Es gilt das gesprochene Wort

Gesprochene Sprache ist die Quelle der Poesie. Die drei Dichterperformer Pedro Lenz, Jürg Halter und Michael Stauffer demonstrieren, wie vielfältig die Ausdruckspalette von Spoken Word heute ist.

Beat Mazenauer/Sfd
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Der in Langenthal geborene Pedro Lenz ist ein Spezialist für Vorortmilieus und Kleinstadt-Tearooms. Seine «Monologe der Leidenschaft» sind immer wieder neu ansetzende Versuche, mit dem unspektakulären Leben fertig zu werden. Das Publikum dient ihm dabei als williger Ansprechpartner. Wieso «genau grad emmer mech», fragt peinlich berührt der Buspassagier, als ihn ein Kind im «Roustueu» (Rollstuhl) anschaut. Es weckt bei ihm nicht Gegeninteresse, sondern den blödsinnigen Argwohn, dass es irgendetwas von ihm wolle – was immer.

Um solche und ähnliche Fälle drehen sich Pedro Lenz' Geschichten. Das Bedürfnis nach Mitteilung ist gleich stark wie die Angst davor. Dabei offenbaren die Erzähler gerne einen didaktischen Überschuss, der sie andern das Leben erklären lässt, um zu verdrängen, dass sie selbst in einer Wiederholungsschlaufe festsitzen.

Die «Zfrideheit», politisch korrekt begründet, verrät dabei verzweifelte Abgründe. Die Zorros, Lenz' Begleitband (Beat-Man, Olifr M. Guz, Patrik Abt), liefert den wunderbar treffenden Trash-Sound dazu. Leider lässt auf dieser CD die Live-Atmosphäre aber etwas zu wünschen übrig.

Inszenierte Lesung

«Hallo, ich heisse Sie willkommen für eine Lesung, eine Lesung nur für Sie», begrüsst Jürg Halter seine Zuhörerschaft und fragt aufmerksam nach, wie es ihr geht. Auf so einfache Weise überbrückt Halter die mediale Distanz und eröffnet dem Publikum seine momentane «Studiowirklichkeit». Draussen regne es, teilt er mit.

Halter ist ein ausgebuffter Bühnenprofi, ein virtuoser Slam-Performer und Rapper, dessen Hip-Hop-Album «Dark Angel» unter dem Namen Kutti MC 2006 nicht nur wegen der klugen Texte im Berner Dialekt überraschte. Mit der neuen CD «Aber heute ist der Tag, an dem ich mehr als sprechen will» greift Halter nun auf seinen Gedichtband «Ich habe die Welt berührt» von 2005 zurück.

Gekonnt spielt er darin mit lyrischen Formen und demonstriert eine eigenwillig gebrochene romantische Grundstimmung, die er auch hörbar zu machen versteht. Sein pathetisch verlangsamter Vortrag verbindet sich dabei mit der subtilen Verfremdung der künstlichen Aufnahmesituation. Am Ende bedankt sich der Autor fürs Zuhören und verweist auf sein nächstes Buch, das im Herbst 2008 erschienen sein wird.

Klangkulisse mit Text

«Ich bin en Allround Maa, ich chönnt theoretisch jedi haa», frotzelt Michael Stauffer im spitzen Thurgauer Dialekt. Auch in der Literatur lässt dieser Dichterperformer nichts aus. Er schreibt Hörspiele, Prosa und dadaistische Spoken Words für die Bühne. «Wir müssen gehen – vorwärts! Halleluja!» Permanent wechselnd zwischen Kalauer, Monolog, Song trägt Stauffer einen Reigen von schrägen Belanglosigkeiten vor, die sich um alles mögliche, nur nicht um politische Korrektheit bemühen. Auch formal nimmt er sich alle Freiheiten heraus, insbesondere die, seine Performance von geschliffener Perfektion absolut frei zu halten.

Sprechend, schimpfend, jaulend, singend behält die CD «So viel wie nie» stets einen improvisativen Gestus. Dass dies aufgeht, ist das grosse Verdienst der beiden Musiker Hans Koch (Klarinetten, Elektronik) und Fabian Kuratli (Schlagzeug). Ihnen gelingt es, Stauffers liederlichen Vortrag in eine subtil ausgearbeitete Klangkulisse einzubetten und so Text und Musik zu einer absolut stimmigen Einheit zu formen.

Pedro Lenz: «Angeri näh Ruschgift. Monologe der Leidenschaft». Audio CD, 65 Min.; Jürg Halter: «Aber heute ist der Tag, an dem ich mehr als sprechen will». Audio CD, 61 Min.; MIR – Michael Stauffer/Hans Koch/ Fabian Kuratli: «So viel wie nie». Audio CD, 56 Min; Alle Verlag Der gesunde Menschenversand, Luzern 2007. Je 28 Franken.

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