Ewiges Leben für Bonnie & Clyde

Sex, Crime und Übersinnliches packt Jostein Gaarder in einen Roman, der per E-Mail den grossen Zusammenhängen einer fatalen Liebesgeschichte nachspürt.

Bettina Kugler
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Jostein Gaarder ist Lehrer durch und durch. Dabei hat er nicht einmal ein halbes Berufsleben lang Religionsgeschichte und Philosophie unterrichtet und sich alsbald zum Dozieren an den Laptop zurückgezogen.

Die grossen Fragen des Daseins

Doch seiner anhaltenden Déformation professionelle, dem überbordenden pädagogischen Eros des Norwegers verdankt der Buchmarkt Longseller und Klassenlektüre wie «Sofies Welt», «Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort» oder den kürzlich verfilmten

Roman «Das Orangenmädchen»: Allesamt unterhaltsame, keineswegs abgehobene Geschichten, die sich mit den grossen Fragen des Daseins beschäftigen.

Schicksalhafte Begegnung

Das ist in seinem neuen Roman «Die Frau mit dem roten Tuch» nicht anders. Nur hat Jostein Gaarder diesmal ein anderes Zielpublikum vor Augen.

Keineswegs jugendfrei erzählt er die schicksalhafte Wiederbegegnung zweier Liebender nach mehr als dreissig Jahren, just an jenem schicksalsträchtigen Ort, an dem sie gemeinsam ein traumatisches Erlebnis hatten, das zur Trennung führte. Zufall? Ihre Antworten darauf könnten gegensätzlicher nicht ausfallen.

Steinn, Klimaforscher und Rationalist, verteidigt einigermassen stur sein naturwissenschaftlich-materialistisches Weltbild, in dem für Übersinnliches, Telepathie und ewiges Leben der Seele keine Beweise existieren; Solrun ihrerseits lässt sich ihren metaphysischen Glauben nicht ausreden. Das überraschende Aufeinandertreffen nach so langer Zeit ist für die Lehrerin, die einst Religionsgeschichte studiert hat, ein Signal, mit den Gespenstern der Vergangenheit Kontakt aufzunehmen, noch einmal mit ihrem einstigen Geliebten zu ergründen, was sie gemeinsam erlebt und gesehen – oder was sie sich lediglich eingebildet haben.

Die «Preiselbeerfrau»

Die beiden schicken sich streng vertrauliche E-Mails, die sie anschliessend löschen, tauschen Erinnerungen aus, nähern sich dem Unaussprechlichen mit grösster Vorsicht. Stück für Stück rekonstruiert sich so beim Lesen zum einen die Geschichte einer ausserordentlich wilden, lebenshungrigen Liebesbeziehung voller Eskapaden, zum anderen eine alte Grundsatzdebatte zwischen Solrun und Steinn, die nun emsig weitergeführt wird. Was den Spannungsbogen empfindlich stört und zuweilen so angestrengt wie eine Philosophiestunde wirkt.

Denn das eigentliche Gravitationszentrum des Romans liegt in den Wäldern am Fjord; mehr als die polaren Weltbilder und ihre Argumente zieht das Mysterium in den Bann, was genau damals passiert ist, welche Bewandtnis es hat mit der «Preiselbeerfrau», jener «Frau mit dem roten Tuch», die der Künstler Quint Buchholz für das Cover der deutschen Ausgabe in Anlehnung an Bilder Magrittes wie eine jenseitige Erscheinung zwischen Meer und Birkenwäldern schweben lässt.

Magisch aufgeladen

Mag die Frage nach dem Sitz der Seele und ihrem Weg durch Zeit und Raum existenziell und unerschöpflich sein: Spannend wird Gaarders Roman vor allem dann, wenn die Kamera zum Tatort schwenkt, wenn die Einsamkeit der magisch aufgeladenen Landschaft eine Atmosphäre wie in den Filmen von Alfred Hitchcock erzeugt, das Unerklärliche untergründig zu flirren und knistern beginnt.

Und Gaarder wäre nicht Gaarder, wenn er nicht auf den letzten Seiten noch einen Joker im Ärmel hätte, der dem Absehbaren, den klaren Fronten seiner Erzählung und philosophischen Stoffsammlung eine überraschende, geradezu bodenlose Wendung gibt. Und damit reichlich zu denken. Was sich auch vor dem Pausengong immer gut macht.

Jostein Gaarder: Die Frau mit dem roten Tuch. Carl Hanser Verlag, München 2010, Fr. 32.50

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