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Per Falten-App zu mehr Verständnis zwischen den Generationen

FaceApp macht Menschen auf Fotos um Jahrzehnte älter. Das ist nur eine Spielerei. Aber sie könnte den Generationengraben kitten.
Sabine Kuster
Christa Rigozzi heute. (Bild: Peter Mosimann)

Christa Rigozzi heute. (Bild: Peter Mosimann)

Es gibt diesen Moment, wenn man bei Senioren zu Gast ist. Sie machen in der Küche die letzten Handgriffe fürs Essen, man selbst geht derweil ein paar Schritte durchs Wohnzimmer, da fällt der Blick aufs Hochzeitsfoto. Man denkt: «Gut haben die früher ausgesehen!» Man vergisst den Moment. Aber wenn man an diesem Abend aufs Klo muss, bleibt man vor dem Spiegel stehen, der Blick wandert von den Augenlidern zu den Wangen, und man denkt: «Auch nicht mehr ganz jung.»

Christa Rigozzi im Alter? (Bild: Bearbeitung FaceApp)

Christa Rigozzi im Alter? (Bild: Bearbeitung FaceApp)

Dabei ist der Spiegel gnädig. Er zeigt uns immerhin nicht unser Gesicht von morgen. Diesen Schaudermoment gibt’s nur online. Die Leute laden sich gerade zu Tausenden FaceApp herunter. Das Smartphone-Programm macht ein hochgeladenes Porträtfoto um Jahrzehnte älter.

Runzeln, wo Gesichter sonst glattgebügelt werden

So viel Runzeln war selten in den sozialen Medien. Dort, wo die Foto-Filter die Realität sonst weichzeichnen. Jemand schrieb: «Die Veränderung war schockierend. Ich ziehe es vor, für immer jung zu bleiben.»

Luca Hänni heute. (Bild: Keystone)

Luca Hänni heute. (Bild: Keystone)

Jene, die ihr Profilfoto bei FaceApp raufgeladen haben, sorgen sich offenbar eher um ihr Aussehen als ihre Privatsphäre – beziehungsweise darum, was der russische Hersteller mit ihrem Foto anstellen könnte. Der Datenschutz ist unsicher.

Luca Hänni in einigen Jahrzehnten? (Bild: Bearbeitung FaceApp)

Luca Hänni in einigen Jahrzehnten? (Bild: Bearbeitung FaceApp)

Sicher ist: Die Jungen werden im Alter alt aussehen. Warum erschrecken sie? Haben sie nicht gesehen, wie unsere Eltern älter wurden? Nein, haben sie nicht. Bei jenen, die wir regelmässig sehen, merken wir nicht, was die Zeit anrichtet, denn sie tut es sanft: Tag für Tag ein unbemerkbares Bisschen lockerere Haut.

Die Emotionsforscherin und Gerontopsychologin an der Universität Zürich, Andrea Horn, sagt:

«Auch wenn wir wissen, dass jeder alt wird, der genug lange lebt, können wir uns emotional der Illusion hingeben, dass wir jung bleiben.»

Sie sagt, positive Illusionen seien okay, denn das stärke unsere psychische Gesundheit. «Allerdings gibt es in unserer Selbstoptimierungskultur sehr wenig Gelegenheit, Kontrollverlust zu üben – und das gehört zum Leben.» Die Noch-Jungen merken via App: Sie können das äusserliche Altern letztlich nicht aufhalten.

Sie sehen im eigenen Gesicht: Langsamkeit und Verletzlichkeit. Seltener denken sie an: Kompetenz und Lebenserfahrung. Sie nehmen an, die Person hinter dem alten Gesicht habe den Höhepunkt ihrer Karriere überschritten, müsse andere um technischen Support beim Handy bitten, vergesse, wo sie die Brille hingelegt hat.

Die Stereotype ins eigene Gesicht projiziert

Und während die Jüngeren all diese Vorurteile im Gesicht ihres zukünftigen Ichs entdecken, passiert vielleicht, was noch keine Imagekampagne geschafft hat, die den Graben zwischen den Generationen kitten wollte: Die Jungen bekommen mehr Respekt. Denn sich selbst stellen sie sich doch auch im Alter geistig und körperlich fit vor. Also könnte ihnen bewusst werden – als unbeabsichtigter Effekt der Spielerei –, dass die Alten nicht so senil sind, wie gedacht. Auch Altersforscher Hans-Werner Wahl von der Universität Heidelberg sagt, man dürfe das Älterwerden nicht aufs Äussere reduzieren:

«Es ist nicht nur ein biologischer Prozess. Und wir können das Altern heute durchaus mitgestalten.»

Vielleicht ändert diese Einsicht den Blick jener, die sich beklagen, dass ein Teil ihres Lohns in eine Rentenvorsorge fliesst, von der sie womöglich selber nicht mehr viel haben werden. Jene, die sich über Abstimmungsergebnisse ärgern, welche eine Mehrheit entschieden hat, die die Zukunft hinter sich hat. Jene, die sich nerven, wenn sie auf dem Weg zur Arbeit von unternehmungslustigen Pensionärinnen und Pensionären behindert werden. Leute wie ich.

Dabei hatte ich eine Art FaceApp-Moment schon vor über zehn Jahren. Damals war mein Grossvater 94 Jahre alt, und ich lebte im Ausland. Er hatte E-Mailen gelernt, und wir schrieben uns fast täglich. Möglich, dass er für seine paar Zeilen gleich lange am Computer im Altersheim sass wie ich für meinen halben Roman. Aber wenn ich dann in der Ferne sein Mail las, waren alle Merkmale des Alters verschwunden. Ich las nur, was er schrieb, und das hätte auch ein 50-Jähriger schreiben können. Ich verstand zum ersten Mal, dass die Persönlichkeit eines Menschen kaum altert.

Was er schrieb, passte nicht zu seinem Alter

Karin Keller-Suter heute. (Bild: Ralph Ribi)

Karin Keller-Suter heute. (Bild: Ralph Ribi)

Ab dann dachte ich, wenn er vom kurzen Spaziergang erzählte, nicht mehr: So ist halt ein Grossvaterleben. Sondern ich dachte daran, wie gerne er Ski gefahren war oder auch Gitarre gespielt hatte. Beides ging nicht mehr mit 94 Jahren. Sein Gesicht passte dazu. Seine E-Mails nicht. Gerontopsychologin Andrea Horn ist nicht überrascht. Sie sagt:

«Das Alter an sich erklärt immer weniger, wie ein Mensch ist: Es gibt 90-Jährige, die Marathon laufen, und 90-Jährige, die dement und bettlägerig sind.»

Keller-Suter, wie sie vielleicht im Alter aussehen wird. (Bild: Bearbeitung FaceApp)

Keller-Suter, wie sie vielleicht im Alter aussehen wird. (Bild: Bearbeitung FaceApp)

Die Stereotypen aber sind nicht aus dem Kopf zu kriegen. «Wir brauchen diese Zuordnungsautomatismen, um im Alltag zurechtzukommen. Unser Arbeitsspeicher ist beschränkt.»

Erst mit einer Konfrontation lösen sich Stereotype auf. Aber am einfachsten verstehen wir andere, wenn es einen auch betrifft. Die App simuliert die Betroffenheit. Die jüngere Generation fühlt sich verbunden mit der älteren. Wenigstens für den Moment. Vielleicht sollten wir noch eine App ausprobieren, die uns als Obdachlose zeigt oder dunkelhäutig. Oder mit dem anderen Geschlecht.

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