Wein-Reise nach Montreux – Winzer aus Epesses: «Eine Flasche Wein ist wie ein Fotoalbum»

Wein erinnert an vergangene Jahre. In der Region Montreux kann man ohne Mühe noch weiter zurückreisen, beispielsweise zum Château de Chillon oder ins ehemalige Soldatenreduit.

Andrea Weibel
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Der Herbst ist die farblich schönste Jahreszeit in den Rebbergen am Genfersee.

Der Herbst ist die farblich schönste Jahreszeit in den Rebbergen am Genfersee.

Bild: Sebastian Closuit

Die Trauben sind geerntet, die Blätter an den Rebstöcken leuchten gelb in der Herbstsonne und die Wolken zeichnen Schattenbilder auf den Genfersee. Im Herbst, wenn die Temperaturen nach dem heissen Sommer angenehm kühl sind und die Sonne alles in ihr Gold taucht, ist die beste Zeit, um durch die Weinberg-Terrassen des Lavaux zu wandern.

Das rund 30 Kilometer breite Gebiet ist wegen seiner aufwendigen Terrassierung zum Unesco-Welterbe erklärt worden. Diese kilometerlangen Terrassen legten die Zisterziensermönche bereits im 12. Jahrhundert an. Heute sagt man, die Weine hier reifen dank drei Wärmen: der Sonne tagsüber und nachts wegen der Rückstrahlung des Genfersees und der Wärme, welche die Mauern abgeben.

Bescheidene Schweizer Weinbauern

Bisher haben die Winzer jedes Jahr ihre «Caves ouvertes», die Tage der offenen Weinkeller, gefeiert. Dieses Jahr muss die sonst sehr gesellige Feier der neuen Weine etwas anders ausfallen. Ganz darauf verzichten wollen weder die Winzer noch ihre Kunden. Die Idee ist einfach: Online bestellt man sich für 30 Franken ein Weinglas (www.mescavesouvertes.ch). Dieses erlaubt es einem, zwischen Oktober 2020 und März 2021 auf Voranmeldung bei zehn Winzern je vier verschiedene Weine zu probieren.

«Eine Flasche Wein ist wie ein Souvenir eines Jahres, wie ein Fotoalbum, das uns daran erinnert, wie das Jahr war, in dem die Trauben gereift sind», sagt Winzer Louis Fonjallaz, der seine Weine im bekannten Weindörfchen Epesses keltert. Sein Weinkeller, der Ort, an dem die Weine ihren Weg von der Presse bis in die Flasche finden, ist klein. Der Wein muss gar unter der engen Hauptstrasse, die durchs Dörfchen führt, hindurchgeleitet werden, um in die Flaschen zu gelangen, denn alles hat nicht Platz.

«Corona schränkt auch uns ein, wir konnten dieses Jahr beispielsweise viel weniger Restaurants und überhaupt keine Festivals beliefern und uns auch an keinen Messen präsentieren», sagt Louis Fonjallaz, «dafür merken wir, dass die Leute das Heimische wieder mehr schätzen. Sie gehen weniger ins Restaurant, dafür müssen sie ihre eigenen Weinkeller rascher wieder auffüllen. Dabei helfen wir gerne.» Fonjallaz lächelt. Jungwinzer Maxime Diserenz von der Domaine de la Crausaz, einem der grössten Weingüter im Lavaux, fügt hinzu: «Die Schweizer Weinbauern sind meist viel zu bescheiden. Wir haben hier richtig gute Weine, die sich international messen können. Das dürfen wir auch einmal laut sagen.»

Montreux behält seinen Jazz auch trotz Corona

Nach einer Weinbergwanderung empfiehlt sich eines der Konzerte in Montreux unter dem Titel «Autumn of Music». Im Coronajahr konnte das weltbekannte Jazz-Festival nicht durchgeführt werden. Doch wie die Winzer wollen auch die Musiker ihre Fans nicht auf dem Trockenen sitzen lassen. Stattdessen hat Montreux den ganzen Herbst über bis jetzt noch kleinere, fast intime Konzerte im Angebot, darunter auch stimmgewaltige Nachwuchskünstler, die unter anderem in den Sälen des ehrwürdigen Hotels Fairmont Le Montreux Palace auftreten. Nach einem Essen im ebenso berühmten und hauseigenen Jazz Café lässt sich dort ein abwechslungsreicher Abend stilvoll beenden.

Musik im kleinen Ramen gibt es trotz Corona vorläufig noch in Montreux. Freddie Mercury Statue am Seeufer.

Musik im kleinen Ramen gibt es trotz Corona vorläufig noch in Montreux. Freddie Mercury Statue am Seeufer.

Bild: Maude Rion

Das Gebiet rund um Montreux hat aber auch abgesehen von Weinen und Jazz viel zu bieten. Am schönsten lässt es sich zu Fuss oder per Mietvelo der Riviera entlang erkunden. Bekannt sind Orte wie Chaplin’s World, das 2018 zum besten Museum Europas gewählt wurde. Es befindet sich in der Villa Manoir de Ban, die dem britischen Komiker, Schauspieler, Regisseur und Komponisten Charlie Chaplin gehört hat, wo nun sein Leben beleuchtet wird. Auch das Alimentarium, das Museum der Ernährung direkt am Ufer des Genfersees in Vevey, in dessen oberem Stock Henri Nestlé in den 1860er-Jahren das Milchpulver erfand und damit die Säuglingspflege und später auch die Schokoladenwelt revolutionierte, geniesst internationalen Ruf. Auf der östlichen Seite Montreux’ liegt jene Sehenswürdigkeit, die zu den meistbesuchten der Schweiz zählt: Das Château de Chillon, eine der ältesten Wasserburgen, die 1150 erstmals erwähnt wurde. Es empfiehlt sich, vor dem Besuch Lord Byrons berühmtes Gedicht «Der Gefangene von Chillon» über François Bonivard zu lesen – oder danach im hübschen Café Byron direkt neben dem Château.

In Montreux befindet sich auch die Chaplin’s World, ein Museum über den Schauspieler in einer Villa.

In Montreux befindet sich auch die Chaplin’s World, ein Museum über den Schauspieler in einer Villa.

Bild: Judith Morsel

Das Fort de Chillon zeigt, wie es sich im Fels lebte

Bisher fast unsichtbar befindet sich seit 1940 direkt gegenüber des Châteaus eine Tür im Fels. Sie führt in einen 2125 Meter langen Gang: die Alpenfestung Fort de Chillon. Von 1940 bis 1995 waren in diesem Reduit Soldaten stationiert. «Heute ist das Fort in Privatbesitz. Wir haben so viel wie möglich im Originalzustand gelassen, sodass die Leute sehen können, wie die Soldaten hier monatelang im Fels gelebt haben», erklärt Museumsdirektorin Luana Menoud-Baldi. Ab Dezember soll man es nicht nur sehen, sondern auch erleben können. Gestaltet wurden die Räume vom Szenografen François Confino, der bereits die Chaplin’s World konzipiert hat.

Der Herbst ist die farblich schönste Jahreszeit in den Rebbergen am Genfersee.

Der Herbst ist die farblich schönste Jahreszeit in den Rebbergen am Genfersee.

Bild: Sebastian Closuit

Im Eingang laufen die Besucher neben Projektionen von jungen Männern her, die in Zivilkleidung ins Fort gehen. Dann ziehen sich die Projektionen um und stehen als uniformierte Soldaten da. Überall wird mit Szenografien gearbeitet, beispielsweise bei den Lavabos, wo sich die Soldaten bei der morgendlichen Rasur unterhalten.

«Auch dürfen die Zuschauer bei uns alles anfassen», hält die Direktorin fest. «Im Lazarett muss man sich beispielsweise ins Bett legen, um den darüber laufenden Film anschauen zu können.» Wichtig ist ihr: «Wir wollen keine Stellung für oder gegen die Armee beziehen, sondern einfach die damalige Realität zeigen.» Damit diese auch wahrheitsgetreu gezeigt werden kann, haben die Museumsplaner eng mit dem Militär zusammengearbeitet. Das Konzept ist ganz neu: «Wir haben kaum Tafeln, die man lesen kann, stattdessen haben wir viele Szenografien und reale Utensilien von damals, die man betrachten und benutzen kann. Beispielsweise darf man die Kanonen anfassen und durchschauen.»

Wie lebten die Soldaten während des Zweiten Weltkriegs tief im Fels? Ab Dezember ist das Fort offen.

Wie lebten die Soldaten während des Zweiten Weltkriegs tief im Fels? Ab Dezember ist das Fort offen.

Bild: Fort Chillon

Zudem gibt es interaktive Strategiespiele und ein Kino, in dem General Henri Guison vorgestellt wird. Erstaunlicherweise sind die Gänge so hoch, dass kaum Platzangst aufkommt. Und da die Festung im Berg liegt, ist die Temperatur das ganze Jahr über konstant zwischen 16 und 18 Grad. «Statt im Juli eröffnen wir nun eben im Dezember», erklärt Menoud-Baldi und ist gespannt, wie das neue Museum beim Publikum ankommt. So ist die Region um eine Attraktion reicher. Und schon nach zwei Tagen im traumhaften Gebiet am Genfersee wird klar, warum Freddie Mercury damals sagte: «Wer seinen Seelenfrieden finden will, kommt nach Montreux.»