Faktencheck
Schnaps hilft gegen Erkältung – stimmt das? Ein Hausarzt klärt auf

Halsweh, Schnupfen und Erschöpfung: Eine hartnäckige Erkältung kann in der Winterzeit lästig sein. Um die Symptome zu lindern, greifen viele zur Schnapsflasche. Macht Alkohol die Krankheitserreger tatsächlich unschädlich?

Gabriela Schmid
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Die Annahme, dass Alkohol Grippesymptome lindert, ist bis heute weit verbreitet.

Die Annahme, dass Alkohol Grippesymptome lindert, ist bis heute weit verbreitet.

Bild: Imago Images

Die These: In Irland «Hot Toddy», in Korea Chili-Schnaps und in Russland Wodka mit Pfeffer: Seit jeher gelten diverse alkoholische Getränke als Hausmittel gegen grippale Infekte. Die keimtötende Eigenschaft des Alkohols soll Krankheitserreger vernichten und Symptome wie Schnupfen, Halsschmerzen und Schlaflosigkeit lindern. Handelt es sich hiermit um einen alten Mythos, oder steckt tatsächlich etwas dahinter?


Dr. med. Tobias Romer, Leiter Medbase St.Gallen Einstein und Facharzt für Allgemeine Innere Medizin.

Dr. med. Tobias Romer, Leiter Medbase St.Gallen Einstein und Facharzt für Allgemeine Innere Medizin.

Bild: PD

Faktencheck mit Hausarzt Dr. Tobias Romer aus St.Gallen: Bei Kontakt mit hochprozentigem Alkohol können Bakterien, Pilze und sogar Viren abgetötet werden. Ab einer Konzentration von 60 Volumenprozent eignet sich dieser durchaus zur Desinfektion von Händen, Oberflächen und Wunden. In der Theorie sollte Hochprozentiges denselben Effekt beim Gurgeln oder Trinken erzielen. Aber aufgepasst: Dabei wird höchstens ein unbedeutend kleiner Teil der Viren oder Bakterien im Rachenraum vernichtet. «Auf bereits vorhandene Entzündungen und Erkältungssymptome wie Halsschmerzen, Husten, Fieber oder eine laufende Nase hat dies jedoch keinen Einfluss», erklärt Tobias Romer.

Entsprechend hat der Konsum von Spirituosen keine positive Wirkung auf den Heilungsverlauf einer Grippe oder Erkältung. Ganz im Gegenteil sogar:

«Hochprozentiger Alkohol greift die bereits in Mitleidenschaft gezogenen Schleimhäute nur noch zusätzlich an.»

Gemäss Romer wird dem Körper durch den Alkohol dringend benötigte Flüssigkeit entzogen und unnötig Energie geraubt. «Die Herzfrequenz und der Blutdruck steigen an. Durch die Erweiterung der Blutgefässe und einen damit verbundenen Wärmeverlust über die Haut sinkt die Körpertemperatur.» Die Leber arbeitetet zudem auf Hochtouren, denn das Zellgift Ethanol muss schnellstmöglich abgebaut werden. Das Immunsystem steht somit zusätzlich unter erheblichem Stress.

Warmes Bier mit Honig – ist da etwas dran?

Bettruhe ist bekanntlich der Schlüssel zu einer raschen Genesung. Auf den ersten Blick mag eine Tasse heisser Grog oder Glühwein dem unruhigen Erkältungsschlaf entgegenwirken. Denn schon eine geringe Menge Alkohol reduziert laut Romer die Wahrnehmungsfähigkeit der Sinnesorgane. Ein wohliges Gefühl breitet sich aus, und man sinkt in den Schlummer.

«Allerdings vermindert Alkohol die wichtige Traumschlafphase, auch REM-Schlaf genannt, was eine deutlich reduzierte Schlafqualität und damit schlechtere Erholung zur Folge hat.»

Eine kurze Google-Recherche ergibt zudem, dass mehrere Internetquellen bei einer Grippe warmes Bier mit Honig empfehlen. Tobias Romer sagt dazu: «Der im Bier enthaltene Hopfen ist reich an Bitterstoffen und ätherischen Ölen, welche tatsächlich eine positive Wirkung auf den Körper haben.». Allerdings sei der im Bier enthaltene Alkohol bei Krankheitssymptomen kontraproduktiv, denn Alkohol versetzt – wie oben beschrieben – den Körper unter Stress und führt zu einer Schwächung des Immunsystems.

Fazit: Bei einem grippalen Infekt sollte man von Alkohol lieber absehen. Alkoholkonsum schlägt auf das Immunsystem und verlangsamt den Erholungsprozess. Dass Alkohol einen sterilisierenden Effekt auf Erkältungs- und Grippeviren hat, ist also nur ein Mythos. Anstatt eines Schnaps oder «Hot Toddy» empfiehlt Tobias Romer, bei einer Erkältung reichlich warmen Ingwer- oder Salbeitee zu trinken. Ingwer und Salbei haben im Gegensatz zu Alkohol eine entzündungshemmende Wirkung. Honig lindert zusätzlich den Hustenreiz.

In diesem Artikel finden Sie weitere wirksame Hausmittel.


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