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Faktencheck im Amt für Wahrheit

In der hochaktuellen Ausstellung «Fake» im neuen Stapferhaus Lenzburg prüft man Fakten und wird selber durchleuchtet.
Sabine Altorfer
Besucher können sich im Museum mit einem Lügendetektor gegenseitig testen. (Bild: PD)

Besucher können sich im Museum mit einem Lügendetektor gegenseitig testen. (Bild: PD)

Diesem Aufruf kann man sich nicht entziehen: «Die Wahrheit braucht dich!» Das schreibt mir das Stapferhaus Lenzburg. Gleichzeitig deklariert sich das Ausstellungshaus als «Amt für die ganze Wahrheit». Glaube ich, dass ein Amt die Wahrheit verwalten kann? Oder die ganze Wahrheit kennt? Oder Lügen aufdeckt (meine?). Das ist einem ein bisschen suspekt. Und doch: Die Wahrheit ist einer der wichtigsten Werte, und Fake News gelten als die Gefahr der Stunde. Über 80 Prozent der Menschen sehen Lügen als eine der grossen Gefahren für die Gesellschaft.

Ich wage es. Der Empfang am Schalter ist freundlich, in der Eingangshalle mit dem Café riechts gar nicht bürokratisch. Vor dem eigentlichen Amt muss man seinen Besucherausweis unterschreiben, mit der Verpflichtung: «Hiermit bestätige ich, dass ich mich während des Besuchs im Amt für die ganze Wahrheit verantwortlich fühle.» Hans Wahr, der Sekretär des Departementsvorstehers für die Lügenbekämpfung, scheint sich ehrlich über den Besuch zu freuen, seine Argumente, warum es dieses Amt braucht («ohne Wahrheit keine Demokratie»), überzeugen. Dafür würde ich glatt einige Franken mehr Steuern zahlen.

Heute schon gelogen?

Doch das Geld spricht Hans Wahr nicht an – aber er unterzieht die Besucherin einem Eingangs-Check. «Haben Sie heute schon gelogen? Wenn ja, bitte stellen Sie sich in Zone A auf.» Oder grundsätzlich: «Finden Sie, man darf lügen? Bitte in Zone B.» So wechselt man, beobachtet die anderen… eine neutrale Zone gibt es nicht. Jede und jeder muss Farbe bekennen. Oder mogeln. Lügen fällt uns ja nicht schwer: 200 Mal pro Tag mache das jede und jeder, hält uns Wahr vor. Männer lügen mehr als Frauen, geben es aber nur halb so oft zu. «Der Mensch ist dasjenige Tier, das lügen kann», behauptet Wahr philosophisch, lächelt und zeigt uns auch die Kehrseite der dunklen Medaille: Die positive Seite der Lüge sei die Fantasie. Dann schickt er uns ins Amt, auf dass wir unserer Bürgerinnenpflicht nachkommen: «Die Wahrheit braucht dich!»

Knallgelb sind die Korridore im Amt: Hier ist man hellwach. Der Besucherin steht frei, wo sie sich informieren, wo mitarbeiten will. Vor dem «Labor für Lügenerkennung» warnt mich eine «Kollegin» von Hans Wahr: «Jeder verrät sich!» Früher habe man Lügner mit psychologischen Mitteln entlarvt, heute digital. «Am liebsten würden wir Ihnen ins Gehirn schauen!» So weit geht man glücklicherweise nicht. Aber nur schon die altbekannten Merkmale von Lügnern (starre Pupillen, Augenbrauen heben, Arme verschränken, eine besser durchblutete Nase...) lassen ein mulmiges Gefühl aufkommen.

So durchschaubar sind wir? Test gefällig? Vor der weissgekachelten Wand steht der Lügendetektor, Sensoren messen den Herzschlag, dann kommen die Fragen... Es braucht aber nicht unbedingt einen Zahnarztstuhl dafür, mobile Geräte aus der DDR und den USA zeigen, wie man Lügner schon vor Jahrzehnten mit Technik überführt hat.

Fachabteilung für Lügenerziehung

Gefälscht wird immer, wie die «Prüfstelle» mit Designobjekten, Kunstwerken oder Reliquien beweist. Gelogen auch – in Büchern oder Zeitungen, mit Fotos, am Radio oder Fernsehen. Das wird mir als Journalistin bei der «Medienstelle für alte und neue Fake News» vielfältig, schmerzhaft und unterhaltsam vorgeführt. Und immer hat die Angst vor der Lüge die Menschen beunruhigt: In unruhigen Zeiten (etwa vor den Weltkriegen) stärker als in diktatorischen oder friedlichen Epochen. Im Heute aber schnellt die rote Linie auf Rekordhöhe. Ob das stimmt? Die wandgrosse Animation über die weltweiten Echo-Wirbel eines einzigen Tweets von Donald Trump lassen auch meinen Puls ansteigen. Ich wusste um seine Wirkung, aber das Bild gräbt sich ein.

Doch was weiss ich wirklich? Was ist wahr? In der «Dienststelle für Wahrheitsfindung und -sicherung» trete ich zum Faktencheck an. Ist das Bild von 9/11 wahr? Ich rate. Prompt meldet der interaktive Faktentisch: «Falsch. Sie haben wohl geraten?» Der Tisch bietet alle möglichen digitalen Möglichkeiten, um die Behauptungen und Bilder zu überprüfen – und checkt also eigentlich meine Fähigkeit, Fakten zu checken.

Kleinstkinder können nicht lügen. Sie müssen – wie Pinocchio – den Umgang mit Wahrheit, Lüge und Geständnis erst lernen. Doch auch dieses Lernen geht lebenslang weiter, trainieren kann man es in der «Fachabteilung für Lügenerziehung» bei einem Leiterli-Spiel. Bluffen beim Bewerbungsgespräch, den Seitensprung gestehen, die Lüge der Firma decken? Je nach Antwort steigt man auf oder wird gestoppt.

Doch warum lügen wir überhaupt? Um (mehr) Sex, Macht oder Nahrung zu kriegen. Das erklären in einem lauschigen Wäldchen profunde Kennerinnen und Anwender solcher strategischen Täuschungstricks. Aber Achtung, falsche Fährte: Gemeint sind nicht die üblichen menschlichen Verdächtigen, sondern ein Pfau, ein Chamäleon, ein Schmetterling und ein Löwe.

Kommission für Glaubwürdigkeit

Das Amt für die ganze Wahrheit sammelt Lügen. Containerweise werden Pakete voller Lug und Trug herangekarrt. Auch ich soll anpacken und für das riesige Lügenarchiv sortieren helfen. Das erste Päckchen enthält Karl-Theodor von Guttenbergs teilweise zusammengeklaute Doktorarbeit, dann folgt das tragische Lügenleben einer Drogenabhängigen, dann der Diesel-Skandal. In welche Sparte gehören diese Lügengeschichten? «Lustig», «egal», «tolerierbar», «geht gar nicht» oder «tödlich»? Ich entscheide. Aber ist Wahrheit oder die Bewertung von Lüge tatsächlich subjektiv? Wer setzt die Leitplanken?

Dafür gibts eine Kommission für Glaubwürdigkeit. In einem Gerichtssaal verhandeln hier Richter, Politikerinnen, Journalisten Wissenschafterinnen und Mediziner richtiges, wie auch ihr eigenes Verhalten. Die Figuren sind fiktiv, ihre Aussagen aber sind ein Konzentrat von Befragungen.

Dass in dieser Kommission auch Politiker und Journalistinnen sitzen, ist eigentlich erstaunlich. Die Politik findet sich beim Vertrauensbarometer im Volk an letzter Stelle (84 Prozent finden sie wenig glaubwürdig). Politikerinnen und Politiker selber behaupten in der Befragung des Stapferhauses allerdings, selber stets die Wahrheit zu sagen, unterstellen ihren Kollegen aber Lügen. Den zweitletzten Rang im Vertrauensbarometer belegen die Medienleute. Trotzdem, mir dürfen Sie wirklich glauben, dass das «Amt für die ganze Wahrheit» im Stapferhaus kein Fake ist und ein Besuch so unterhaltsam wie lehrreich. Machen Sie den Fakten-Check, die Wahrheit braucht Sie!

Fake. Die ganze Wahrheit. Stapferhaus Lenzburg, 28. Oktober 2018 bis 24. November 2019.

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