Es hat sich ausgeschlumpft

Heute ist Welt-Schlumpftag. Doch die Schlümpfe haben ihre beste Zeit im Kinderzimmer lange hinter sich. Dafür interessiert sich die Wissenschaft für sie.

Katja Fischer De Santi
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«Sagt mal, von wo kommt ihr denn her? Aus Schlumpfhausen, bitte sehr!», wer nach diesen Zeilen automatisch «Lalalalala» zu singen beginnt, der muss ein 1980er-Jahre-Kind sein. Denn damals dürfte Vader Abrahams «Schlumpf-Lied» auf keiner Kinderparty fehlen und hatten wir zu Hause alle Dutzende der kleinen, blauen Plastikzwerge herumliegen. Das scheint lange her. Die stets gutgelaunten Schlümpfe sind alt geworden. 55 Jahre nach ihrem ersten Auftritt sucht man die blauen Zwerge in den Regalen der hiesigen Spielzeugläden oft vergeblich.

Vom Schlumpf-Blues wollen die Vermarkter indes nichts wissen. Im Gegenteil, seit einigen Jahren wird Vollgas gegeben, um eine neue Kindergeneration zu verschlumpfen. Ein Kinofilm in 3D sollte die Schlümpfe 2011 schlagartig ins 21. Jahrhundert katapultieren. Der Film wurde trotz schlechter Kritiken ein Erfolg. Was aber vor allem daran liegen dürfte, dass nostalgische Eltern mit 1970er-Jahrgängen ihre Kinder nötigten, sich das Geschlumpfe im Kino anzusehen. Schliesslich kann ja nicht schlecht sein, was einem selbst durch die Kindheit begleitet hatte. Nein, schlecht muss es nicht sein, aber jede Generation braucht ihre eigenen kleinen Helden, die zur Zeit passen. Und die Schlümpfe, mit ihrem ungebrochenen Optimismus, passten in eine unbeschwerte 80er-Jahre-Kindheit.

Alle für das Kollektiv

Wie anders kommen da heutige Comic-Helden daher. Manisch-depressiv wie Spongebob, multifunktional wie Transformers oder mit diversen Zauberkräften ausgestattet wie Lillifee. Die neuen Helden haben komplizierte Charakteren, vereinen diverse Fähigkeiten und Kräfte, wo hingegen bei den Schlümpfen das Kollektiv über dem einzelnen steht. Da gibt es den Mal-Schlumpf und den Zimmermann-Schlumpf, aber auch Pfuschi-, Beauty- und Gammel-Schlumpf haben ihre Berechtigung und tun, was ihren Neigungen entspricht.

Die Schlümpfe haben es denn auch ihrer utopischen Gesellschaftsstruktur zu verdanken, dass sie immer wieder Gegenstand soziologischer Abhandlungen werden. Statt Kinder interessieren sich heute Wissenschafter für die Schlümpfe.

Die Schlümpfe als Nazis

Der italienische Schriftsteller Umberto Eco hat sich ausführlich mit der Schlumpfsprache beschäftigt, um universale Verständigungsmuster aufzuzeigen. Und vor einigen Jahren macht in Frankreich das «Kleine blaue Buch» von Antoine Buéno Schlagzeilen. Darin bezeichnete der Pariser Politologe die heile Welt der Wichtel als verkorkstes, krankes Konstrukt: Die Gesellschaft der Schlümpfe, so argumentiert Buéno, sei nicht weniger als ein «Archetyp totalitärer Utopie, geprägt von Stalinismus und Nationalsozialismus».

Keine Gewalt, keine Action

Doch im Unterschied zu Phantasyfiguren, die in den letzten Jahren die Kinderzimmer erobert haben, strahlen die Schlümpfe keine Gefährlichkeit aus. Sie produzieren keine Action. Sie sind einfach da, immer lächelnd. Aus Sicht der Sozialwissenschaft ist der Schlumpf der Gegenentwurf zur postmodernen Bastelbiographie, da die Identität eines Schlumpfes nicht in Zweifel zu ziehen ist. Wir 80er-Jahre-Kinder haben das gemocht, es hat zu unserem Leben in der Kleinfamilie mit klarer Rollenverteilung gepasst. Doch heutige Kinder wachsen in einer anderen Welt auf, schlumpfig ist daran nicht viel. Da braucht es schon eine zaubernde Lillifee oder einen ironischen Spongebob, um damit fertig zu werden.

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