Fällen erwünscht: Im Tessin ist die Palme zu einer Plage geworden

Der Südkanton hat der symbolträchtigen Pflanze den Kampf angesagt. Ökologe Boris Pezzatti warnt vor einer weiteren Ausbreitung.

Gerhard Lob
Drucken
Teilen
Entlang der Promenade in Lugano sehen sie hübsch aus, in den Tessiner Wäldern sind die Palmen aber ein Problem.

Entlang der Promenade in Lugano sehen sie hübsch aus, in den Tessiner Wäldern sind die Palmen aber ein Problem.

Getty

Auf Postkarten macht sie sich prächtig: Die chinesische Hanfpalme, die wegen ihrer grossen Verbreitung im Südkanton fälschlicherweise auch Tessiner Palme genannt wird. Dass diese Palme, die etliche Meter gen Himmel wachsen kann, in den Gärten und Wäldern wuchert, ist schon eine Weile bekannt.

Doch erst in den letzten Jahren lässt sich beobachten, dass sie in Wäldern geschlossene Bestände bildet, ganze Palmenhaine. Durch ihre Dominanz kann sie die Erneuerung lokaler Arten verhindern und die bestehende Vegetation verdrängen. Die invasive Pflanze steht daher auf der schwarzen Liste von Infoflora. Die kantonalen Behörden sind alarmiert.

«Wir haben ein echtes Problem», sagt Boris Pezzatti. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Tessiner Standort der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Cadenazzo. Mit Palmen kam er schon in seiner Kindheit in Berührung. Im Garten seines Grossvaters in Malvaglia im Bleniotal stand ein besonders schönes und hochgewachsenes Exemplar. Jetzt leitet Pezzatti ein Projekt zur Palmenplage im Rahmen eines Pilotprogramms des Bundes.

Gefahr bei Waldbränden: Palme ist leicht entzündbar

Das Grossraumbüro, in dem Pezzatti arbeitet, ist mit Grünpflanzen geschmückt, um die Luftfeuchtigkeit zu erhöhen. «Aber es sind keine Hanfpalmen», scherzt der Wissenschafter. Überhaupt sind die Hanfpalmen, deren wissenschaftlicher Name Trachycarpus fortunei lautet, an diesem spezifischen Fleck des Tessins in der Magadino-Ebene nicht vorhanden. Aus dem Fenster schauen Mitarbeiter und Besucher auf ein Sonnenblumenfeld.

Doch nur wenige Kilometer entfernt, in Sementina bei Bellinzona, lässt sich sehen, was das Problem ist. In einem schönen Auenwald von nationaler Bedeutung dominiert die chinesische Hanfpalme teilweise den Unterwuchs stark. «Einheimische Strauch- und Baumarten werden so verdrängt», sagt Pezzatti. Er zeigt auf den Boden, wo unterhalb der Palmenverbände fast nichts mehr wächst.

Ökologe Boris Pezzatti erforscht und bekämpft die Ausbreitung der chinesischen Hanfpalme im Tessin.

Ökologe Boris Pezzatti erforscht und bekämpft die Ausbreitung der chinesischen Hanfpalme im Tessin.

Foto: Claudio Bader

Die Ausbreitung wird von den Kantonsförstern kritisch beobachtet, denn sie sorgen sich um die Schutzwälder. Da das Wurzelsystem der chinesischen Hanfpalme aus dünnen und kurzen Wurzeln besteht, schützt die Palme weniger vor Erdrutschen als einheimische Baumarten, beispielsweise Buche, Kastanie oder Eiche. Ein weiteres Problem bahnt sich im Fall von Waldbränden an. Die leicht entzündbaren Stammfasern der Palmen und die hängenden getrockneten Blätter können die Intensität des Feuers und die Ausbreitung in den Kronen fördern.

Vögel tragen die Palmensamen in die Wälder

Wann genau die chinesische Hanfpalme erstmals im Tessin nachgewiesen wurde, ist nicht bekannt. Sicherlich wurde diese exotische Palmenart bereits Ende des 19. Jahrhunderts in Gärten angepflanzt. Nach Europa soll sie aus China im Jahr 1843 von einem schottischen Gärtner gebracht worden sein. Einen richtigen Boom gab es im Tessin ab den 1950er-Jahren. Ihre natürliche Ausbreitung im Wald wurde allerdings erst in den 1960er-Jahren beobachtet. Wie kam es dazu? «Vögel tragen die Palmensamen der weiblichen Pflanzen im Winter aus den Gärten in die Wälder», sagt Pezzatti.

Ein gehäuftes Vorkommen wird vor allem in Siedlungsnähe, in Stadtrandgebieten oder in der Nähe von Touristenorten der Region Insubrien beobachtet. Zunehmend werden die Palmen inzwischen auch in Hanglagen gesichtet – bis 800 Meter Höhe.

In ausgeschiedenen Testflächen bei Bellinzona konnte man einen Palmendeckungsgrad von bis zu 90 Prozent ausmachen, was einer Palmendichte von 14000 Individuen pro Hektare entspricht. «In Tegna bei Locarno gibt es schon einen richtigen Palmendschungel im Unterwuchs», so Pezzatti. Von Vorteil für diese Palmenart ist, dass sie auch an schattigen Stellen gut wächst, während viele einheimische Baumarten mehr Licht brauchen. Das fördert den Verdrängungsmechanismus.

Vor kurzem hat das Tessiner Umweltdepartement vor der Palmeninvasion gewarnt und die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Pflanzen auszureissen oder gänzlich zu fällen. Der Titel der Medienmitteilung lautet:

«Es ist Zeit zu handeln – die Gartenpalmen dringen in die Wälder ein.»

Das Fällen der Palmen ist emotional schwierig

Die wissenschaftlichen Auswertungen haben in der Tat gezeigt, dass das bodennahe Absägen von Palmen eine äusserst effiziente Bekämpfungsmethode ist. Palmen, die grösser als 80 Zentimeter sind, sterben ab und schlagen nicht wieder aus.

Kleinere Palmen, bei denen die Endknospe noch unterirdisch ist, wachsen hingegen nach und sollten wiederholt ausgerissen werden. «Aber das Fällen und Ausmerzen von Palmen ist auch ein emotionales Problem», sagt Pezzatti.

Die Palmen sind ein Symbol für Sonne und Süden – und entsprechend beliebt als Fotosujets gerade bei Feriengästen. Hotels wie La Palma au Lac nehmen in ihrem Namen explizit Bezug auf das immergrüne Gewächs.

Immer mehr Palmen im Norden der Schweiz

Pezzatti und sein Team verfolgen die Ausbreitung der invasiven Neophyten intensiv. Sogar Drohnen werden eingesetzt, um ganze Landschaftsabschnitte mitsamt ihrem Palmenbestand fotografisch zu erfassen. Dank Kartierungen und wiederholten Untersuchungen sollen auch die künftigen Ausbreitungsgebiete genau dokumentiert werden.

Ein besonderes Augenmerk gilt den ökologischen Folgen des Vorkommens dieser Art in den Auenwäldern. Dies gehört zu den Zielsetzungen des Pilotprogramms, das bis Ende 2021 läuft und die Entwicklung auch unter dem Aspekt des Klimawandels untersucht.

Bisher konzentrierte sich das Palmenproblem im Tessin. Es könnte sich bald aber auch auf der Nordseite der Alpen stärker bemerkbar machen, wo diese vermehrt in Stadtgebieten und in Gärten auftauchen. «Am Genfersee gibt es schon eine ganze Menge», weiss Pezzatti.

Falls die vollständige Entfernung einer Palme nicht in Betracht gezogen wird, empfehlen Förster und Wissenschafter im Übrigen, alljährlich die weiblichen Blütenstände abzuschneiden. Das verhindert eine Samenbildung und somit eine Ausbreitung in den Wald. Die alten, reiferen Früchte, die aussehen wie dunkle Weintrauben, sollten in den Kehricht wandern.