Es Gädeli fürs Chrischtchind

Die Appenzellerin Cäcilia Neff baut Krippen aus gesammelten Hölzern, aus Rinde, Ästchen, Wurzelstücken, Moos und Flechten. Wohl nicht nur die Heilige Familie würde am liebsten dauerhaft darin Asyl finden wollen.

Brigitte Schmid-Gugler
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Das pensionierte Bauernpaar Albert und Cäcilia Neff-Sutter in seiner Stube in Gehrenberg bei Schlatt im Kanton Appenzell Innerrhoden. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Das pensionierte Bauernpaar Albert und Cäcilia Neff-Sutter in seiner Stube in Gehrenberg bei Schlatt im Kanton Appenzell Innerrhoden. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Die Cheren wollen nicht aufhören bis nach Gehrenberg. Das Relief des Alpsteins wie in den Himmel gestickt. Früher, als Cäcilia Neff noch mit dem Nachnamen Sutter im Bauernhaus wohnte, ging sie den Weg zu Fuss. Jeden Tag. Als Kind nach Schlatt in die Schule und später als junge Frau über den Saul hinunter in die Textilveredlungsfabrik Koller in Gais. Arbeitsbeginn um 6.45 Uhr. Sechs Tage die Woche. Dabei wäre sie nichts lieber als Zimmermann geworden. Aber eine Lehre, davon wollte damals niemand etwas wissen. «Meine beiden Schwestern und ich mussten dazuverdienen und auf dem Hof helfen. Etwas anderes gab es doazmol nicht.» Und es sollte noch viele Jahre dauern, bis sie die Hobelbank von der Kammer unter dem Dach, wo sie ein im Haus wohnender Onkel hingestellt hatte, in den früheren Schweinestall zügeln und endlich ihrer Kreativität mehr Platz einräumen konnte.

Vor zwölf Jahren baute sie dort ihre erste Krippe. Felix, der zweitjüngste von fünf Söhnen und zwei Töchtern, als Tierarzt in Saanen tätig, habe geheiratet. Die Krippe sei ein Geschenk an das Brautpaar gewesen. Seither hat Cäcilia Neff jedes Jahr ein paar weitere Krippen gebaut, teilweise auf Bestellung, andere auch «efach wil is geen tue».

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Verewigt im dicken Buch der Schlatter Frauen

«Bi mer ischt fascht s’ganz Johr Wienacht », heisst es im dicken Buch, welches zwischen einem Stapel alter Zeitungen und Prospekten hervorlugt. Die Frauen von Schlatt haben den Inhalt im vergangenen Jahr zusammengetragen und als gebundenes Nachschlagewerk herausgebracht. Jede steuerte Zeichnungen, Fotos und je einen handgeschriebenen Text bei – Rezepte die einen, Geschichten und Gedichte die andern. Auf Chruse Cilas, oder Cäcilias Seiten steht ein neunstrophiges Reimgedicht. Eine Bekannte habe ihr den Text einer unbekannten Dichterin geschenkt. Diese denkt in dem Gedicht darüber nach, wie es gewesen wäre, wenn Maria und Josef nicht in Bethlehem, sondern im Appenzellerland eine Schlafstelle gesucht hätten: (...)

«Wie wär jetz da woode – so hani gstudiert, / wenn da alls im Appezöllerland wär passiert? / Nend jetz aa, de Josef möss mit sinere Frau / vo Basel of Herisau, Urnäsch oder Kau (...)

In einer nachfolgenden Strophe finden sie ein «Gädeli» mit einem Heustock darin, und dieses «Gädeli» stellt Cäcilia als Bildstoff zu dem Gedicht. Es ist eine ihrer Krippen – mit akkurat angeordneten Ziegeln aus Tannenzapfenschuppen auf der einen, aus kleinen sonnengegerbten Schindelstücklein auf der anderen Dachhälfte. Während sie die jeweilige Ausstattung den neuen Besitzerinnen und Besitzern überlässt, hat sie diese – ihre ganz persönliche und unverkäufliche Krippe – mit den Weihnachtsfiguren und den Tieren bestückt.

Die Wunderwerke an Einfallsreichtum und Gestaltungsfreude entsprechen bis hin zum Gartenzaun mit der darüberführenden «Stapfete» (Fusssteg) einem originalen Stall. 

In ihrem «Wärchstättli», wie sie es nennt, stehen Kisten mit all dem Material, das sie für die Krippen sammelt und aufbewahrt. Auf der Hobelbank liegen Werkzeuge, Bohrer und allerhand Sägen und Tücher: Die Kunsthandwerkerin baut auch die Hauben selber, die dazu dienen, die Krippen nach dem 6. Januar gut geschützt aufzubewahren. Dazu schneidet sie Holzleisten für den Rahmen, den sie verschraubt und mit alten Vorhangstoffen bespannt.  Circa 50 Stunden benötigt sie, um all die vielen liebevoll gesetzten Details an den Unikaten anzubringen.

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Cäcilia und Albert gehen z’Tanz und heiraten

Zu Fuss war Cäcilia auch unterwegs gewesen, als sie ihren Mann, den Albert kennenlernte. «Das war im ‹Bären›», erzählt die heute 76-Jährige.« Ich führte an einer Klassenzusammenkunft mit ein paar Kolleginnen Sketches auf. » «De chlii Fuchsli», wie ihm alle sagten, spielte Schwyzerörgeli. Es wurde getanzt. «Dann kam der Albert herein.» Von diesem Zeitpunkt an gingen Cäcilia und Albert zusammen «öppe z’Tanz» – am Funkensonntag, an der Chilbi, am Ostermontag oder an Neujahr. Gelegentlich besuchte man da und dort auch eine Stobete. Der Albert, ein «Graugädele», so der Spitzname der Familie, kam jeweils – ebenfalls zu Fuss – herauf von der Göbsi, einem Weiler zwischen Teufen und Haslen. Sechs Mädchen und vier Buben waren seine Geschwister. Ab 14 Jahren war er auf verschiedenen Bauernhöfen als «Handbueb», ab 16 dann als Knecht angestellt. «Und im Sommer immer z’Alp, dort war ich am liebsten.» Später konnte sein Vater ein «zweites Liegenschäftli» dazupachten, so dass Albert und einer seiner Brüder zu Hause ein Auskommen fanden.

Am Bettag im Jahr 1961 verlobten sich Cäcilia und Albert Neff, im Frühling des darauffolgenden Jahres heirateten sie. Das Bild des Brautpaares hängt neben dem Kachelofen; die gegenüberliegende Wand ist eine Hommage an die Mutter Neff, die eine begnadete Bauernmalerin gewesen war. Neben den Bildern kommt die Wanduhr und dann ein grosses Holzkreuz. Der untere Arm des Kreuzes berührt beinahe den weissen Haarkranz des 80jährigen Albert. Er sitzt am Stubentisch und hat den Nachtvorhang gerade so weit zugezogen, dass ihn die strahlende Sonne an diesem Dezembernachmittag nicht blendet. Doch auch mit zugekniffenen Augen gibt es keinen Zweifel: Er ist es! Der wache Blick, das verschmitzte Lächeln um die Mundwinkel, der wilde Backenbart. Er ist der in der Mitte. In der Fernsehwerbung und auf grossen Plakaten wirbt er, in Appenzeller Tracht gekleidet, für den einheimischen Käse. «Ich sitze immer zwischen Bollhalder und Inauen», bestätigt er. Letzteren kenne er schon seit ewig. Den Bollhalder hingegen habe er erst kennen gelernt, als das anfing mit den Werbeaufnahmen. Dass er dem grossen Publikum verschweigt, dass seine bessere Hälfte solcherlei Talente besitzt, sei dem Mann in diesem Fall verziehen. Denn: Reden darf er ja nicht. Sitzt wie ein stummer Hummer zwischen Bollhalder und Inauen und lässt sich auf Teufel komm raus kein Sterbenswörtchen abluchsen über das Geheimnis der Käseherstellung. «Mit diesem Schauspieler, wie hiess er noch gleich, Ochsenknecht, Uwe», also mit dem habe ich mich während den Dreharbeiten sehr gut verstanden.» Er sei es auch gewesen, der ihm erklärt habe, wie das alles ablaufe während den Aufnahmen und was es bedeute, wenn jemand «Action» rufe, erzählt Albert Neff in seiner näselnden Mundart und lacht still in sich hinein.

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Für ein Treffen der grossen Familie ins Säli im «Leimensteig»

Cäcilia legt ihre Lismete – sie strickt Trachtenstrümpfe und Zipfelmützen in einer Geschwindigkeit, als hätte sie Motörchen in den kräftigen Armen – in die Schuhschachtel mit der Wolle, die auf der Eckbank liegt und geht zum Stubenbuffet, auf dessen Ablage eine stolze Herde «Beechüe» und -chälbli» stehen – geschnitzt von Cäcilia. Auch die alte Pfanne mit dem Weihrauch und dem Sträusschen aus Stechpalme, Thuja und Wacholder für das Räuchli am Weihnachtstag liegen dort schon bereit. Sie kramt eine Schachtel mit Zeitungsausschnitten und Bildern hervor: Der Albert posierend mit nationaler und regionaler Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Dazwischen tauchen Bilder von einer grossen Kinderschar auf. 27 Enkel und Enkelinnen haben Cäcilia und Albert Neff. Nein, in der Stube werde es zu eng mit allen. Da biete der nahe «Leimensteig » besser Platz. Und Greti, die Tochter, die dort Wirtin sei und eigentlich Lydia heisse, richte gern ein Festli aus für den ganzen «Neff-Schuppel». Das wären dann, wenn man nachzählt, 36 Personen. Dazu die Ehegattinnen und Gatten. Gretis einzige Schwester Gabi ist Schafbäuerin geworden; die Brüder arbeiten als Zimmermann und Chauffeur; Frowin, der jüngste und einzige nicht verheiratete Sohn, ist ein begnadeter Schweizer Volksmusikant, der mit unterschiedlichsten Formationen auftritt.

Sie wollten grosszügiger sein, als die Eltern es waren

Der älteste Sohn Pius hat im Jahr 2001 den Hof der Eltern, den Cäcilias Vater selbst erst als Pächter geführt und 1958 hatte kaufen können, als Eigentümer übernommen. «Wir wollten nicht so sein wie mein Vater», sagt Cäcilia. Der habe ihr und Albert den Hof viele Jahre lang nur als Pächter überlassen und jeden Umbau, jede Neuerung selber bestimmen wollen. «Eine Dusche einbauen etwa fand er unnötigen Luxus», erzählt Cäcilia. Heute lebt Pius mit seiner Familie im um- und ausgebauten Hausteil nebenan. Cäcilia und Albert hatten nach ihrer Heirat erst einen Hof in St.Georgen bei St.Gallen gepachtet und später für kurze Zeit einen Betrieb der dortigen Ortsbürgergemeinde bewirtschaftet. 1966 zogen sie, damals bereits Eltern von zwei Kindern, zurück auf den Gehrenberg. Und zwar um alle Cheren herum mit dem Zügelwagen.