Erster Viertausender
Die magische Grenze geknackt

Das Allalinhorn gilt als einfacher Gipfel und ist beliebt bei Bergsteigern, welche die 4000er-Marke knacken wollen. Da konnte unser Autor nicht widerstehen - ein Spaziergang war es aber nicht.

Roman Schenkel
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Das Ziel: Das Allalinhorn oberhalb von Saas-Fee.

Das Ziel: Das Allalinhorn oberhalb von Saas-Fee.

Die Höhe eines Berges ist relativ. Mein bergerfahrener Freund sagt zum Allalinhorn (4027 m). «Ein einfacher Berg, da kommst du problemlos hinauf». Mein Sohn hingegen staunt über mein Ziel, das fast doppelt so hoch sein soll wie unser Hausberg Pilatus.

Egal welche Perspektive, für mich ist es die erste Tour auf einen Viertausender. Da macht es Sinn mit einem Berg zu beginnen, der meinen Fähigkeiten und Erfahrungen entspricht. Dafür ist das Allalinhorn perfekt geeignet. Majestätisch sollte es über Saas-Fee thronen. Doch am Vorabend der Tour versteckt es sich irgendwo hoch oben in den Wolken. Wie auch die anderen Viertausender, die das schmucke Walliser Bergdorf umrahmen. Die Höhe lässt sich von unten nur erahnen.

Mit der U-Bahn den Berg hinauf

Mit der U-Bahn den Berg hinauf.

Mit der U-Bahn den Berg hinauf.

Der nächste Tag aber bietet perfektes Tourenwetter. Noch ist es dunkel im Saas-Tal. Doch schon auf dem Weg mit dem Elektrotaxi zur Seilbahnstation ist mein Ziel zu sehen. Das Allalinhorn gilt als technisch relativ einfacher Viertausender. Und ist deshalb bei Bergsteigern, welche die Marke knacken wollen, äusserst beliebt. Gelangt man doch in einer knappen halben Stunde mit der Felskinn-Seilbahn und der Metro Alpin (die «höchste U-Bahn der Welt») bis auf 3456 Meter und braucht nur noch die letzten 580 Höhenmeter über den Feegletscher hinauf auf den Gipfel hinter sich zu bringen. Rund 15000 Gipfelbesteigungen gibt es pro Jahr.

Doch Vorsicht: «Auch ein technisch einfacher Viertausender birgt Gefahren», warnt Bergführer Egon Zuber, den unsere vierköpfige Tourengruppe frühmorgens unten an der Bahnstation getroffen hat. Fürwahr: Oben angekommen sehen auch die letzten 580 Meter hinauf auf den Gipfel gar nicht mehr nach so wenig aus.

Die Route lässt sich von weitem erahnen. Sie führt vorbei an mächtigen Gletscherspalten. «Wer einen Viertausender besteigt, sollte bergerfahren sein», mahnt deshalb Zuber, während er prüft, ob wir unsere Steigeisen satt an den Bergschuhen montiert haben. Auch der Klettergurt muss richtig sitzen. Steigeisen sind ein Muss, genauso wie der solide Umgang mit Pickel und Seil. Auch am Allalinhorn gibt es regelmässig schwere Unfälle. Zuber hat den Berg «wohl schon über 200 Mal» bestiegen. Er hat so einiges gesehen: «Viele Leute überschätzen sich und ihre Fähigkeiten.»

Zuerst gehts der Skipiste entlang

Dann geht’s los. Die Sonne ist aufgegangen und taucht die Bergwelt in leuchtendes Licht. Die ersten 500 Meter gestalten sich wenig alpin, es geht entlang der Skipiste, die für die Skicracks aus aller Welt präpariert wird, damit sie hier oben auf dem Gletscher ihre Schwünge für den Weltcup-Winter trainieren können. Die Piste verschiebe sich immer etwas mehr nach oben, erzählt der Bergführer. Der Klimawandel lässt grüssen.

Das braucht es für den ersten Viertausender

Eine Tour auf einen Viertausender muss gut vorbereitet sein. Wer nicht über viel Erfahrung am Berg verfügt, der sollte einen Bergführer engagieren. Denn selbst auf einem «einfachen» Berg wie dem Allalinhorn gibt es regelmässig Unfälle. Zudem braucht es die richtige Ausrüstung. Unabdingbar sind wetterfeste Jacke und Hose. Bei Jeans rümpfen Bergführer die Nase. Werden sie einmal nass, wird es sehr schnell kalt. Weiter braucht es Kappe oder Stirnband, Handschuhe, ein Wechselshirt für den Gipfel sowie in Rucksack mit Verpflegung und genügend zu trinken. An die Füsse gehören steigeisenfeste Bergschuhe. In der Regel können Steigeisen, Pickel, Klettergurt und Stöcke vom Bergsteigerunternehmen gemietet werden. Im Saastal bieten verschiedene Unternehmen Touren auf Viertausender in der Region an. Etwa Saas-Fee Guides, Active Dreams, Bergführer Guide Allalin oder das Bergführerbüro Kurt Arnold. Die Tour sollte nicht als Eintagestour geplant werden. Auf Saas-Fee (1800 m) kann man sich für die Höhe akklimatisieren. Im Bergdorf findet man Übernachtungsmöglichkeiten für jedes Budget. Die Website von Saastal Tourismus bietet eine grosse Auswahl. (rom)

Nun wird angeseilt. Zusammen mit dem Bergführer bilden wir ein Fünfergespann. In der Spur durch den Tiefschnee über den Gletscher geht es langsam voran. Schritt für Schritt. Höhenmeter um Höhenmeter. «Das ist die wichtigste Regel am Berg», sagt Bergführer Zuber, der vorangeht. «Langsam machen!» Sonst reicht die dünner werdende Luft nicht lange.

Schritt für Schritt geht vorwärts.

Schritt für Schritt geht vorwärts.

Es wird nicht viel gesprochen. Jeder ist mit sich selber. Sauerstoff sparen und nicht aus dem Tritt kommen, lautet die Devise. Denn auch trotz guter Kondition komme ich schon etwas ins Schnaufen. Aber das Gehen am Seil macht Spass. Die Steigeisen sind etwas ungewohnt, aber schon bald hat man den Dreh raus. Die Temperatur steigt. Am frühen Morgen war ich froh, um die Thermounterwäsche, nun bin ich froh um die Lüftungsschlitze bei Hosen und Jacke.

Das Matterhorn taucht auf

Nach rund einer Stunde erreichen wir das Feejoch. Nun wird die Aussicht, die sonst schon phänomenal war, um 180 Grad erweitert. Der wohl bekannteste Gipfel, das Matterhorn (4478 m) taucht auf, der Grand Combin (4314 m) und ganz im Westen kann man sogar den Mont Blanc (4810 m) sehen. Egon Zuber kennt jeden Gipfel, jeden Pass, jede Hütte.

Schon die Aussicht vom Feejoch ist nicht schlecht. Den Berg in der Bildmitte kennt jeder.

Schon die Aussicht vom Feejoch ist nicht schlecht. Den Berg in der Bildmitte kennt jeder.

Nach einer kurzen Pause – man kann an dieser Aussicht schliesslich nicht einfach so vorbeimaschieren – stapfen wir im Schnee nun der Westflanke folgend weiter nach oben. Das verputzte Schoggistängeli gibt neue Energie. Das ist auch gut so. Denn ab hier wird die Route stotziger. Anders als bei Skitouren mit viel zickzack führt uns Egon Zuber mit wenig Umweg in die Höhe. Auch der Untergrund hat sich verändert. Der Wind bläst hier über die Kuppe, der Schnee ist hart. Hier könne es auch Mal blankes Eis sein, sagt Zuber. Doch dank der Steigeisen kommen wir problemlos und sicher vorwärts.

Blick vom Allalin-Gipfel auf den Schlussgrat.

Blick vom Allalin-Gipfel auf den Schlussgrat.

Und dann – viel früher als ich erwartet hatte – taucht das Gipfelkreuz des Allalinhorns auf. Die letzten Meter in die Höhe führen über Geröll und Felsen. Über einen schmalen Schneegrat geht es schliesslich hinauf auf 4027 Meter. Geschafft! Der Ausblick ist atemberaubend. Berge, wohin man blickt. Rund um uns eröffnet sich der Blick auf nahezu alle 48 Viertausender der Schweiz. Mönch, Jungfrau, Matterhorn, Dom und wie sie alle heissen, bilden das Panorama am Allalinhorn.

Beim Abstieg gilt es wie Charly Chaplin zu gehen

Nach dem Staunen und den obligaten Gipfelfotos, verlassen wir den höchsten Punkt wieder und rasten etwas weiter unten an einem windgeschützten Ort. Dort geniessen wir nochmals die Aussicht, lachen über Bergführeranekdoten und lassen uns die Spaghettiroute erklären. Die Mehrtagestour hat den Namen, weil man stets in Berghütten auf italienischer Seite übernachtet.

Das obligate Gipfelfoto darf natürlich nicht fehlen.

Das obligate Gipfelfoto darf natürlich nicht fehlen.

Gestärkt machen wir uns an den Abstieg. Während ich beim Aufstieg das Schlusslicht war, gehe ich nun voran. Den Rat des Bergführers, wie Charly Chaplin zu laufen, um nicht über die Steigeisen zu stolpern, beherzige ich schnell. Ungern möchte ich die ganze Gruppe ins Straucheln bringen. Der Schnee ist inzwischen sulzig.

Eine Gletscherspalte, über die wir am Morgen noch überquert haben, umgehen wir aus Sicherheitsgründen grosszügig. Regelmässig sinke ich tief mit einem Fuss ein.

Eine mächtige Gletscherspalte, die wir beim Abstieg grosszügig umgehen.

Eine mächtige Gletscherspalte, die wir beim Abstieg grosszügig umgehen.

Doch hinunter geht es deutlich einfacher und schon bald erreichen wir die Bergstation Mittelallalin. Rundum zufrieden und durchaus auch etwas erschöpft ruhen wir uns in der Sonne aus. Es war ein perfekter Tag. Das einzige was ich mir für den nächsten Viertausender noch auf die Packliste schreibe: den Gipfelwein.

Hinweis: Die Hochtour auf das Allalinhorn wurde von Saastal Tourismus finanziert.

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