FOODBLOG OSTBRÖCKLI
Zwischen Auflauf und Kuchen: Dessert essen wie in Frankreich

Clafoutis ist viel zu lecker, um das Gericht nur im Sommer klassisch mit Kirschen zu essen. Auch mit Birnen, Äpfeln oder Mango schmeckt es wunderbar. Das Dessert steht für französische Lebenskunst. Starköche wie Tim Mälzer oder Yotam Ottolenghi schwören darauf.

Text: Diana Hagmann-Bula, Bilder: Andri Vöhringer
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Für Perfektionisten mag dieses Gericht nichts sein. Auch nichts für Gegner von Lauwarmem. Clafoutis (sprich: Glafuti), ein Gemisch zwischen Auflauf und Kuchen, zwischen Omelette und Flan, schmeckt am besten, wenn es nicht mehr heiss und noch nicht kalt ist.

Es lässt sich höchst selten wie geplant portionieren und anrichten. Auch wenn man die Früchte noch so regelmässig in die Backform reiht, am Ende bringt die aufgehende Eiermasse sie doch schräg nach oben. Très charmant.

Wenig Aufwand, sehr viel Genuss

Dann wartet man ein paar Minuten, bis das Gebäck etwas erkaltet ist, nimmt einen grossen Löffel, schöpft, geniesst. Meist, bis die Auflaufform leer ist. Obwohl man sich den Magen zuvor schon mit dem Hauptgang und womöglich einer Vorspeise gefüllt hat und Clafoutis eigentlich nur die Nachspeise ist. Man kann sich noch so gegen diesen Esstrieb wehren.

Clafoutis nicht zu verfallen, ist so schwierig wie an Weihnachten keine Guetzli zu essen.

Clafoutis ist ein Gericht für Geniesser, die in der Küche gerne nur minimalen Aufwand betreiben. Früchte, Eier, Rahm, Zucker, Mehl, mehr ist dafür nicht nötig. 15 Minuten Arbeit, den Rest erledigt der Ofen. Sozusagen die kulinarische Verkörperung des Business-Prinzips 80/20. 20 Prozent Aufwand für 80 Prozent Ertrag. 100 Prozent Ertrag, könnte man im Fall von Clafoutis fast schon behaupten.

Wer die Nachspeise isst, kann sich mit geschlossenen Augen mühelos vorstellen, mit einem luftigen Hut auf dem Kopf unter einem schattigen Baum in irgendeinem französischen Dorf zu sitzen und «la sieste» zu machen.

Die Füsse hochlagern, in den blauen Himmel gucken, in den Nachmittag hineinträumen. Obwohl draussen vor der Tür wie immer die Ostschweiz liegt, es nur knapp mehr als zehn Grad hat und gerade in Strömen regnet.

Birnen, Äpfel, Mango, funktioniert alles auch

Ursprünglich stammt das Gericht aus dem Limousin, einer Region in der Mitte Frankreichs. Dort wird Clafoutis traditionell mit Kirschen, also im Sommer, gebacken. Die Autorin hat das Dessert zum ersten Mal bei ihrer Tante im Fribourgischen genossen. Mit Aprikosen statt Kirschen. Seither will, kann sie nicht mehr ohne Clafoutis leben.

Um die Tante ist es schon seit Jahren geschehen, seit einem Hotelaufenthalt in der Region Bourgogne-Franche-Comté. «Mein Lieblingsdessert», sagt die Verwandte jeweils, wenn sie die Auflaufform mit vorausahnendem Lächeln an den Tisch bring. Jedes Mal, wenn sie Clafoutis für Gäste kocht, steckt sie ein paar andere Menschen mit ihrer süssen Begeisterung an.

Nicht nur Kirschen, auch Birnen schmecken wunderbar in Clafoutis.

Nicht nur Kirschen, auch Birnen schmecken wunderbar in Clafoutis.

Clafoutis steht in seiner traditionellen Ausführung mit Kirschen für den Sommer. Aber auch im Herbst macht er sich gut. Eigentlich lässt sich fast jede Frucht, die schon etwas schrumpelig ist, in dem Dessert verwerten. Uns schmeckt die Version mit Apfel und Mango sehr gut. Favorit ist jedoch Clafoutis mit Birnen. Saftig auch, aber etwas säuerlicher als der Apfel. Das ergänzt sich gut mit dem zuckrigen Guss.

Lieber Vanilleextrakt als gemahlene Nüsse dazugeben.

Lieber Vanilleextrakt als gemahlene Nüsse dazugeben.

Die Anhängerschaft des Gerichts ist gross, wie ein Blick ins Internet zeigt. Der deutsche Koch Tim Mälzer gibt Marzipan in den Teig, der israelisch-britische Koch Yotam Ottolenghi kombiniert mit Pflaumen. Für uns braucht es weder Marzipan noch gemahlene Nüsse, stattdessen lieber eine Messerspitze Vanilleextrakt.

Versionen aus dem Netz mit sechs Eiern enden zu omelettig, jene mit 130 Gramm Mehl zu kuchenartig. Einmal abgekühlt muss man das Gericht plötzlich schneiden, nichts mehr mit sinnlichem Löffeln. Irgendwo dazwischen liegt das wirkliche Glück, zeigen die Versuche. Normalerweise bleibt dann nicht viel übrig in der Gratinform. Und falls doch, isst sich Clafoutis auch noch wunderbar am nächsten Tag. Kalt halt, aber immer noch besser als gar nicht.

Savoir Vivre ohne grosse Planung

Clafoutis steht für Savoir Vivre. Und erst noch das ungeplante, das gekonnteste also. Losbacken, sobald einen die Lust überkommt. Die simplen Zutaten liegen schliesslich in fast jedem Vorrat bereit.

Kaum schlängelt sich der Duft durch die Wohnung, scheint es, als wäre es draussen weder stürmisch noch frisch. Sondern warm und sonnig, wie an einem französischen Bilderbuchsommertag. So jedenfalls fühlt sich danach der Magen an. Wer mag, kann Puderzucker über das Gericht streuen. Als Zugabe sozusagen. Er bringt etwas zusätzliche Süsse. Und hilft notfalls zu vertuschen, dass der Auflauf ein paar Minuten länger als gewollt im Ofen geblieben ist. Bon appétit!

REZEPT

Zutaten

500 Gramm Birnen oder andere Früchte

je 3-4 Esslöffel Mehl und Zucker 

eine Messerspitze Vanilleextrakt

2,5 dl Rahm oder Milch

3 Eier

Puderzucker zum Bestäuben

Zubereitung

Gratinform dick mit Butter einfetten

Birnen in Scheiben schneiden und in die Form legen 

Mehl, Zucker, Vanilleextrakt, Rahm oder Milch und Eier vermischen. Über die Früchte geben. 

Alles bei 160 Grad Umluft eine Stunde lang backen. 

Puderzucker durch ein Sieb pressen und über das Dessert streuen. 

Genuss-Redaktorin Diana Hagmann-Bula zeigt ihr französisches Dessert.

Genuss-Redaktorin Diana Hagmann-Bula zeigt ihr französisches Dessert.