Die Finnen kennen sich aus mit finsteren Zeiten – wir haben in Turku nachgefragt, wie sie diese überstehen

20 Stunden Dunkelheit
Die Finnen kennen sich aus mit finsteren Zeiten – wir haben in Turku nachgefragt, wie sie diese überstehen

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Kuchen, Vitamin D und positive Melancholie reichen nicht, um den Winter zu überleben. Finnlands Stadt Turku erleuchtet sich deshalb selbst.

Birgit Weidt
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Janne Auvinnen kneift die Augen zusammen, als würde ihn die Sonne blenden. Dabei ist es ein dunkler Wintertag 2020, an dem er mit Fellmütze und dicken Handschuhen über die Brücke des Flusses Aura stiefelt. Die Häuser liegen im Dunkeln, die Bäume sind nur eine Ahnung am schwarzen Nachthimmel.

Es ist 15 Uhr. Und wieder ist es dunkel, gefühlt wurde es nie richtig Tag, selbst am Mittag sah man die Sonne nur matt wie hinter einer Milchglasscheibe. Janne prüft die Leuchtstrahler der Brücke, die er alle paar Meter am metallenen Geländer angebracht hat. Bei Einbruch der Dunkelheit leuchtet die ganze Brücke zart violett.

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Der Mann, ein Lichtdesigner, erhellt mit dieser Überdosis Kilowatt die Stadt – und die Gemüter der Turkuer. «Im Moment gibt es nur fünf Stunden Tageslicht, das macht schwermütig. Da muss nachgeflutet werden», so der 55-Jährige.

Die 180 000-Einwohner-Stadt Turku im Südwesten Finnlands, wo der Wald in Inseln ausfranst, liegt zwar gut 800 Kilometer südlich des Polarkreises, aber jetzt, im November, hat der Winter die Gegend im Griff.

Eisschollen tanzen auf dem Fluss, die Wolken hängen tief. Auf den Loipen sprinten die Langläufer unter Laternen, die Eisläufer ziehen ihre Runden im Flutlicht der künstlichen Eisbahnen des Sportstadions Paavo Nurmi.

Manche haben sich ein Rondell auch vor ihrem Haus gespritzt. Bibliotheken, Läden, Häuser, Kneipen sind hell erleuchtet, Strassenschilder und Bäume werfen Schatten auf Strassen und Gehwege. 876 Farben der Dunkelheit. Mit Lichtinstallationen, viel Kunst und lustigen Aktionen die langen Nächte bespielen, das war Jannes Idee, ausgeheckt an einem Kneipenabend, die im winterlichen Turku früh beginnen und endlos dauern. «Dunkel ist nicht gleich dunkel, es gibt so viele Schattierungen.»

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Sound von Stratovarius, den Rammstein des Nordens

Es folgte ein handfestes Konzept, der Rest war Glück: 2011 bekam Turku den europäischen Kulturhauptstadtstatus, da flossen Gelder für Ideen, die sonst in den Schubladen der Behörden verschimmeln. «Wer ein echter Finne ist – wie ich –, der braucht Ausdauer», sagt Janne: «Und Humor natürlich. Schrägen Humor am besten.» Warum 876 Farben, wurde Janne gefragt. «Warum nicht?», lautet seine Antwort. Eine Fantasiezahl. Und warum Licht, wenn er doch die Dunkelheit feiert? Man muss nicht alles erklären. Der Mann lacht laut und klopft sich auf seinen Bauch.

Das Projekt endete nach zwölf Monaten. Zumindest offiziell. Aber Jannes Idee wurde zum Selbstläufer und zu einer winterlichen Attraktion in Finnland. Häuserfassaden, Strassen, Parks, Brücken, das Schloss aus dem 13. Jahrhundert strahlen seither schon am Nachmittag im Kunstlicht.

Janne steht am Ende der Brücke und zieht sein Handy aus der Tasche. Zu den jeweiligen Lichtinstallationen gibt es eine App mit Musikvorschlägen: Er drückt den Button Heavy Metal, wählt Stratovarius, seine Lieblingsband. Wirbelnde Schlagzeugsoli, quietschende Bässe der E-Gitarre, kräftige Synthesizer. Stratovarius ist so etwas wie die Rammstein des Nordens, ein musikalisches Aufputschmittel, ein Sound, der Stimmungstiefs wegknallt und die Seele erfrischt.

Es braucht harten Stoff, um die Zeit von November bis März gut zu überstehen. Janne sagt:

«Wenn du Kopfschmerzen hast, sind die auch sofort weg, wenn dir ­jemand mit einem Hammer auf den Zeh haut.»

Selbst Kinder werden frühzeitig an Hard Rock gewöhnt. Die lauten Hits der Band Hevisaurus, die ausschliesslich im Dinosaurierkostüm auftritt, wird auf Kinder­geburtstagen gespielt.

Vielleicht ist es genau das, was Turku im Winter so spannend macht: das Verrückte, mit dem sich eine ganze Stadt den lichtlosen Monaten entgegenstemmt. Die Stadt übertrumpft sich inzwischen mit einer Art Guerilla-Beleuchtung. Bäume funkeln mit umwickelten Lichtergirlanden, die Kabel hängen aus einer Wohnung im ersten Stock. In Toreingängen baumeln bunte Lampions über Fahrrädern und Kinderwagen. Lichtschranken an den Häusern knipsen Spots an, Kerzen stehen vor Haustüren. Selbstleuchtende Bänke, und an den Wegen der Stadtparks stecken Fackeln im Boden.

Zu alledem blitzen an Pfosten, Hausmauern und Schildern Reflektoren in der Dunkelheit auf, auch an den Turkuern selbst, die so viel Licht nehmen, wie sie bekommen können, Reflektoren hängen an ihren Taschen, an Jacken und Hosensäumen, an Schuhen als Schnürsenkel, als reflektierende Wolle, in Schals und Mützen verwebt.

Stadtplanerisches Wirrwarr und Rentiersuppe to go

Dabei ist Turku eher Liebe auf den zweiten Blick. Jugendstilhäuser stehen neben schmucklosen Betonbauten, geduckte Holzhäuser unweit schäbiger 70er-Jahre-Hochhäuser. Mehrere Bomben hatten einst Kerben ins Zentrum geschlagen. Die Lücken wurden später geschlossen – ein stadtplanerisches Durcheinander.

Auch am Marktplatz Kauppatori steht der Prachtbau des Åbo-Svenska-Teater aus dem 19. Jahrhundert neben einem Shoppingzentrum. Warmes Licht fällt auf den bis auf den letzten Winkel ausgeleuchteten Kauppatori-Platz. Wie unwirklich das ist, merke ich mit Blick zum Himmel. Er ist nachtschwarz.

Ab in die Markthalle. Ein altes Backsteingebäude. Schwingende Holztüren. Lange Gänge, Krämerläden mit Postkarten, Wolle, Blumen, Lampen. Tannenseifenaroma, Veilchenduft, Meeresbrise an der Auslage mit Lachs und Hering. Herbe Würze am Fleischstand, da stehen die Leute an: Rentier-Crème-Suppe zum Mitnehmen.

Draussen vor der Tür stoppt ein Bus, der Fahrer schaltet die Anzeige «Kaffeepausi» ein, er steigt aus, geht ins Café MBackery, bestellt sahnig-fruchtige Heidelbeertorte. Er kommt mit der Frau am Nebentisch ins Plaudern. «Ach, diese Lust auf Süsses im Winter! Danach habe ich zwei Kilo mehr auf der Waage. Egal, tut gut gegen Schwermut», sagt Saara Jonas. Die blonde Frau mit pausbäckigem Gesicht stützt den Kopf in die Hände.

Zwei Kinder, stressiger Job, der Mann wenig unternehmungslustig. Mit Kuchen, Tageslichtlampen, Vitamin-D-Pillen, Ferien auf den Kanaren im ­Januar stemmt sie sich gegen die Dunkel­heit, aber «was zu viel ist, ist
zu viel. Manchmal hänge ich eben einfach durch.» Hat auch was Gutes, ­findet Saara: Melancholische Zeiten schärfen den Geist. Entscheidungen für grosse Anschaffungen trifft sie in der Winterzeit. Ihre Wohnung kaufte die 40-Jährige, als sie trübsinnig war:

«Da prüfe ich genauer, bin besonnener als im Sommer.»

Der Winter sei wichtig, da er die Seele ausbalanciert. Sie trinkt ihren Likör aus und verschwindet in der Nacht.

Die Stadtbibliothek ist ein Lebensmittelpunkt

Hinter den Wohnhäusern mit ihren verschneiten Dächern leuchtet ein riesiger Würfel, die komplette Fassade des modernen Anbaus der Stadtbibliothek Turkus ist verglast. Drinnen wäre es gemüt­lich.

Wenn die Sonne Mal scheint, ist sie besonders imposant: die finnische Zentralbibliothek in Turku.

Wenn die Sonne Mal scheint, ist sie besonders imposant: die finnische Zentralbibliothek in Turku.

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In normalen Wintern blättern hier die Menschen in Zeitschriften und dicken Almanachen, Teenies steckten vor Computern ihre Köpfe zu­sammen. Normalerweise sind die Lese­säle prallvoll. Doch wegen der Coronakrise ist das Leben in Finnland in diesem Winter still. Einreisen kann man zwar seit Ende Januar auch aus der Schweiz wieder, doch die öffent­lichen Orte sind geschlossen. Bibliotheken auch.

In normalen Wintern ist die Bibliothek quasi das Wohnzimmer von Turku, ein Zwischenstopp nach einem Geschäftstermin, vor dem Einkauf oder nach Schulschluss – auch wegen der vielen Tageslichtlampen, die hier nach Jannes Vorschlag installiert wurden. Während man in unseren Lesesälen böse Blicke erntet, wenn ein Stift zu Boden fällt oder man sich unterhält, ist die Atmosphäre hier entspannter.

Ein Tipp aus der Bibliothekswandzeitung: die Sauna auf Ruissalo, eine Schäreninsel. Dahin fahren die Tur­kuer am Wochenende, wenn ihnen die heimische Sauna zu langweilig wird. Der Bus am nächsten Tag braucht keine halbe Stunde, schaukelt durch die karge Winterlandschaft.

Ein schmaler Streifen letztes Sonnenlicht taucht den Horizont am Saaronniemi-Strand in Orangerot. Zwischen den verriegelten Sommerhäusern steht eine kleine Saunahütte. Heute ist Frauentag. Die Damen hocken auf der obersten Bank, allesamt in Badeanzug, mit Mütze und Handschuhen. Bei 100 Grad. Eine steigt herab, giesst Wasser auf glühende Steine. Es gibt kein Aroma, kein Birkenreisig, keine die Zeit messende Sanduhr, keinen Ruheraum.

Irgendwann schlüpfen alle Damen in ihre Badeschuhe, ziehen die Mütze in die Stirn und schreiten zur Tür. Im Gänsemarsch geht es auf dem Steg ­entlang zur Treppe am Meer. Die Körper dampfen. Eine nach der anderen taucht zwischen den Eisschollen ab, lacht und prustet. Zwei Grad Celsius Lufttemperatur!

Wie herrlich dunkel alles ist! Dann – ganz langsam – überziehen flimmernde grüne Schleier den Himmel. Polarlichter! Sie falten sich auf, schlagen Wellen, fransen aus, verschwinden wieder. So wie die Frauen nach dem Saunabesuch.