Sex
Flaute in Schweizer Betten: Das Problem ist die Orgasmus-Fixiertheit

Einer allein reicht nicht mehr – in der Schweiz geht der Trend zu Doppel-Therapien: Paare helfen Paaren, damit es wieder klappt im Bett.

Heinz Lang
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Thomas Arnold und Lydia Albisser in ihrer Praxis am Bundesplatz in Luzern. Erdbeeren und Bananen sind aphrodisierende Lebensmittel.

Thomas Arnold und Lydia Albisser in ihrer Praxis am Bundesplatz in Luzern. Erdbeeren und Bananen sind aphrodisierende Lebensmittel.

Mario Heller

Die Alarmzeichen stehen auf Rot: Laut diversen Studien sinkt die Sexquote in Schweizer Betten rapide. Gemäss der aktuellsten Umfrage, durchgeführt vom Hamburger Marktforschungsinstitut Trend Research, hatten 2014 noch 54 Prozent der Gesamtbevölkerung einmal pro Woche Sex. Nur drei Jahre früher waren es noch 70 Prozent. Das Online-Portal «20 Minuten» ermittelte in Zusammenarbeit mit dem Casual-Dating-Portal «Secret», dass mehr als ein Viertel der Eidgenossen mit ihrem Sexualleben unzufrieden sind. 18 Prozent wünschen sich qualitativ besseren Sex. Sex-Therapeuten diagnostizieren bei ihrer Feldarbeit beim Schweizervolk Lustlosigkeit.
Wir trafen drei Sex-Therapeuten-Paare, die Paaren in Kursen und Beratungen sexuell wieder auf die Sprünge helfen. Was sind die Ursachen der zunehmenden Sexmüdigkeit? Die Paare erklären ihre Methoden und verraten, wie sie sich selbst ein erfülltes Sexleben erhalten.

Buddha an der Wand

Das Beratungszimmer ist schlicht eingerichtet. Drei Kunststoffstühle, eine Matratze am Boden, ein Poster mit einer Buddha-Figur an der Wand. «Häufigster Grund für Paar- und Sexberatung ist der Seitensprung», sagt Lydia Albisser. Seit 29 Jahren sind Lydia Albisser und Thomas Arnold zusammen.

Thomas Arnold räumt während des Gesprächs ein: «Ich habe mich mehrmals in andere Frauen verliebt.» Lydia Albisser setzt sofort eine Grenze: «Wenn Thomas mit einer anderen Frau Sex hätte, ist das ein Zeichen, dass etwas in unserer Beziehung nicht stimmt. In diesem Falle wäre mein Platz nicht mehr klar in seinem Herzen.» Transparenz und Ehrlichkeit sind nach dem Konzept der Arnolds die Eckpfeiler einer glücklichen Beziehung und erfüllenden Sexualität. «Ehrlichkeit schafft Verbindungen, auch wenn die Wahrheit schmerzhaft sein kann. Es findet wenigstens ein Austausch zwischen dem Paar statt.»

Wie die Gassers verbindet das Paartherapeuten-Paar Sex mit einer Beziehung. «Die Frau funktioniert nicht wie Frau Porno», stellt Lydia Albisser klar. «Wenn man in einer Beziehung sexuell immer mehr will, führt das in eine Sackgasse», so Thomas Arnold.

Wie bei allen drei Paartherapeuten-Paare ist auch bei Arnold/Albisser die Orgasmusfixiertheit der grösste Lustkiller. Und Thomas Arnold: «Auch ich musste mit dem Alter akzeptieren, dass es mal nicht zum Orgasmus kommen kann.»
Was belebt denn ihre Sexualität? Gemeinsame Gespräche, sagen sie beide übereinstimmend. In ihren Kursen unter dem Namen «Paarweise.ch» bieten sie Werkzeuge für ein besseres Liebesleben an. «Die Paare lernen einen bewussteren Körperkontakt, Werkzeuge sind Tanzübungen und innige Umarmungen», sagt Thomas Arnold und Lydia Albisser fügt dem bei: «Rollenspiele wie König und Diener können ebenfalls belebend sein.» Man müsse gegenseitig aushandeln, was man gerne habe.

Die Paartherapeuten-Paare könnten verschiedener nicht sein. Das Ehepaar Wilf und Christa Gasser (Paar links unten) therapieren mit religiös-christlichem Hintergrund. Diana und Michael Richardson (Paar rechts unten) lernten das spirituell-tantrische Lieben im indischen Poona. Die Luzerner Lydia Albisser und Thomas Arnold (Paar gross im Bild) kommen aus der Pädagogik.

Trotz der unterschiedlichen Herkunft und Biografie bei der Analyse der sexuellen Krise sind sie sich einig: Der Grund, dass es in vielen Schweizer Betten nicht nach Wunsch klappt, ist die Orgasmusfixiertheit.

«Verbundenheit wird erlebbar»

Das Spezielle: Die drei beraten als Paare andere Paare. Dies erachten alle als Vorteil. «Bei uns erleben die Paare, dass Paarsein durch Verbundenheit lebbar ist», sagt Lydia Albisser. «Die Leute fühlen sich besser abgeholt, weil bei den Beratungen beide Geschlechter präsent sind», ist Christa Gasser überzeugt. Die Richardsons arbeiten ausschliesslich mit Paaren: «Die Paare machen ja auch zusammen Liebe. Und wenn nicht, dann ist ein Neuanfang möglich», sagt Diana Richardson.

Gott als Sex-Coach: Christa und Wilf Gasser.

Gott als Sex-Coach: Christa und Wilf Gasser.

HO

Gott als Sex-Coach

Ein Holzkreuz lehnt im kleinen Sitzungszimmer an der Wand der Berner Filiale der kirchlichen Gemeinschaft «Vineyard». Sex und Religion – für viele ein Gegensatz, nicht so für Christa und Wilf Gasser. «Es gab uns irgendwie eine grosse innere Freiheit, dass wir als junges Paar begannen, Gott als ‹Sex-Coach› ins Schlafzimmer einzuladen und vor dem Beischlaf zu beten», sagt Wilf Gasser, Psychiater und zweiter Generalsekretär des Weltverbandes aller Freikirchen. Die beiden reden unverblümt über ihr eigenes Sexleben.

Der Glaube bleibt aber stets Orientierung in sexuellen Fragen. «Sexualität hat die besten Entwicklungsbedingungen im Rahmen einer verbindlichen Beziehung», ist Wilf Gasser überzeugt. Christa Gasser ergänzt: «Man muss sich auf den Partner einlassen, sonst verfliegt die Lust am Sex.»

Die beiden sind seit 32 Jahren verheiratet. Vor der Ehe verzichteten sie bewusst auf Geschlechtsverkehr. Jetzt lernen sie in Kursen und Seminaren unter dem Label «Wachsende Intimität» Paaren die Leidenschaft. «Guter Sex ist lernbar. Die Paare müssen das Geheimnis vom «Wir» entdecken», ist Christa Gasser überzeugt. Und Wilf Gasser präzisiert: «Erfüllende Sexualität hat vielmehr mit Intimität und weniger mit heissem Sex zu tun. Viele Paare sind in der Ich-Bezogenheit gefangen.» Laut dem Ehepaar Gasser ist die Pornografisierung der Sexualität der grösste Feind der Intimität.

Mit dem Begriff Wellness-Sex wird das Ehepaar Gasser pragmatisch. «Warten Sie nicht erst auf die grossen, leidenschaftlichen Gefühle. Bereiten Sie sich gegenseitig Vergnügen, beschenken sie sich mit lustvollen Berührungen», rät Wilf Gasser. Christa Gasser bringt es auf den Punkt: «Das ist der Gegensatz zur orgasmusfixierten Sexualität, die nur den Kick sucht.» Eine gemeinsame Dusche oder innige Küsse auf der Parkbank könnten erste Schritte eines neuen Weges zu einer erfüllenden Sexualität sein.

Slow-Sex als Medizin: Diana und Michael Richardson

Slow-Sex als Medizin: Diana und Michael Richardson

HO

Slow-Sex als Medizin

Die Südafrikanerin Diana Richardson lehrt zusammen mit ihrem Mann Michael im beschaulichen Emmental, in Lützelflüh, Schweizer Paaren den Sex der anderen Art. «Unser Sex ist normalerweise viel zu heiss, Männer kommen zu früh und die Frauen kommen nicht nach», konstatiert Diana Richardson zu Beginn des Gesprächs.

Zum Interview treffen wir uns im Restaurant des Seminarzentrums Waldhaus. Draussen grasen die Kühe, drinnen riecht es nach Ingwer-Tee. Es huschen immer wieder asketische Gestalten leise durch den Raum. Diana ist alleine zum Interview erschienen, ihr Mann braucht die Ruhe, um sich für den Kursabend zu sammeln.

Ihre Therapie-Methode erlernten die Richardsons im fernen Indien. Rückblick: Diana und Michael Richardson lebten dort bei Meister Osho, alias Bhagwan, in Poona, einem Ort, der damals bekannt war für freie Liebe.

Die beiden Tantriker vermitteln nun in ihren «Making Love»-Kursen «Slow-Sex», den puren Gegenentwurf zum wilden Sex. Sie arbeiten nur mit Paaren. Bei den Richardsons werden die Kursteilnehmer nach Sex-Theorie und Körperübungen für den praktischen Aspekt des «Slow Sex» auf ihre privaten Zimmer geschickt. «Dort müssen die Paare das langsam lernen, was sie jahrelang schnell gemacht haben. Wichtigster Schlüssel beim Slow-Sex ist die Achtsamkeit.

«Liebe mit Bewusstheit, dann kannst du mehr Liebe erzeugen», so Diana Richardson. Ziel von Slow-Sex ist nicht der Orgasmus. «Beim konventionellen Sex bauen wir Energie auf und entladen sie, das dauert nur wenige Sekunden, danach fühlen sich viele leer und man ist raus aus der Verbindung. Beim Slow-Sex bleibt die Energie im Körper, man wird liebevoller, zufriedener und kraftvoller», erklärt Diana Richardson. «Ich lehre nur das, was ich selbst erfahren habe», lautet ihr Credo.

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