Es ist wie Gemüse rüsten

Der in Oberhelfenschwil lebende Holzbildhauer Johann Hartmann hat sich dem Schnitzen von Kühen in allen möglichen Variationen verschrieben. Heute nennt er sich ganz einfach Chüelischnitzer.

Brigitte Schmid-Gugler
Drucken
Teilen
Der Holzbildhauer und Chüelischnitzer Johann Hartmann in seiner Werkstatt in Wigetshof bei Oberhelfenschwil. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Der Holzbildhauer und Chüelischnitzer Johann Hartmann in seiner Werkstatt in Wigetshof bei Oberhelfenschwil. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Man begegnet dem schwergewichtigen Objekt seiner Kunst-Begierde mehrmals auf dem Weg nach Oberhelfenschwil. Einmal steht eine überlebensgross in Rotweiss am Strassenrand, ausgeschnitten aus Kunststoff und als Reklame für Käse. Etwas später wirbt eine andere, diesmal ist es eine plastisch gestaltete, für die bekömmliche und gesunde Milch aus Ostschweizer Ställen, und irgendwo auf einer Wiese hängt an einem windschiefen Holzverschlag ein vergessenes Plakat, auf welchem die Viehschau vom letzten Herbst angekündigt wird.

Beim «Storchen» in Wigetshof muss man abzweigen. Der Weiler gehört zusammen mit einem Teil des Dorfes Necker sowie Wasserfluh, Metzwil, Rennen, Schwanden und Füberg zur politischen Toggenburger Gemeinde Oberhelfenschwil – das Dorf, welches erstaunlicherweise rund dreissig Kilometer von seiner grösseren Schwester Niederhelfenschwil entfernt liegt. Ein Natursträsschen führt hinunter zum Dachstobelbach, über dessen Brücke, und schon steht man vor dem ein paar hundert Jahre alten Holzhaus von Johann Hartmann. Ein hübsches mechanisches Windrad, kombiniert mit einem Motorradfahrer, schmückt den Hauseingang. Das Windrad stammt aus der Schnitzwerkstatt seines Vaters. Dieser war Landwirt gewesen auf einem Hof in unmittelbarer Nähe des Klosters Magdenau.

Schon immer ein Töfflifreak

Nach seiner Pensionierung richtete sich der Vater, der als Klavierspieler mit verschiedenen Formationen auftrat, und gerne selber Holzbildhauer geworden wäre, für sich die langersehnte Werkstatt ein und begann, seine Windräder zu produzieren, die er immer zusammen mit grob geschnitzten Figuren kombinierte. Bei gutem «Windradwetter» setzen sich diese in Bewegung. So auch der Motorradfahrer. Das Windrad hatte Vater Hartmann für seinen Sohn angefertigt, der schon als Kind ein «total angefressener Töfflifreak» gewesen sei, wie der Chüelischnitzer von sich erzählt. Er habe mit seinen Brüdern und Kollegen alte Töffs umgebaut und irgendwo in der Nähe des Hofes versteckt, damit die Eltern, die solches Tun nicht erlaubten, ihnen nicht auf die Schliche kamen.

Als einziges von sieben Geschwistern durfte er eine Lehre machen. Die anderen Brüder wurden Bauern; die Schwestern Hausfrauen. Beim Kloster habe es eine Wagnerei gegeben, erzählt Hartmann, und dort erhielt er als Bub seine ersten Impulse: «Es kamen manchmal Bildhauer für Kurse in diese Werkstatt, und ich durfte zuschauen. Ich habe dann so ab der sechsten Primarschulklasse selber angefangen, Kasperlifiguren zu schnitzen.

Irgendwo in der Scheune drüben müsste noch eine Kiste sein», denkt Hartmann laut, der mit seiner auf die Nase geschobenen Brille und dem weissen Kittel ein wenig aussieht wie der Puppendoktor in Dieter Schuberts Kinderbuch «Murkel ist wieder da». Ausschlaggebend für seinen Werdegang war dann der bekannte Holz- und Steinbildhauer Johann Ulrich Steiger in Flawil, ein Bekannter des Vaters. «Das war ein Glück, bei diesem Mann eine Lehre machen zu dürfen», unterstreicht Hartmann, was einen nicht erstaunt beim Hinblick auf das imposante Lebenswerk jenes Künstlers, dessen Arbeiten in der Ostschweiz im öffentlichen Raum gut vertreten sind. So etwa im Stadtpark St.Gallen, wo seine dreieinhalb Meter hohe «Muse», eine aus Stein gehauene Skulptur in der Nähe des Theaters steht, oder auf dem Landsgemeindeplatz in Appenzell, für den Steiger einen Brunnen schuf.

Er selber, sagt Hartmann, habe hingegen nie Künstler werden, sondern immer Kunsthandwerker bleiben wollen. In der Gewerbeschule St.Gallen habe man nicht so recht gewusst, welcher Klasse man den einzigen Holzbildhauer-Lehrling zuteilen sollte. «Die ersten zwei von vier Jahren Ausbildungszeit drückte ich mit den Schreinern die Schulbank, später, als der Beruf des Holz- und Steinbildhauers als offizielle Lehre eingeführt wurde, waren wir eine eigene Klasse.»

Werkstatt voller Kühe

Wir sitzen in Johann Hartmanns wohlig warmer Werkstatt, in der es würzig und intensiv nach Lindenholz riecht, die Holzart, die der Chüelischnitzer für seine Arbeiten benützt. Er bezieht das Holz von Bauernhöfen in der Gegend. «Die Bauern melden sich bei mir, wenn sie gutes Holz gefällt haben.»

Es kalbert in allen Ecken. Spielkühe in unterschiedlichen Formen und Grössen stehen herum, bullige und elegante, archaisch anmutende, für die Felszeichnungen Vorbilder gewesen sein könnten; «Beechüe», die im Appenzellerland einem Brauch folgend aus den alten Weihnachtsbäumen geschnitzt werden. Als warteten sie, von der Weide in den Stall geführt zu werden, steht eine ganze Herde winziger Kühe ordentlich in einer Reihe. Sie sind Teil eines Alpaufzuges samt Sennen, den Johann Hartmann für eine seiner Töchter schnitzt. Auf der Werkbank stehen Maschinen – die Band- und Schleifsäge, ein eigens für die Gestaltung des Kuhbauches selber konstruiertes Schneidegerät, ein Hobel, eine Fräse, und natürlich dominieren die unzähligen Modelle von Schnitzmessern, darunter eines, das Johann Hartmann nach seinen eigenen Bedürfnissen anfertigen lässt und auch seinen Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern zur Verfügung stellt.

Mit Spezialtanks Geld verdient

Es war ein langer und kurviger Weg, bis zu dem Zeitpunkt, als sich der heute 71-Jährige beruflich ausschliesslich dem Schnitzen zuwandte. Er führte zuerst mit dem Motorrad über den Brünig nach Lungern, wo er direkt nach Abschluss von Lehre und Rekrutenschule eine Stelle bei einem Holzbildhauer und Schreiner für sakrale Holzobjekte und Stilmöbel fand. Fünf Jahre später, nach dem Tod seines Arbeitgebers, kehrte Hartmann in die Ostschweiz zurück, wo er sich auf den Bau von selber entwickelten Polyester-Tanks für Motorräder spezialisierte und sich selbständig machte. «Die herkömmlichen Tanks waren für längere Reisen zu klein und Alternativen waren damals noch nicht auf dem Markt.» Von diesem Mangel konnte der leidenschaftliche Motorradfahrer ein Liedchen singen, war er doch selber seit den 1950er- Jahren immer wieder für längere Zeit, später teilweise begleitet von seiner Tochter, auf Reisen durch die Wüsten von Algerien, Libyen, Marokko. Das erfolgreiche Geschäft mit den Tanks und die zusätzliche Tätigkeit auf dem Bau ermöglichten ihm in den 1980er-Jahren den Kauf dieses alten Stickereihauses mit separater Scheune. Wenige Schritte über den Hof eröffnet sich einem dort erneut ein Schlaraffenland der Holzschnitzereien. In den Kisten – angeschrieben mit «Bördler»; «Alphörnler»; «Betrüefer »; Schelleschöttler»; «Mäher» und vielen weiteren Figuren – befindet sich das gesamte von Hartmann geschnitzte Personal für die Darstellung von Volkstum und sennischen Bräuchen. Dieser Sektor war neben der Produktion von Spielzeugen lange Zeit ein weiterer ertragreicher Teil der Arbeit Hartmanns, die er als freischaffender Holzschneider im Auftrag von Kunden oder als Eigenproduktion ausführte, seit er sich hier im selber sanierten und umgebauten Haus in Wigetshof eine eigene Werkstatt einrichten konnte. Hier wohnte er mit den beiden Töchtern und mit seiner heutigen Ex-Frau, die als Modistin tätig ist. Beide verkauften ihre Produkte dem Heimatwerk und auf verschiedenen Märkten und Messen in der ganzen Schweiz.

Schnitzen am Stubentisch

«Und irgendwann kontaktierte mich eine Frau aus Unterwasser. Sie fragte, ob ich bei ihnen im Dorf einen Kurs geben könnte. Man möchte das Chüelischnitzen lernen. Ich musste es mir durch den Kopf gehen lassen, denn anders, als ich es bisher tat, nämlich die eingeschraubten Rohlinge in der Zwinge zu bearbeiten, müssen Kursteilnehmende diesen ja frei aus der Hand schnitzen können.» Doch er habe beschlossen, es zu wagen, und prompt sei bereits der erste ausgeschriebene Kurs im Nu ausgebucht gewesen, und zwar jeweils hälftig mit Männern und Frauen. Simon Ammans Mutter und Grossmutter seien mit dem Schlitten vom Hof herunter ins Dorf gekommen, um an dem Kurs teilzunehmen, erinnert sich Johann Hartmann lachend.

Es war Winter, wie immer, wenn er seine nun seit 24 Jahren laufenden Chüelischnitz-Kurse veranstaltet. «Die Bauern und Bäuerinnen, und das sind die meisten unter den Kursteilnehmenden, haben nur in den Wintermonaten Zeit.» In der Zwischenzeit hat Johann Hartmann viele weitere Kurse und an vielen anderen Orten bis hin zur Klubschule gegeben; «viele besuchen schon seit zwanzig Jahren Kurse bei mir». Doch längst braucht er seine warmen Pantoffeln nicht mehr auszuziehen: Die Leute kommen zu ihm hierher nach Wigetshof. Der verlängerte Stubentisch sei jedesmal voll besetzt. «Wenn der Kurs überbelegt ist, dann müssen halt ein paar Leute in die Küche ausweichen.»

Vom Klotz zur Kuh

Hier setzt Hartmann nun Kaffee auf, erzählt von seinen Töffreisen durch die Sahara und den damit verbundenen Abenteuern. Er holt Ordner mit gesammelten Bildern von Kühen, Alpaufzügen und Sennen, die er seinen Kursteilnehmern vorlegt. «Nicht alle haben ein Verständnis fürs plastische Gestalten und für Proportionen », sagt er. Es brauche, neben der handwerklichen Geschicklichkeit, viel Übung und ein Gefühl für Rohling und Messer, damit man nicht irrtümlicherweise dem Chüeli ein Ohr oder das Euter, oder sich selber eine Fingerkuppe abspitze.

Die zu bearbeitenden Rohlinge stellt Hartmann den Kursteilnehmern zur Verfügung. «Es ist wie beim Gemüse rüsten», erklärt Hartmann, nimmt, nun zurück in der Werkstatt, einen dieser Rohlinge in die eine, das Schnitzmesser mit der kurzen Klinge in die andere Hand. Der konturlose Klotz erinnert eher an ein Knollengewächs; sieht in Johann Hartmanns Hand allerdings so weich und geschmeidig aus wie eine Pflaume. Mit kurzen Schnitten beginnt er, die Oberfläche des Chüelis in der Faserrichtung des Holzes zu bearbeiten. Kaum kommt man mit Schauen nach, so schnell verwandelt sich das undefinierbare Stück Holz in ein Tier mit schönem runden Bauch, einem Kopf mit zwei Hörnern und zwei Ohren, vier Beinen und einem Euter, an welchem Hartmann später gar noch die einzelnen Zitzen anbringt. Die handgeschnitzten Kühe erkennt man daran, dass die einzelnen Schnitte später nicht zu einer ebenmässigen Oberfläche geschliffen werden, sondern sichtbar bleiben.

Ob aus dem fertigen Chüeli der Kursteilnehmer am Ende eine trächtige Mutterkuh, ein Galtlig, ein Stierli oder eher ein Wollschaf geworden ist, hängt vom Willen und Können der Schnitzenden ab, und es bleibt ihnen ebenfalls überlassen, ob sie nach Abschluss der jeweiligen Lektionen noch ein Weilchen in der heimeligen Schnitzerstube sitzen und plaudern