Mount Everest
Fake News vom Dach der Welt: "Hillary Step" ist gar nicht abgebrochen

Wochenlang gingen Falschmeldungen zum vermeintlich weggebrochenen «Hillary Step» am Everest um die Welt. Jetzt ist klar: Die Felskante am höchsten Gipfel der Welt ist intakt.

Samuel Schumacher
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Dem "Hillary Step" am Mount Everest geht es prächtig. Hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2009.

Dem "Hillary Step" am Mount Everest geht es prächtig. Hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2009.

Das Drama war perfekt, als der britische Bergsteiger Tim Mosedale Mitte Mai von seiner sechsten Everest-Besteigung zurückkam und behauptete, der als «Hillary Step» bekannte Zwölf-Meter-Felsvorsprung unterhalb des höchsten Gipfels der Welt sei «definitiv» weggebrochen. Entsprechende Gerüchte machten seit Monaten die Runde. Auch die az übernahm eine entsprechende Agenturmeldung.

Die Vermutung lag nahe, dass der «Hillary Step» – benannt nach dem Neuseeländer Edward Hillary, der den Everest 1953 als erster Mensch bestiegen hatte – dem verheerenden Erdbeben in Nepal im April 2015 zum Opfer fiel.

Jetzt ist klar: Die Sorge um den berühmten Felsvorsprung war umsonst. Der Hillary Step hat das Erdbeben unbeschadet überstanden. Das bestätigte das Nepalesische Tourismusministerium am Wochenende gegenüber der Zeitung «Kathmandu Post». Mehrere Bergsteiger und sogenannte «ice doctors», die im Auftrag von Tourorganisatoren Seile am Everest verlegen, hätten das bestätigt.

Auch die vermeintlichen Beweisfotos, die den kollabierten Felsen gezeigt haben sollen, seien falsch, schreibt die «Kathmandu Post». Grund für die Fehlinterpretation der Bilder sei wohl eine neu gelegte Route in diesem Abschnitt des Aufstiegs gewesen. Der ungewohnte Anblick habe einige Bergsteiger offenbar verwirrt.

Ärgerliche Falschmeldungen

Wie aber konnten sich die Fake News vom Dach der Welt so lange halten? «Die Journalisten schrieben die Falschmeldung von Tim Mosedale munter ab und haben einfach nicht genau nachgefragt», erklärt Jinesh Sindurakar, Leiter der Nepal Mountaineering Association, auf Anfrage dieser Zeitung. Die Organisation berät die nepalesische Regierung bei allen Fragen rund ums Bergsteigen im Himalaja und hat die Abklärungen in Auftrag gegeben. Sindurakar tönt am Telefon hörbar genervt. «Die Falschmeldung hat uns allen grosse Sorgen bereitet. Wir haben uns gefragt, ob man die Route auf den Gipfel jetzt völlig neu planen müsse und ob der Aufstieg jetzt noch gefährlicher wird.»

Everest ist 40 Millionen wert

Die Nachfrage nach geleiteten Everest-Besteigungen – dem vielleicht ultimativsten Erlebnis für fitte Bergler – ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Alleine in dieser Saison werden rund 600 Bergsteiger auf dem höchsten Gipfel der Erde erwartet. Die rekordhohe Nachfrage hat auch damit zu tun, dass Everest-Besteigungen 2014 und 2015 wegen Lawinen- und Erdbebenkatastrophen nicht möglich waren.

Für einen Aufstieg bezahlen Kunden rund 65 000 Dollar. «Wäre der Hillary Step wirklich weggebrochen, dann hätte das für Nepal alleine in dieser Saison einen Verlust von knapp 40 Millionen Dollar bedeutet», sagt Sindurakar. «Natürlich hätten wir nach alternativen Routen suchen können, doch das Sicherheitsrisiko hätte beträchtlich werden können.»

Das ehemalige Königreich im Himalaja ist abhängig von den Touristen, die sich vom Anblick der höchsten Berge der Welt berauschen lassen wollen. Der Tourismus generiert knapp zehn Prozent der Staatseinnahmen (rund 1,7 Milliarden Dollar) und beschäftigt knapp eine halbe Million Menschen. Ohne den Hillary Step wäre ein besonders ertragreiches Segment der Tourismusindustrie gefährdet gewesen.

Diese Sorgen sind verflogen, der Hillary Step ist noch da und der Everest-Saison steht nichts im Wege. Dass die Besteigung des 8848 Meter hohen Berges aber auch mit der felsigen Treppenstufe gefährlich ist, zeigt die aktuelle Todesstatistik. Sechs Menschen haben dieses Jahr im Everest-Gebiet bereits ihr Leben gelassen. Einer von ihnen war der Schweizer Bergsteiger Ueli Steck, der am 30. April bei den Vorbereitungen für seine geplante Everest-Lhotse-Expedition zu Tode stürzte.

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