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Ewige Superfrauen singen von durchtrainierten Herren mit dürren Hoden und welker Haut

Seit 30 Jahren macht die älteste Frauenband der Schweiz aktivistischen Radau. Am Anfang von Reines Prochaines stehen die Jugendrevolte, eine Bilderbuchkarriere und nervöse Männer.
Mathias Balzer, Naomi Gregoris
Die älteste Frauenband der Schweiz hat sich den anarchischen Geist der 80er bewahrt.

Die älteste Frauenband der Schweiz hat sich den anarchischen Geist der 80er bewahrt.

«Los jetzt!» Der grosse Mittagstisch in den Amerbachstudios wird abgeräumt, rund ein Dutzend Leute strecken sich, trinken die letzten Schlucke Kaffee und laufen nach hinten in den Proberaum. Unter ihnen Sus Zwick, Muda Mathis, Fränzi Madörin und Michèle Fuchs, die momentane Besetzung der Reines Prochaines, der – das kann man ruhig so sagen – berühmtesten Frauenband der Schweiz. Wer Einwände hat, der kann sie auch die älteste Frauenband nennen, denn die Reines machen seit 30 Jahren aktiv Musik. Ein Jubiläum, das gefeiert werden soll, auch wenn es streng genommen knapp zwei Jahre zurückliegt, wie der Journalist am Mittagstisch bemerkt. Fränzi Madörin winkt ab: «Die Idee zur Revue haben wir im Jubiläumsjahr entwickelt.»

Mehr gibt’s gar nicht zu diskutieren, die Probe steht an! «Let’s sing Arbeiterin» heisst die Revue, zu der Les Reines Prochaines befreundete Künstlerinnen und Künstler eingeladen haben. Die schräge Reisetruppe tippelt singend präzis choreografiertes Ringelreihen, nimmt auf Küchenhockern Platz, schwenkt Fahnen, die keine Staaten, sondern einen kunterbunten Haushalt markieren.

Aktivistischer Post-Punk mit feministischem Einschlag

Begonnen hat das Künstlerinnenkollektiv ganz klassisch. Regina Florida Schmid, Teresa Alonso und Muda Mathis lernen sich in der Kunstgewerbeschule kennen, es sind die Achtzigerjahre, die Zeit der Jugendrevolten. Junge Menschen, die aktivistisch sind, sich Freiraum erkämpfen wollen. Die vier Frauen treten zum ersten Mal im Januar 1987 in der Alten Stadtgärtnerei in Basel auf, als Reines des Couteaux, im Gegenprogramm zu einer Männerband. Schweizer Frauenbands gibt es damals kaum, in Zürich zwei, drei, in Basel gehören die Reines zu den ersten.

Die Band 1993 mit (v.l.n.r.): Muda Mathis, Fraenzi Madoerin, Pipilotti Rist und Gaby Streiff. (Bild: Niklaus Stauss/Keystone)

Die Band 1993 mit (v.l.n.r.): Muda Mathis, Fraenzi Madoerin, Pipilotti Rist und Gaby Streiff. (Bild: Niklaus Stauss/Keystone)

Das Konzert ist mehr eine Performance als ein Songprogramm, ein «Küchen­geschnetzel»: Auf der Bühne steht ein Küchentisch, daneben zwei Bügelbretter, eins mit Kochplatte, eins mit Synthesizer. Im Hintergrund hängt ein Monitor. Die drei Künstlerinnen hacken und schneiden, machen Musik mit den Küchengeräten und dem Synthesizer und singen vom Köchin-Sein. Am Ende essen alle gemeinsam die Suppe. Aktivistischer Post-Punk mit feministischem Einschlag. Die Reines nennen es Kollektiv, und bald mit neuem Namen: Reines Pro­chaines, die nächsten Königinnen. Der Name klingt wie ein Versprechen: Wir werden die nächsten Königinnen sein. Aber auch:

Uns gibt es für immer. Ist ja klar, dass wir nie tatsächlich Königinnen werden. Wir bleiben immer kurz davor. Die nächsten Königinnen sind hier, um zu bleiben.

Es folgt – für Schweizer Verhältnisse – eine Bilderbuchkar­riere: Die Reines Prochaines sind in ganz Europa unterwegs, in sich immer wieder ändernden Kon­stellationen. Pipilotti Rist kommt und geht, Barbara Naegelin und Gabi Streiff auch. Ohne grossen Knatsch oder Tratsch, man ist schliesslich keine Retorten-Boyband. Die Reines sind ein organisches Kollektiv, Frauen kommen für Projekte dazu und wenn anderes ansteht, gehen sie wieder.

Bitte nicht so breitbeinig im TV sitzen

So musizieren sich die Reines Prochaines durch die Konzertlokale und Museen bis ins Schweizer Fernsehen, wo der nervöse Moderator Muda Mathis bittet, doch bitte nicht so breitbeinig dazusitzen, sonst könne er sich nicht mehr konzentrieren. Mathis grinst.

Ur-Mitglied Muda Mathis (links) ist als einzige seit der Gründerzeit dabei. (Bild: PD)

Ur-Mitglied Muda Mathis (links) ist als einzige seit der Gründerzeit dabei. (Bild: PD)

Die Reines singen von durchtrainierten Herren mit dürren Hoden und welker Haut. Und verkörpern das Gegenteil: starke, laute Frauen voller Kraft und Humor. Jedes Programm hat eine sorgfältig erdachte Story. Mal sind die Reines Präsidentinnen, mal Heldinnen, mal Verdächtige in einem Mordfall, mal Angestellte in der Butterabteilung eines Nahrungsmittelherstellers. Sie singen: «We change the usual into something special, we change the rules and the edge of facts.» Sie wollen die Welt nicht nacherzählen, und schon gar nicht erklären. Sie wollen sie erfinden. «Geht weiter als erlaubt!», schreiben sie in ihrem Manifest, «Zögern ist blöd.»

Von der Analysendisco zum Emanzipationsrumba

Doch wer denkt, die Reines stehen nur in Kostümen auf der Bühne und machen dazu etwas aktivistischen Radau, irrt. Hinter der wilden Spontaneität steckt harte Arbeit, hinter den lauten Parolen ­intelligente Kommentare zur Gegenwart. «Wenn du etwas Gutes willst», steht ebenfalls im Manifest, «musst du etwas Wahres geben.»

Diesem Leitspruch bleiben die Königinnen auch nach 30 Jahren noch treu. In der «diskursiven Revue», dem Geburtstagsgeschenk der Reines, geht es um das «Bild der Arbeiter*in»: 14 Lieder sind für diese Tour des Femmes angekündigt, darunter die Lawinenballade, der Hungerchoral, die Analysendisco oder der Emanzipationsrumba. Den anarchischen Geist der Achtzigerjahre haben sich die Köni­ginnen bewahrt. Sie sind die Expertinnen, wenn es darum geht, Systeme und Hierarchien mit fröhlichem Dilettantismus zu unterlaufen. So lustig, schräg und absurd die Form, so ernst ist ihnen der Inhalt. «Wir stecken doch immer noch im Sumpf des Ka­pitalismus», sagt Muda Mathis, als die Probe vorbei ist. «Natürlich müssen wir versuchen, das System zu ändern.» Die Königinnen der Selbstermächtigung sind auch nach 30 Jahren noch auf Forschungsreise in Sachen Freiheit.

Tourdaten: www.reinesprochaines.ch

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