Doch sieht so die Zukunft der Mobilität aus? Eine Flotte von Geisterrädern, die auf dem Weg in die Depots die Radwege blockiert? Die «Verkehrsrevolution», die gerade überall als Zukunftsvision ausgerufen wird, sieht man schon jetzt: Es herrscht Anarchie. Niemand weiss, in welchem Luftkorridor Lieferdrohnen neben Flugtaxis fliegen sollen und wie Lieferroboter mit E-Scootern koexistieren sollen – die Regulierungsbehörden sind überfordert. Doch womöglich könnte sich am Ende eine der ältesten Mobilitätsformen durchsetzen: gehen.

In zahlreichen Städten, unter anderem in Oslo und Kopenhagen, sind Fahrzeuge aus den Innenstädten verbannt worden. Auch Paris will unter seiner sozialistischen Bürgermeisterin Anne Hidalgo das historische Zentrum für Autos sperren und in eine Fussgängerzone umwandeln. Der Ärger über den Verkehr auf zwei respektive vier Rädern ist nicht neu. Inmitten der Revolutionswirren, im Jahre 1790, verfasste ein anonymer Pariser Bürger ein Pamphlet unter dem Titel «Pétition d’un citoyen, ou Motion contre les carrosses et les cabriolets». Darin wettert der Autor gegen die Pferdekutschen in der Stadt, die man damals als cabriolets bezeichnete, gegen das «verfluchte Auto», das die Stadt überrollte und Fussgänger gefährde. «Verbietet die Fahrzeuge, die nicht dem Transport von Materialien oder Objekten mit Nutzen für die Öffentlichkeit gewidmet sind», forderte der Verfasser mit jakobinischem Furor. Die Zeilen klingen aktueller denn je.

Auch heute geht es bei der Diskussion um autofreie (Innen-)Städte darum, eine Balance zwischen den Verkehrsteilnehmern im öffentlichen Raum zu finden. Paris hat 2017 als eine von nur wenigen Grossstädten die «Internationale Charta für das Gehen» unterzeichnet, die eine «Kultur des Gehens» postuliert. «Gehen ist ein grundlegendes und universal gültiges Recht, unabhängig von unseren Fähigkeiten und unserer Motivation», heisst es in der Charta. «Und es bleibt ein bedeutender Teil unseres Lebens, auch wenn in vielen Ländern immer weniger gegangen wird. Warum noch gehen, wenn man fahren kann?» In vielen Teilen der Welt sei Gehen zum Luxus geworden. «Das Gehen scheint eine zu leichte, zu allgemeine, zu offensichtliche und in der Tat zu billige Aktivität zu sein, um sie als Möglichkeit zu sehen, an ein Ziel zu gelangen und dabei gesund zu bleiben.» Haben wir schlicht vergessen, wie leicht, angenehm und wohltuend das Gehen ist?

Freiluftrolltreppen für eine besser begehbare Welt

Das Problem: Die meisten Städte sind für Autos und nicht für Menschen gebaut. Schanghai hat die Strasse als öffentlichen Raum quasi abgeschafft, in Jakarta dient der «Bürgersteig» als Standstreifen oder Überholspur für Motorräder. In Houston ist ein Drittel der Stadt durch Parkflächen versiegelt. Die meisten Amerikaner, sagt der amerikanische Städteplaner Jeff Beck, leben in Gegenden, wo das Auto zu einer «Prothese» geworden sei. Beck ist Autor des vielbeachteten Buchs «Walkable City», in dem er zehn Argumente anführt, wie Städte begehbarer werden können, unter anderem mit weniger Parkhäusern und besserem Fussgängerschutz.

Der Diskurs zeigt erste Wirkung: In Rathäusern auf der ganzen Welt findet ein Umdenken statt – weg von der autozentrierten Stadt und den Planungsfehlern der Vergangenheit, hin zu mehr Begehbarkeit. London entdeckt gerade seine vergessenen «pedways» wieder, jene Fussgängerbrücken, die nach dem Zweiten Weltkrieg über die zerstörten Strassen errichtet wurden. In der kolumbianischen Hauptstadt Medellín wurden in Problemquartieren wie der Comuna 13 riesige Freiluftrolltreppen errichtet.

Und in Seoul wurde ein Highway nach dem Vorbild der Highline in New York in einen Park (Skygarden) umgewandelt – mit Sitzgelegenheiten, Cafés und Open-Air-Bühnen. Wo sich früher Blechlawinen stauten, flanieren heute Bürger und Touristen im Grünen. Seoullo 7017 könnte eine Blaupause für andere Städte sein.

Der dänische Architekt und Stadtplaner Jan Gehl, der massgeblich an der Erneuerung seiner Heimatstadt Kopenhagen beteiligt war, hat einmal gesagt: «Das Leben geschieht zu Fuss.» Gehen als Low-Tech-Erfindung der Menschheit ist am Ende nicht nur das kostengünstigste, sondern auch klimafreundlichste Fortbewegungsmittel.

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