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Europa mit dem Zug erfahren und CO2 sparen – ein Selbstversuch mit Kindern

50 Stunden im Zug mit Kindern im Primarschulalter: Kommt man da nicht erschöpfter aus den Ferien in Spanien zurück, als man hinfährt?
Florian Bissig
Berücksichtigt man die Zeit an den Flughäfen, ist man mit dem Zug manchmal schneller als mit dem Flugzeug. Zum Beispiel von Basel nach Paris oder von Zürich nach Mailand. Wer also etwas mehr als ein Wochenende Zeit mitbringt, verbindet seine Destinationen und flaniert gleich durch mehrere Städte. Die Karte zeigt ein paar der bequemen und schnellen Reiserouten mit dem Zug.

Berücksichtigt man die Zeit an den Flughäfen, ist man mit dem Zug manchmal schneller als mit dem Flugzeug. Zum Beispiel von Basel nach Paris oder von Zürich nach Mailand. Wer also etwas mehr als ein Wochenende Zeit mitbringt, verbindet seine Destinationen und flaniert gleich durch mehrere Städte. Die Karte zeigt ein paar der bequemen und schnellen Reiserouten mit dem Zug.

Mit allzu schlimmer Flugscham hätten wir uns nicht quälen müssen, wenn wir unsere Spanienreise im Flugzeug gemacht hätten. Gesetzt waren die Reiseziele Ourense in Galicien und Málaga in Andalusien, in den zwei entlegensten Regionen der iberischen Halbinsel. Die Rundreise aus der Schweiz erstreckt sich auf dem Landweg über ungefähr 5000 Kilometer. Das ist auch für klimabewusste Leute keine Distanz, für die sich die Eisenbahn eindeutig aufdrängt.

Trotzdem liess unsere Familie die Idee der grossen Zugreise nicht mehr los. Die Kinder hatten in der Schule viel vom schädlichen CO2 gehört und liessen sich von der Aussicht auf etwa 50 Stunden Zugfahren nicht abschrecken. Und die Eltern entschieden, dass sich genügend Zeit für die langsamere Reisevariante freischaufeln lassen würde – immerhin gingen fünf Tage gänzlich für das Reisen drauf.

So ging es an die Planung. Und schon bald tauchte ein Begriff aus den Tiefen der nebligen Jugenderinnerungen auf: Interrail. Mit dem Interrail-Ticket hatten wir einst den halben Kontinent unsicher gemacht. Mit Rucksack, Klampfe und viel ahnungsloser Unbeschwertheit waren wir nach Lust und Laune in die Züge gestiegen und kreuz und quer durch die Länder geknattert. Die einzige Auflage der Eltern: keine Dummheiten machen und auf Schulbeginn wieder zurück sein. Das Letztere gelang noch immer.

Längst selber Eltern, sind wir froh, dass der Interrail-Pass seit 1998 für alle Alterskategorien angeboten wird. Besonders lohnend ist es, wenn man Kinder unter 11 Jahren hat – sie reisen gratis mit. Ganz so spontan wie damals konnten wir diesmal allerdings nicht herumreisen. Die spanischen Schnellzüge sind reservationspflichtig. Und da wir nicht in Andalusien oder anderswo stranden wollten, buchten wir unsere Plätze vorgängig – wodurch unsere Reise in den Eckdaten fix und unveränderlich durchgeplant war.

«Spiderman» fesselt mehr als die vorbeiziehende Landschaft

Der Vorteil ist gewiss, dass man nicht um die Sitzplätze nebeneinander bangen musste. Nachdem wir uns am Montagmorgen in Zürich mit knapper Not auf freie Sitze verteilen konnten, spazierten wir später in den Schnellzügen elegant zu unserer reservierten Sitzreihe. Nach langen Fussmärschen beim Umsteigen waren Gross und Klein erst einmal ganz zufrieden, sich in die komfortablen Sitze der ziemlich modernen Waggons sinken zu lassen.

Die Kinder schauen nur auf ausdrückliche Aufforderung raus. Bild: Florian Bissig

Die Kinder schauen nur auf ausdrückliche Aufforderung raus. Bild: Florian Bissig

Und nachdem wir uns die Reise unendlich lang vorgestellt hatten, waren wir jedes Mal erstaunt, wie bald wir eigentlich schon wieder aussteigen mussten. Kein Wunder bei Geschwindigkeiten von bis zu 300 Stundenkilometern. Als Zeitverschwendung empfanden wir die fünf Tage im Zug nie. Der Blick aus dem Fenster bot uns auf der grossen Rundreise die Möglichkeit, einen Überblick über die Landschaft des ganzen Landes zu bekommen. Zunächst die Küstenlandschaft Kataloniens, dann die waldigen Hügel und kolossalen Brücken Galiziens, die staubigen Westernkulissen im Landesinnern und schliesslich die Olivenhaine Andalusiens mit felsigen Erhebungen am Horizont.

Wobei die Kinder die Landschaft nur auf ausdrückliche Aufforderung für ein paar Sekunden betrachteten. Viel lieber starrten sie auf einen der Fernseher an der Waggondecke, mit denen alle Fahrgäste wie im Flugzeug ungefragt mit «Spiderman» oder «Transformers» bespasst wurden. Oder sie lasen ihre Bücher, was sie auch sonst ganze Tage lang tun. Und wenn es doch einmal langweilig wurde, war meist schon bald wieder Zeit für einen grösseren oder kleineren Imbiss – den wir natürlich sackweise mitgeschleppt hatten.

Langweilig wird es auf so einer Zugreise nie. Bild. Florian Bissig

Langweilig wird es auf so einer Zugreise nie. Bild. Florian Bissig

Unser unspektakuläres Fazit lautet: Wer sich zu beschäftigen weiss, kommt auch mit einer 50-stündigen Zugreise klar, ob gross oder klein. So verschaffte uns Interrail unter dem Strich neben dem blütenweissen Klimaleumund eine günstige, zweckmässige und familienfreundliche Reisemöglichkeit. Ein Hauch von Nostalgie mit Blick auf frühere Abenteuer gratis inbegriffen. Dazu trägt das unzeitgemässe Geflatter der Ticketbögen bei, die immer noch handschriftlich auszufüllen sind und welche die spanischen Bahnangestellten nur von weitem ansehen mochten.

Auf dem Rückweg allerdings, zwischen Fribourg und Bern, nach 47 von 50 Reisestunden, als sogar wir langsam genug von der Sitzerei hatten, wurden die Nerven doch noch auf die Probe gestellt. Die SBB-Zugführerin weckte uns, um die Tickets zu kontrollieren – natürlich eidgenössisch exakt. Ihr hartes Urteil: Wir hätten alles falsch ausgefüllt. Sie liess es für diesmal bei einer murrenden Ermahnung bewenden. Die Schweiz hatte uns wieder.

Schweizer sind Interrail-Europameister

Die Verkaufszahlen von Interrail-Pässen haben sich in der Schweiz in den letzten vier Jahren stets erhöht. Dabei wuchs auch der Anteil an erwachsenen Benutzern gegenüber den unter 27-Jährigen.

2018 wurden insgesamt 46 411 Pässe verkauft, drei Jahre zuvor waren es noch 26 668. «In keinem Land wurden letztes Jahr mehr Interrail-Pässe verkauft», sagt SBB-Mediensprecherin Sabine Baumgartner.

Im laufenden Jahr setze sich der Trend fort. Im ersten Halbjahr hätten die SBB erneut mehr Interrail-Pässe verkauft als in der Vergleichsperiode 2018. «Wenn der Aufwärtstrend anhält, steuern wir auf einen weiteren Rekord zu.»

Dass die Klimadebatte hierbei eine Rolle spielt, wissen die SBB aus Kundenbefragungen. «Nachhaltigkeitsüberlegungen betreffend CO2-Footprint haben in den letzten zwölf Monaten an Bedeutung zugenommen», hält Baumgartner fest.

Der internationale Zugverkehr wird in den nächsten Jahren weiter ausgebaut. Ab Dezember gibt es mehr Verbindungen von der Schweiz nach Frankreich. Mit Doppelstock-TGVs werden 30 Prozent mehr Plätze angeboten. Auch auf Routen nach Deutschland werden die Plätze aufgestockt. Mit dem Ceneri-Basistunnel verkürzt sich ab Dezember 2020 die Reise aus der Schweiz nach Italien um 30 Minuten. Ab 2022 sind Direktzüge nach Genua, Bologna und im Sommer nach Rimini vorgesehen. (fb/aba)

Hinweis
Es gibt verschiedene Interrail-Pässe. So kostet zum Beispiel ein Ticket, das an fünf Tagen innerhalb eines Monats gültig ist, 325 Franken. Sitzplatzreservationen sind nicht inbegriffen. www.interrail.ch. Auf der Reiseplattform Omio lassen sich Bahn-, Bus- und Flugverbindungen vergleichen. www.omio.com

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