Familienleben am Rand der Autobahn

Erfolgreiche Premiere für «Home», den einzigen Schweizer Film in Cannes: Die kunstvolle Filmparabel mit Isabelle Huppert und Olivier Gourmet erhielt viel Applaus.

Thomas Allenbach
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Es ist ein kleiner Saal in der Nebensektion der Semaine de la critique, in dem am Sonntagabend die Premiere von Ursula Meiers «Home» stattfindet. Doch der Andrang ist gross. Gross ist auch die Zahl der Leute im Kino, die mehr oder minder direkt in die schweizerisch-belgisch-französische Co-Produktion (Budget: rund neun Millionen Franken) involviert sind.

Innenleben einer Familie

Nicht im Saal ist Isabelle Huppert, der Star des hervorragenden Schauspieler-Ensembles – sonst aber sind alle da, auch Olivier Gourmet, bekannt aus Dardenne-Filmen. Ausserdem hat Ursula Meier, die nach dem Fernsehfilm «Des épaules solides» mit «Home» ihren ersten Kinofilm realisiert hat, die Crew mitgebracht. Es tue gut, von so vielen Leuten unterstützt zu werden, sagt die 37jährige Westschweizerin.

Die beste Unterstützung erhält Ursula Meier von ihrem Werk: «Home» ist ein überzeugend konstruierter parabelhafter Film über das Innenleben einer Familie. Das Ehepaar und seine drei Kinder leben in einem Haus, das sich einsam in einer endlosen Fläche am Rand einer Autobahn befindet, welche die Ebene teilt wie ein Strich. Das Setting – gedreht wurde in Bulgarien – könnte einem Bild des Amerikaners Edward Hopper nachempfunden sein.

Rückzug und Offenheit

In «Home» geht es aber weniger um den Kontrast von Natur und Zivilisation, sondern um jenen von privatem und öffentlichem Raum, darum, wie eine Gemeinschaft wie eine Familie zugleich Schutz wie Bedrohung ist. Als die Autobahn eröffnet wird, verliert die Familie ihren Freiraum und ist auf einmal exponiert. Der Einbruch der Aussenwelt wird als Katastrophe erlebt. Die Familie zieht sich immer mehr auf sich selbst zurück.

«Home» ist offen für viele Interpretationen. Ursula Meier gelingt es, zugleich konsequent und überraschend zu sein. Unter ihrem eigensinnigen Blick tut sich in diesem Film über eine Familie, die sich der Welt verschliesst, wiederum eine ganze Welt auf. Bei der Premiere erntete «Home» viel Applaus. Nun dürften sich ihm die Arthouse-Kinos der Welt öffnen. In der Schweiz kommt er voraussichtlich im Herbst in die Kinos.

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